Terror in Straßburg Polizei tötet Chérif Chekatt

Straßburg / AFP/dpa/SWP 13.12.2018
Der mutmaßliche Straßburger Attentäter Chérif Chekatt ist zwei Tage nach dem Terroranschlag von der Polizei getötet worden.

+++ Donnerstag, 13. Dezember +++

Der mutmaßliche Straßburger Attentäter Chérif Chekatt ist zwei Tage nach dem Terroranschlag in der elsässischen Metropole getötet worden. Der 29-Jährige ist in Neudorf, einem Stadtviertel Straßburgs, getötet worden. Er habe auf Polizisten geschossen, die das Feuer erwidert hätten.

Wie am Donnerstag bekannt wurde, ist am Mittwochabend am Ulmer Hauptbahnhof ein ICE durchsucht worden. Ein Reisender hatte der Polizei den Tipp gegeben, der Verdächtige des Terroranschlags von Straßburg könne sich im Zug befinden.

Die verstärkten Grenzkontrollen von Frankreich nach Baden-Württemberg gehen nach dem Terroranschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt vom Dienstag auch an diesem Donnerstag weiter.

+++ Mittwoch, 12. Dezember +++

Die französische Polizei fahndet nun öffentlich nach dem Verdächtigen Chérif Chekatt. Sie gab am Mittwochabend einen offiziellen Fahndungsaufruf mit einem Foto heraus, in dem sie die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach dem 29-Jährigen bat. Der Gesuchte sei 1,80 Meter groß, habe kurze Haare, sei vielleicht Bartträger und habe eine Narbe auf der Stirn.

Nach dem Anschlag von Straßburg wird verstärkt kontrolliert – auf dem Weihnachtsmarkt der französischen Stadt, aber auch an den Grenzen nach Baden-Württemberg.
Nach dem Anschlag von Straßburg wird verstärkt kontrolliert – auf dem Weihnachtsmarkt der französischen Stadt, aber auch an den Grenzen nach Baden-Württemberg. © Foto: dpa

Bei einem Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt sind mindestens drei Menschen getötet worden, wie Frankreichs Innenminister Christophe Castaner am frühen Morgen mitteilte. Zwölf weitere wurden verletzt, acht von ihnen schwer. Nach jetziger Kenntnis des Auswärtigen Amtes sind keine Deutschen unter den Opfern.

Frankreichs Regierung ließ nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausrufen. Das bedeute verstärkte Kontrollen an den Grenzen des Landes, erläuterte Castaner. Auch Weihnachtsmärkte würden stärker kontrolliert. Laut dem Minister war der mutmaßliche Täter bereits wegen Delikten in Frankreich und Deutschland verurteilt worden.

Die Polizei hatte auf der A1 bei Bremen ein Taxi mit französischem Kennzeichen gestoppt und drei Personen festgenommen. Inzwischen sind die Männer wieder frei. Eine gründliche Durchsuchung des Taxis von Beamten der Spurensicherung hatte keinerlei Anhaltspunkte für einen Verdacht ergeben.

RBB-Inforadio berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, Chekatt sei unmittelbar vor der Tat aus Deutschland angerufen worden. Er habe den Anruf jedoch nicht angenommen. Unklar sei, wer ihn angerufen habe und warum. Dieser Frage gehen deutsche Ermittler nun intensiv nach, wie der Sender weiter berichtete.

Die baden-württembergischen Sicherheitsbehörden fahnden intensiv nach dem mutmaßlichen Straßburg-Attentäter, der möglicherweise über die Grenze geflüchtet ist. „Auf beiden Seiten des Rheins laufen alle polizeilichen Maßnahmen auf Hochtouren“, sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Mittwochmittag am Rande einer Landtagssitzung in Stuttgart.

Ein Bewaffneter hatte nach Angaben der Präfektur gegen 20 Uhr nahe dem Weihnachtsmarkt der Elsass-Metropole das Feuer eröffnet. Castaner beschrieb den genauen Tatort nicht näher und sagte lediglich, der Täter habe an drei verschiedenen Orten in der Stadt „Terror“ verbreitet. Zwischen 20 und 21 Uhr habe er sich zweimal einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften im Patrouilleneinsatz geliefert. Soldaten schossen den mutmaßlichen Täter nach Polizeiangaben bei der Flucht an. Eine Patrouille habe den Angreifer getroffen, ihn aber nicht an der Flucht hindern können, teilte die Polizei mit.

Erste Erkenntnisse ließen ein terroristisches Motiv denkbar erscheinen: Anti-Terror-Spezialisten der Pariser Staatsanwaltschaft übernahmen die Ermittlungen. Die Untersuchung wurde unter anderem dem Inlandsgeheimdienst DGSI übergeben, wie Justizkreise der Deutschen Presse-Agentur in Paris bestätigten.

Angreifer war polizeibekannt

Der mutmaßliche Schütze war den französischen Behörden als potenzieller Gefährder bekannt. Er sei in einer entsprechenden Datei verzeichnet gewesen, teilte die Präfektur am Dienstagabend in Straßburg mit. Nach Medienberichten soll es sich bei dem Mann um einen 29-jährigen Straßburger handeln. Er sollte nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP am Dienstagmorgen im Zuge von Ermittlungen wegen Mordversuchs festgenommen werden. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung Stunden vor den Schüssen sollen Granaten gefunden worden sein, wie France Info und die Zeitung „Le Parisien“ berichteten.

Bewohner sollen zu Hause bleiben

Augenzeugen berichteten, dass gegen 20 Uhr mehrere Schüsse zu hören gewesen seien. Die Menschen in den Gassen hätten die Flucht ergriffen. „Wir haben mehrere Schüsse gehört, vielleicht drei, und dann haben wir Leute rennen sehen“, sagte eine Augenzeugin der Nachrichtenagentur AFP. „Eine von ihnen ist gestürzt - ich weiß nicht, ob sie gestolpert ist oder getroffen wurde.“

Weite Teile der Straßburger Innenstadt wurden von Dienstagabend an über Stunden abgeriegelt. Menschen wurden dazu aufgerufen, die Innenstadt in Richtung Norden zu verlassen und nicht in Richtung des südöstlich gelegenen Stadtteils Neudorf zu gehen. Dort war nach dem flüchtigen Tatverdächtigen gefahndet worden. Die Polizei rief die Bürger dazu auf, Ruhe zu bewahren und den Anweisungen der Sicherheitskräfte zu folgen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron entsandte Innenminister Castaner an den Tatort und ließ sich nach Angaben seines Büros laufend über die Ereignisse informieren. Das Innenministerium sprach von einem „ernsthaften Sicherheitsvorfall“ und forderte die Bewohner auf, zu Hause zu bleiben.

EU-Parlament abgeriegelt

Nach den Schüssen auf dem Weihnachtsmarkt riegelte die Polizei auch das Gebäude des Europäischen Parlaments in Straßburg ab, wie ein AFP-Reporter berichtete. Dort finden in dieser Woche Plenarsitzungen des Parlaments statt, hunderte Abgeordnete und ihre Mitarbeiter halten sich deshalb in der Stadt auf. Wegen der polizeilichen Absperrung konnten Parlamentarier, Mitarbeiter und Journalisten das Gebäude am Abend zunächst nicht verlassen.

„Meine Gedanken sind bei den Opfern der Schießerei in Straßburg, die ich mit großer Entschiedenheit verurteile“, schrieb EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Kurznachrichtendienst Twitter. Straßburg sei eine symbolische Stadt für den Frieden und die europäische Demokratie. „Werte, die wir immer verteidigen werden.“ Die EU-Kommission stehe an der Seite Frankreichs.

Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert äußerte sich auf Twitter „erschüttert über die schreckliche Nachricht“ aus Straßburg. „Welches Motiv auch immer hinter den Schüssen steckt: Wir trauern um die Getöteten und sind mit unseren Gedanken und Wünschen bei den Verletzten. Hoffentlich gerät niemand mehr in Gefahr.“

Polizei bittet darum, keine Falschinformationen zu verbreiten

„Die Terrorgefahr ist sehr hoch“, hatte Frankreichs Innenstaatsekretär Laurent Nuñez im November bei einem Besuch zu Beginn des Straßburger Weihnachtsmarkts gesagt. „Die Vorkehrungen sind getroffen, um dieses für Straßburg und Frankreich so wichtige Ereignis mit seinen vielen Besuchern aus aller Welt zu sichern.“

Der Straßburger Weihnachtsmarkt ist einer der ältesten und größten in Europa. Nach Angaben der Stadt gibt auf dem Markt in der historischen Innenstadt rund 300 Buden. Der Markt zieht viele Besucher in die elsässische Stadt. Er gilt seit längerem als potenzielles Ziel für eine Terrorangriff und wird deswegen verstärkt von der Polizei bewacht.

Täglich sind rund 300 Polizisten und 160 private Wachleute auf dem Weihnachtsmarkt im Einsatz. Die Zufahrt für Autos ist drastisch eingeschränkt, Betonblöcke sollen Auto-Attentäter abhalten.

Die Polizei bat auf Twitter darum, keine falschen Informationen zu verbreiten. Am deutsch-französischen Grenzübergang kontrollierte sie am Abend Autos, die von Deutschland nach Frankreich fuhren, wie eine dpa-Reporterin berichtete. „Wir verstärken (...) aktuell die Kontrollen an der deutsch-französischen Grenze in diesem Bereich“, teilte die Bundespolizei Baden-Württemberg auf Twitter mit. Später twitterte sie, dass der Verkehr einer grenzüberschreitenden Straßenbahn eingestellt worden sei. „Sofern möglich vermeiden Sie bitte aktuell den Grenzübertritt im Bereich Kehl“, hieß es weiter.

Frankreich immer wieder Ziel von Anschlägen

Der Weihnachtsmarkt in Straßburg bleibt am Mittwoch geschlossen. Auch die kulturellen Einrichtungen der Stadt öffnen nicht, wie es in einer Mitteilung der Stadt hieß. Der Unterricht sollte am Mittwoch an Grundschulen und Vorschulen ausgesetzt werden. Eltern wurde geraten, ihre Kinder zu Hause zu lassen, wie die Präfektur mitteilte. An weiterführenden Schulen und Hochschulen sollte der Unterricht stattfinden.

Frankreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von islamistisch motivierten Terroranschlägen geworden, die fast 250 Menschen das Leben kosteten.

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