Ratten retten ihre Artgenossen, auch wenn die Tiere nicht verwandt sind

YASEMIN GUERTANYEL 07.04.2014
Einen besonders tollen Ruf haben Ratten nicht. Umso überraschender mag da das Ergebnis eines Versuchs von Biologen der Universität Chicago sein: Ratten helfen einander, wenn sie in Not geraten – auch wenn sie selbst nichts davon haben, berichtet die Wissenschaftsplattform „Eurek Alert“.

Um die Hilfsbereitschaft der Nagetiere zu testen, griffen die Biologen zu relativ fiesen Mitteln: Sie sperrten eine Ratte in ein enges Plastikröhrchen. Eine andere konnte sich „frei“ in dem Terrarium bewegen. Tatsächlich befreite die Ratte ihren eingesperrten Artgenossen – auch dann, wenn der nicht mit ihr verwandt war. Anfängliches Fremdeln war allein bei Ratten zu beobachten, die deutlich anders gefärbt waren: etwa zwischen Albinos und schwarz-weiß gefleckten Ratten. Die Albino-Ratte zögerte zunächst, den ihr unbekannten Artgenossen zu befreien. Wenn aber die Wissenschaftler den Tieren Gelegenheit gaben, sich vorher kennenzulernen, halfen sie einander genauso wie Artgenossen mit gleicher Fellfarbe.

Die Forscher schließen daraus einerseits, dass den Tieren ihr Verhalten nicht angeboren ist, sie also überlegt handeln. Und, wichtiger, dass sie zu Empathie fähig sind, weil sie erkennen, dass der andere sich unwohl fühlt – und diesen Zustand ändern wollen.


Das Ausgangsszenario: Die eine Ratte steckt im Röhrchen, die andere kann sich frei im Terrarium bewegen. Gespannt beobachten die Biologen, was passiert. Zunächst einmal sind beide Tiere ziemlich aufgeregt. Die freie Ratte kreist um ihren eingesperrten Artgenossen, dass etwas nicht stimmt, hat sie offensichtlich bemerkt. Aber wie wird sie reagieren? Nach einiger Zeit aufgeben oder eine Lösung finden?


An welcher Stelle sie arbeiten muss, hat die Albino-Ratte schon herausbekommen, allerdings lässt sich das Röhrchen nicht ohne Weiteres öffnen. Der Versuch findet hier übrigens in der „zweiten Schwierigkeitsstufe“ statt, also mit verschiedenfarbigen Tieren. Nicht immer fühlen sich nämlich die Tiere bemüßigt, einen Artgenossen zu befreien, der deutlich anders aussieht. Die beiden kennen sich aber bereits.


Nach einigen Versuchen hat die Albino-Ratte herausbekommen, wie sich der Verschluss öffnen lässt – was sie auch prompt in die Tat umsetzt. Wenn die Ratten erst einmal wissen, wie der Mechanismus funktioniert, befreien sie ihre Artgenossen zielgerichtet und zügig. Die meisten sogar dann, wenn sie wählen können, sich etwas zu Essen zu ergattern oder die andere Ratte zu befreien.


Um auszuschließen, dass die Ratten das Röhrchen nur aus Spieltrieb öffnen, machten die Wissenschaftler einen Gegenversuch. Sie ließen das Röhrchen entweder völlig leer oder legten Spielzeug hinein. Mit dem Ergebnis, dass es den Ratten herzlich egal war, wie und ob die Klappe sich öffnen ließ. Für die Wissenschaftler ein weiteres Indiz dafür, dass die Ratten am Schicksal ihrer bedrängten Artgenossen teilnehmen und versuchen, ihnen zu helfen.


Beide Ratten sind glücklich in – wenn auch relativer – Freiheit. Und die Wissenschaftler um Inbal Bartal von der Universität Chicago bescheinigen ihnen prosoziales oder selbstloses Verhalten. Bartals Kollegin Peggy Mason kommentiert: „Die Interaktion mit Artgenossen motiviert sie, ihnen Gutes zu tun.“ Und fügt hinzu: „Das sollte uns eine Menge über die menschliche Gesellschaft sagen.“
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