München Sänger Udo Jürgens wird 80 Jahre alt - und geht noch einmal auf Tournee

ROLAND MISCHKE 30.09.2014
Seit den 1950er Jahren steht er auf der Bühne, hat ungezählte Konzertreisen absolviert, mehr als 50 Alben veröffentlicht, über 100 Millionen Tonträger verkauft: Heute wird Udo Jürgens 80 - und er macht weiter.

Es wird anstrengend, das weiß er. Die Tour "Mitten im Leben" beginnt am 24. Oktober und wird den würdig gealterten Star bis weit ins Jahr 2015 hinein durch die deutschsprachigen Länder führen. "Gott sei Dank muss ich nicht mehr jung sein", soll Udo Jürgens bei der Vorbereitung gestöhnt haben. "Die Leute wissen, dass da ein alter Typ steht." 80 ist er seit heute.

Jürgens spricht mit tiefen Resonanztönen. Die hat er Frank Sinatra abgehört, "für mich das größte Vorbild aller Zeiten", sagte er. Sinatra und Jürgens haben nie miteinander geredet, aber der Jüngere wusste: "Man muss aus der Sprache heraus singen und versuchen, die Töne auf den verschiedenen Längen und in verschiedenen Lagen zu halten. Wenn das gelingt, wird ein Gesang unglaublich natürlich."

Weil er das kann, sieht er sich als Chansonsänger, er vergleicht sich gern mit Jacques Brel und Gilbert Bécaud. Ihm komme es auf den Text an, er überführe die Musik in "eine Form von Literatur".

Seit den 50er Jahren steht Udo Jürgens auf der Bühne. Er hat ungezählte Konzertreisen absolviert, mehr als 50 Alben veröffentlicht, über 100 Millionen Tonträger verkauft. Er sieht sich als Komponist und ist stolz darauf, alle seine Lieder selbst komponiert zu haben. Mit den Texten haben ihm andere geholfen, etwa Joachim Fuchsberger oder Michael Kunze.

Dass seine Fans "Aber bitte mit Sahne", "Griechischer Wein" oder "Ich war noch niemals in New York" seit Jahrzehnten unverdrossen mögen, führt Jürgens darauf zurück, dass er darin Geschichten erzählt. "Die Leute haben meine Lieder wie ein Buch gelesen", hat er der "Zeit" erklärt. "Das ist heute noch so, dass die Lieder mit Geschichten die Leute am tiefsten berühren."

Zu erzählen hat das einstige Kriegskind viel. Als Schüler wurde er in Klagenfurt vom Lehrer mit dem Stock verdroschen, im Deutschen Jungvolk, Vorläufer der Hitlerjugend, wurde er von einem Jungenschaftsführer so stark geohrfeigt, dass er bis heute auf dem linken Ohr schlecht hört. In seiner Klasse war er schwächlich, mager und im Sport immer der Schlechteste, weshalb er ständig gehänselt wurde.

Udo wuchs auf Schloss Ottmanach in Kärnten auf, seine Mutter aus Schleswig-Holstein hatte dorthin geheiratet. Sie half ihm, als er sich jahrelang allnächtlich mit Alpträumen plagte. Noch als Erwachsener und trotz seiner Erfolge litt er lange an Schlaflosigkeit, ein Symptom von Depression. Der kleine Udo hatte sich das Klavierspielen selber beigebracht, obwohl der Vater dagegen war. Als der Alte eines Nachts den Jungen am Klavier hörte, war er berührt und unterstützte ihn fortan.

In Hamburg erlebte Jürgens als blutjunger Mann den "schönsten Abend meines Lebens". Er hockte in einer Bar auf der Reeperbahn, das Radio dudelte - und auf einmal hörte er Shirley Bassey, die "I Reach For The Stars" sang. Diesen Song hatte er komponiert, ein Agent hatte das Lied in die USA gegeben.

Der Durchbruch kam 1969, als Jürgens mit 266 Konzerten durch ganz Europa tourte, auch im Osten mochte man die Mischung aus Schlager, Chanson und Pop. Beim Auftaktkonzert in Hamburg geriet das Publikum in Ekstase, der Sänger wurde noch aus der Garderobe im Bademantel auf die Bühne genötigt. Die Frauen schrien, einige fielen in Ohnmacht, während er Zugaben gab, danach stürmte das Publikum die Bühne und den Garderobentrakt. Plötzlich war er Superstar.

Das ist lange her. Dazwischen liegt ein Leben mit zwei Ehen, vier Kindern und unzähligen Affären. Jürgens: "Das Glück ist ein flüchtiger Vogel."

Interview mit dem Entertainer: Nicht auf die Bühne tragen lassen

Als Sie 70 wurden, haben Sie ihr "biologisches Alter" mit "ungefähr 50" angegeben. Wie fühlen Sie sich heute?
Vielleicht wie 51 (schmunzelt). Also, ich merke keinen großen Unterschied, abgesehen von den typischen Wehwehchen, die man so hat, wenn man älter wird. Aber es gibt keinen Unterschied in meinem Geist. Dass die Lebensfreude verloren geht oder dass man zum Zyniker wird - wie das beim Älterwerden ja oft der Fall ist -, ist ausgeblieben bei mir. Wobei ich durchaus weiß, wie alt ich bin. Ich mache kein Geheimnis daraus und ich versuche nicht, durch alle möglichen Tricks jünger zu erscheinen.

Was nervt am Älterwerden?
Die Verkürzung des vor einem liegenden Weges. Es wird einem irgendwann bewusst, dass jeder Tag eine Verkürzung ist. Man sieht links und rechts im Freundeskreis die schweren Erkrankungen, die mit dem Alter begünstigt werden. Schon eine Grippe ist mit 80 lebensgefährlich. Bei mir sind es, Gott sei Dank, bisher nur Wehwehchen. Das Älterwerden ist auch eine Kopfsache. Dass man sich dem im Kopf stellt und es nicht leugnet, ist ganz wichtig. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, ist der Unterschied zu früher nicht groß. Meine Stimme funktioniert genauso gut wie früher.

Da Ihre 25. Tournee "Mitten im Leben" heißt, ist sie sicher nicht als Abschied gedacht. Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?
Ja, aber erstmal keine neue Tournee. Ich werde in mich hineinhorchen. Ich will erstmal wieder kreativ sein. Wenn das gelingt und ich der Meinung bin, dass ich etwas Neues, Interessantes geschrieben habe, dann will ich damit auch wieder auf die Bühne. Die Frage ist, ob das dann Konzertsäle sein werden. Ich träume davon, mal wieder in Klubs aufzutreten. Eines ist aber sicher: Es wird nie so weit kommen, dass man mich auf die Bühne tragen muss.

Zur Person Stationen im Leben von Udo Jürgens:

30. September 1934 in Klagenfurt geboren als Jürgen Udo Bockelmann.

1950er Jahre Musikstudium am Mozarteum in Salzburg.

1964 und 1965 Teilnahme am European Song Contest für Österreich; einmal sechster, einmal erster Platz.

1964 bis 89 verheiratet mit dem ehemaligen Model Erika Maier, genannt Panja; ein Sohn, eine Tochter. Nebenher zwei uneheliche Töchter.

1977 Wechsel in die Schweiz, deren Staatsbürgerschaft Udo Jürgens seit 2007 besitzt.

1978 größter finanzieller Erfolg mit "Buenos dias, Argentina" mit der deutschen Nationalmannschaft.

1999 Heirat mit der deutschen Lebensgefährtin Corinna Reinhold, 2006 Scheidung. dpa

SWP