Moskau / AXEL EICHHOLZ Die politischen Spannungen zwischen Moskau und Washington erreichen offenbar das All. Russland will sich angeblich aus der Raumstation ISS zurückziehen und eine eigene Station aufbauen. Baubeginn: 2017.

Das Ende der Zusammenarbeit hatte sich schon länger angekündigt, nun wird es offenbar konkreter: Russland will sich aus der Internationalen Weltraumstation ISS zurückziehen und stattdessen eine eigene Raumeinheit aufbauen. Das zumindest berichtete die Tageszeitung "Kommersant" jüngst unter Berufung auf eine Quelle im Zentralen Forschungsinstitut für Schwermaschinenbau. So soll mit den Arbeiten 2017 begonnen werden. Seine ISS-Verpflichtungen werde Moskau bis 2020 wie geplant erfüllen - das bisherige russische Segment gibt es jedoch auf. Einer von den USA vorgeschlagenen Verlängerung des Projekts bis 2024 werde Russland angeblich nicht zustimmen.

Ein Teil der ursprünglich für die ISS bestimmten Module solle in der neuen nationalen Raumstation verwendet werden, heißt es. Demnach soll der Aufbau der russischen Station 2019 in groben Zügen abgeschlossen sein. Die Grundkonstruktion werde sich aus einem Mehrzwecklabor, einem Andockmodul und dem autonomen Modul OKA-T zusammensetzen. Die Station soll mit Hilfe der Raumschiffe Sojus-MS und Progress-MS versorgt werden. In der Zeit von 2020 bis 2024 sei an die Entwicklung eines Energiemoduls für das nationale Mondprogramm gedacht, so die Zeitung.

Vor dem Hintergrund der Abkühlung der Beziehungen zwischen Moskau und Washington hatte der für Rüstungsfragen und Raumfahrt zuständige Vizeregierungschef Dmitri Rogosin bereits im Mai mitgeteilt, dass Russland nicht die Absicht habe, das ISS-Projekt bis 2024 zu verlängern. Das frei werdende Geld werde für andere Vorhaben in der bemannten Raumfahrt genutzt.

Anfang November informierte der Leiter der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Oleg Ostapenko, den Nasa-Chef Charles Bolden darüber, dass die endgültige Entscheidung über eine eventuelle Verlängerung des Einsatzes der ISS über 2020 hinaus bis Ende 2014 fallen werde.

Die Notwendigkeit einer eigenen Station wird in Moskau mit technischen Erwägungen begründet. Deren Orbitneigung soll 64,8 Grad betragen. Damit werden Starts vom militärischen Raketengelände Plessezk bei Archangelsk möglich. Zudem stünde der neue Weltraumbahnhof bei Wladiwostok, der im russischen fernen Osten 2018 eingeweiht wird, der zivilen Raumfahrt zur Verfügung. So könnten politische Probleme bei der Nutzung des Raumbahnhofs Baikonur in Kasachstan eliminiert werden.

Von der neuen Raumstation ließen sich fast 90 Prozent des russischen Territoriums inklusive des arktischen Festlandsockels überblicken, während von der ISS aus nur fünf Prozent des russischen Gebiets zu sehen seien. Nicht zuletzt soll das Projekt der Erprobung bemannter Fluggeräte im Rahmen des geplanten russischen Mondprogramms dienen. Teile der künftigen Infrastruktur sollen zuerst zur Raumstation und erst danach zum Mond weitergeschickt werden.

Über die Kosten wird zunächst nichts mitgeteilt. Man hoffe, dass diese in der ersten Phase nicht über die für die Internationale Raumstation ISS vorgesehenen und nunmehr frei werdenden Geldmittel hinausgehen werden, heißt es. Russland gab dafür bisher sechsmal weniger aus als die USA, obwohl es die Hälfte der ISS-Besatzung stellt.

Moskau kann sich auf die Erfahrung mit den Raumstationen Saljut und Mir stützen. Schon mit dem Saljut-Programm, das kleine, bemannte Stationen umfasste, sammelten die Sowjet-Russen Erfahrungen für den Aufbau komplexer Strukturen im All. Die modular aufgebaute Mir wurde von 1986 an ins All gebracht. Nach dem Umbruch im Ostblock wurde die Mir von Roskosmos betrieben und gemeinsam mit westlichen Staaten genutzt. Als sie 2001 ausgedient hatte, ließ man sie kontrolliert abstürzen.

Nun will Moskau seine kasachischen Verbündeten über grundlegende Änderungen seines bemannten Raumfahrtprogramms informieren. Eine Tagung der paritätischen Regierungskommission ist am Montag in Astana geplant.

Bisher drei Programme

Saljut Das Saljut-Programm (von 1971 bis 1986) umfasste insgesamt elf kleine zivile ("DOS") und militärische Stationen ("Almas"). Sechs der Stationen waren bemannt. Sie wurden bis zu vier Jahre lang genutzt. Die militärischen Almas-Stationen waren besser ausgerüstet als die zivilen. Almas-Stationen hatten zum Beispiel Fotogeräte an Bord und angeblich waren sie zur Abwehr von US-Abfangsatelliten auch bewaffnet.

Mir Die Mir war eine große Raumstation, die als erste auf einen dauerhaften und wissenschaftlichen Betrieb ausgelegt war und von 1986 bis 2001 die Erde umkreiste. Dem 1986 gestarteten Hauptmodul wurden binnen zehn Jahren sechs weitere Module hinzugefügt. Neben wissenschaftlichen Experimenten wurden dort Erfahrungen über den Langzeitaufenthalt im Weltraum gesammelt. Einige Kosmonauten blieben länger als ein Jahr in der Station. 2001 wurde sie nach einem kontrollierten Absturz im Pazifik versenkt.

Skylab Die USA hatten

mit den Skylab-Missionen lediglich ein Projekt für eine Raumstation. Das

Skylab startete 1973 und verglühte nach sechs Jahren über Australien. Drei Teams mit je drei Astronauten hatten das Weltraumlabor für Experimente und medizinische Tests zwischen vier und zehn Wochen lang bewohnt. sk

SWP