Seit 1988 gibt es in Europa eine besondere Auszeichnung: Den Sacharow-Preis für Meinungsfreiheit. Jedes Jahr verleiht das EU-Parlament diesen Preis, der nach einem sowjetischen Dissidenten benannt ist. Selten war der Ursprung des Preises so relevant wie heute.
Am 19. Oktober 2022 gab das EU-Parlament bekannt, dass die diesjährige Auszeichnung an das ukrainische Volk gehen soll. Vertreten durch seinen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und weitere gewählte Vertreter sowie die Zivilgesellschaft, erhalten die Ukrainer für ihre derzeitigen Kämpfe und Leiden den Preis, so Parlamentspräsidentin Roberta Metsola.
Was der Sacharow-Preis ist und was das Preisgeld ist, wird hier erklärt.

Preisgeld und Verleihung des Sacharow-Preis

Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 14. Dezember in Straßburg während der letzten Parlaments-Plenarsitzung des Jahres verliehen. Er zeichnet Persönlichkeiten und Institutionen aus, die sich besonders für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten, für die Achtung des Völkerrechts und für geistige Freiheit einsetzen.

Andrej Sacharow: Dissident und Friedensnobelpreisträger

Der Sacharow-Preis ist nach dem 1989 verstorbenen sowjetischen Dissidenten und Physiker Andrej Sacharow benannt. Geboren wurde er 1921 in Moskau, wo er lange gearbeitet hat. Als Physiker sollte er an einer neuen Waffe arbeiten, einer Wasserstoffbombe. Diese entwickelt er auch – und kann heute somit als einer der Mitbegründer einer Atommacht gesehen werden. Dass die Sowjetunion überhaupt so mächtig wurde, liegt in Teilen an Andrej Sacharow und seiner Wasserstoffbombe.
Umso bemerkenswerter ist es daher, was später aus ihm wurde. Er beginnt in den späten 60er Jahren an einer geheimen Denkschrift zu arbeiten: „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“ heißt es. Darin fordert er die Freilassung politischer Gefangener, Einsatz für Frieden und Umweltschutz und den Verbot von Kriegswaffen. 1968 wird er verraten und vom Geheimdienst festgenommen. Er verliert seinen Job - woraufhin er sich ganz dem Widerstand gegen das Regime widmet.
Seine verbotene Denkschrift schafft es an die Öffentlichkeit und wird im Juli 1968 in der New York Times publiziert. 1973 spricht Sacharow öffentlich mit westlichen Medien und gibt ein scharfes Urteil über sein Land. Die Führung sei „schrecklich egoistisch“. „Es ist eine egoistische Klassenverwaltung, die im Wesentlichen nur ein Ziel verfolgt: die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten und ungeachtet der misslichen Verhältnisse den Schein des Wohlstandes nach außen hin zu wahren.“ Er informiert über die Zustände in der Sowjetunion und insbesondere über die Lage von politischen Häftlingen.
Sacharow wird daraufhin verbannt und darf nur noch unter Aufsicht der KGB leben und arbeiten. 1975 wird ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Erst 1986 wird er dann von Michail Gorbatschow höchstpersönlich gebeten, zurückzukehren und sich politisch zu engagieren.
Im Juni 1989 fordert Sacharow als erste Person jemals öffentlich die Abschaffung des politischen Systems, es solle freie Wahlen geben. Es führt zu Tumulten - erst ein Jahr später wird das sowjetische Volk für seine Ideen bereit sein. Im Dezember 1989 stirbt er an Herzversagen.

Ukrainisches Volk erhält Sacharow-Preis

Man kann sich nur vorstellen, dass sich Andrej Sacharow im Hinblick auf die aktuellen Situation in Russland im Grab umdrehen muss. Seine Vision für sein Land ist nicht in Erfüllung gegangen – zumindest nicht für Russland. Die Ukraine hingegen versucht gerade genau das zu tun, was Sacharow gefordert hat. "Diese Auszeichnung ist für die Ukrainer, die vor Ort kämpfen, für diejenigen, die fliehen mussten, für diejenigen, die Verwandte und Freunde verloren haben", so Roberta Metsola in Straßburg. „Ukrainer verteidigen seit Monaten heldenhaft ihr Leben, ihre Familien und ihre Freiheit. Sie riskieren ihr Leben auch für Europa und die Werte, an die wir alle glauben, für Frieden und Demokratie.“