Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird häufig von der Reproduktionszahl gesprochen. Die Zahl beschreibt, wie viele andere Menschen eine Person, die sich mit einer Krankheit infiziert hat, im Durchschnitt ansteckt. Der sogenannte R-Wert oder kurz „R“ bildet das Infektionsgeschehen von etwa eineinhalb Wochen zuvor ab. Seit dem 09.05. liegt die Schätzung der Reproduktionszahl bei knapp über 1, nachdem sie zuvor gesunken war.

Bedeutung der Reproduktionszahl – deshalb muss sie niedrig sein

Anhand der Reproduktionszahl soll herausgefunden werden, wie sich eine Pandemie in einem Land entwickelt. Dennoch ist sie nur einer von vielen Parametern bei der Beobachtung einer Infektionswelle. Laut Robert Koch-Institut (RKI) muss die absolute Zahl der Neuinfektionen klein genug sein, damit Kontaktpersonen effektiv nachverfolgt werden können. Zudem sollen dadurch Intensivbetten nicht überbeansprucht werden.
Mit der Einführung der umfangreichen Kontaktbeschränkungen und Corona-Regelungen konnte der R-Wert auf nahe 1 – zeitweise sogar bereits unter 1 – gedrückt werden. Liegt „R“ unter 1, steckt ein Infizierter im Schnitt weniger als einen anderen Menschen an und die Epidemie läuft aus, denn erst dann sinkt die Anzahl der täglichen Neuinfektionen.

Das bedeutet eine Reproduktionszahl über 1

Der RKI-Vizepräsident Lars Schaade sprach davon, dass die Reproduktionszahl immer schwanken werde. Solange sie um den Wert 1 schwanke, gebe es eine Stagnation der Fallzahlen. Liegt die Reproduktionszahl jedoch dauerhaft über 1, dann nehmen die Fallzahlen zu. Denn ein Infizierter steckt durchschnittlich mehr als einen anderen Menschen an, so dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen größer wird. "Einzelne Tage mit einem geringen Wert über eins sind nicht das Problem", sagte Schaade.

Was passiert, wenn die Reproduktionszahl wieder steigt?

Falls es nicht gelingt, die Reproduktionszahl dauerhaft unter 1 zu halten, setzt sich der anfängliche exponentielle Anstieg fort. Der Wiederanstieg der Reproduktionszahl über die kritische Marke von 1 erlaubt laut RKI aber noch keine Schlussfolgerungen zum Infektionsgeschehen in Deutschland.
Den von Bund und Ländern vereinbarten Grenzwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner hält RKI-Vizepräsident Schaade für sinnvoll. Dieser Grenzwert diene vor allem dazu, die Entscheidungshoheit im Ernstfall von der örtlichen Ebene auf die Landesebene zu heben, betonte er.

Warum steigt die Reproduktionszahl?

Dirk Brockmann, Experte für Modellierungen von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität in Berlin, betont, dass der R-Wert nur eine grobe Schätzung und von vielen Faktoren abhängig sei. Trotzdem lasse sich aus dem Anstieg der vergangenen Tage von 0,65 auf 1,10 ein Hypothese ableiten. Brockmann geht davon aus, dass sich darin widerspiegelt, dass die Menschen bereits vor den am Mittwoch beschlossenen Lockerungen langsam zur Normalität zurückgekehrt sind. Man treffe sich wieder etwas mehr und sei generell mehr unterwegs. Das führe zu mehr Ansteckungen, so die These.
Der Anstieg von „R“ in den vergangenen Tagen sei laut RKI-Vizepräsident Lars Schaade auch auf einzelne Ausbrüche zurückzuführen. "Die jüngsten Ausbrüche etwa in Schlachthöfen haben die Reproduktionszahl angehoben", sagte er.

Generell unterliege der R-Wert Schwankungen, unter anderem, weil einzelne Ausbrüche den Wert stärker beeinflussen als bei insgesamt größeren Infektionszahlen. Daher werde das RKI künftig einen sogenannten geglätteten R-Wert mitteilen, bei dem solche Schwankungen besser ausgeglichen würden.

Höchste Reproduktionszahl in Deutschland zu Beginn der Pandemie

Zu Beginn einer Pandemie gibt es den Startwert R0. Er sagt aus, wie viele Menschen ein Erkrankter durchschnittlich ansteckt, wenn alle in der Bevölkerung empfänglich sind für das Virus, da weder eine Immunität noch ein Impfstoff vorliegt. „Bei SARS-CoV-2 liegt R0 zwischen 2,4 und 3,3, das heißt jeder Infizierte steckt im Mittel etwas mehr als zwei bis etwas mehr als drei Personen an“, schreibt das RKI.
  • Am 22. März lag die Reproduktionszahl erstmals bei einem Wert unter 1.
  • Am 16. April schätzte das RKI die Reproduktionszahl auf 0,7.
  • Am 6. Mai gab das RKI den Wert noch mit 0,65 an.
  • Seitdem ist er wieder gestiegen.