Telefonaktion Psychohygiene für den Körper

Blick nach vorn: Bei seelischen Problemen sollte man nicht zögern, Unterstützung zu suchen.
Blick nach vorn: Bei seelischen Problemen sollte man nicht zögern, Unterstützung zu suchen. © Foto: paulaphoto/Shutterstock.com
Ulm / Iris Humpenöder 13.10.2018

Druck am Arbeitsplatz, private Schicksalsschläge: Wenn die Seele leidet, kann sich das körperlich bemerkbar machen. Dass das häufig so ist, hat unsere Telefonaktion am „Welttag der seelischen Gesundheit“ gezeigt.

Meine erwachsene Tochter hat Hautprobleme und panische Angst vor Keimen. Sie macht alle verrückt und weigert sich, Hilfe zu suchen. Was kann ich tun?

Versuchen Sie, ihr deutlich zu machen, dass eine diagnostische Einschätzung wichtig ist. Diese kann sie in einer psychiatrischen oder psychosomatischen Ambulanz bekommen. Erklären Sie ihrer Tochter auch, wie sehr Sie selbst unter der Situation leiden, machen Sie ihr aber keine Vorwürfe.

Seit einem halben Jahr fühle ich mich benommen, mir ist schwindlig und mein Puls war schon so schnell, dass ich in die Notaufnahme musste. Körperlich ist alles okay. Aber privat musste ich in letzter Zeit viel wegstecken. Meine Eltern sind gestorben, eins meiner Kinder wurde mehrfach operiert.

Das hört sich nach einer somatoformen Störung an. Einschneidende Erlebnisse können dazu beitragen. Stellen Sie sich in der Ambulanz der psychosomatischen Medizin vor, wo man dann entscheiden kann, ob sie ambulant, stationär oder in der Tagesklinik behandelt werden können. Vermutlich wird man Ihnen eine Psychotherapie anbieten, eventuell begleitend mit Medikamenten.

Unsere pubertierende Tochter ist sehr gut in der Schule, isst aber sehr wenig und hat deutliches Untergewicht. Sie hatte bereits ihre Menstruation, die bleibt nun aber weg. Was kann ich als Mutter tun?

Das hört sich nach einer Anorexie, also einer Magersucht an. Bleiben Sie auf jeden Fall in Kontakt mit Ihrer Tochter, bieten Sie Ihr einen Rahmen, einen strukturierten Tagesablauf. Der Hausarzt sollte alle zwei Wochen Blutwerte und Gewicht kontrollieren. Zwingen Sie ihre Tochter zu nichts, drohen Sie ihr nicht, aber motivieren Sie sie, sich Hilfe in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu holen. Machen Sie Ihr klar, dass Ihr Verhalten gefährlich ist und ihre Nieren, Knochen und Zähne schwer schädigen kann. Sie können Ihr auch vormachen, dass es gut ist, sich Hilfe zu suchen, und selbst eine Angehörigengruppe besuchen.

Ich denke seit Jahren nur noch ans Essen. Ich habe regelrechte Fressattacken und auch schon Bulimie-Phasen hinter mir. Alle sagen immer „Stell Dich nicht so an“, ich kann aber gerade noch so meine Arbeit erledigen.

Sie brauchen eine ambulante Therapie. Dazu müssen Sie sich aber zunächst selbst eingestehen, dass Sie es alleine nicht schaffen, Ihr Problem in den Griff zu bekommen. Machen Sie sich frei von den Ratschlägen anderer, hören Sie auf sich. Sehr wahrscheinlich werden Sie nicht sofort einen Termin für eine Therapie bekommen. Aber bleiben Sie dran, dann wird es auch gelingen.

Wegen meiner psychisch bedingten Rückenschmerzen war ich schon  stationär in der Psychosomatik. Danach ging es mir besser. In der Klinik hat man mir eine ambulante Therapie empfohlen. Ich wohne aber auf dem Land und habe keinen Therapieplatz bekommen, inzwischen sind die Schmerzen wieder sehr schlimm.

Wenn Ihr Leidensdruck sehr hoch ist, sollten Sie es nochmals mit einer Intervallbehandlung in einer psychosomatischen Klinik versuchen. Sollten Sie das Internet nutzen, kann auch eine unterstützende Therapie im Netz eventuell die Zeit überbrücken, bis sie doch noch einen Therapieplatz finden. Sollte Sie das interessieren, können Sie bei Ihrer Krankenkasse nach solchen Online-Angeboten fragen.

Ich habe starke Schlafstörungen, Herzrasen, Stechen im Kopf. Körperlich ist alles okay. Allerdings ist es für mich im Beruf sehr schwierig, weil ich kurz vor der Verbeamtung stehe und mir meine Chefin nur Steine in den Weg legt. Zum Psychologen kann ich nicht, weil ich dann nicht verbeamtet würde. Was tun?

Stellen Sie sich in einer psychosomatischen Ambulanz vor. Dort kann das weitere Vorgehen geplant werden, eventuell auch eine stationäre psychosomatische Behandlung.

Was wird dort gemacht?

Es finden in der Regel psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche statt, Sie lernen Entspannungsverfahren, können von Kunst- und Musiktherapie sowie Sportangeboten profitieren. Eventuell werden begleitend Medikamente eingesetzt. Und natürlich findet immer auch eine somatische Diagnostik statt, um rein körperliche Ursachen auszuschließen.

Ich bin 83 und habe seit mehreren Jahren eine Angststörung. Seit dem Tod meines Mannes wird es schlimmer. Medikamente helfen mir nicht.

Versuchen Sie, einen Platz in einer so genannten gerontopsychi­atrischen Klinik zu bekommen. Dort ist man auf die Lebenssituation im fortgeschrittenen Alter spezialisiert.

Ich habe seit längerem Magen-Darm-Pro­bleme und die Diagnose „Reizdarm“ bekommen. Ich bin antriebslos und würde manchmal am liebsten von der Brücke springen. Nur der Gedanke an meine Kinder und Enkel hält mich zurück.

Vermutlich steckt eine depressive Erkrankung hinter Ihren Problemen. Ein Reizdarm kann durchaus mit einer depressiven Erkrankung vergesellschaftet sein. Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt in die psychosomatische Ambulanz überweisen.

Wie kann man denn eine Depression feststellen?

Das geschieht durch spezialisierte Fragebögen und im Gespräch mit dem Psychotherapeuten.

Ich bin Ende 40, verheiratet, Mutter und berufstätig. Eigentlich ist alles okay. Seit einigen Zeit habe ich aber nachts Beklemmungsgefühle und Angst. Können das die beginnenden Wechseljahre sein?

Das könnte sein. Mein Rat ist – horchen Sie in sich hinein: Was könnte mir guttun? Ist es vielleicht Yoga oder Ausdauersport? Versuchen Sie, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Gelingt Ihnen dies nicht, holen Sie sich Hilfe. Je frühzeitiger dies geschieht, desto besser sind fast immer die Chancen, Probleme in den Griff zu bekommen.

Bald werde ich 80. In meiner Kindheit habe ich schlimme Dinge erlebt, die ich dank meiner tollen Familie bisher gut wegstecken konnte. In letzter Zeit bin ich aber häufig lustlos und habe beklemmende Gefühle.

Es kann durchaus sein, dass mit den Jahren alte Traumata aufbrechen. Wenn Sie das Gefühl haben, es geht Ihnen schlechter, zögern Sie nicht, sich psychiatrische Unterstützung zu holen. Warten Sie auf keinen Fall zu lange ab.

Seit 15 Jahren habe ich Krebs. Bisher war ich sehr positiv eingestellt, habe nun aber private Probleme, die ich nur schwer verkrafte. Bei der Chemo hatte ich diesmal auch mehr Nebenwirkungen. Was raten Sie mir?

Tumorpatienten können sich jederzeit an die Psychoonkologie der Klinik wenden, in der sie behandelt werden. Nehmen Sie das für sich baldmöglichst in Anspruch.

Bessere Erfolgschancen durch frühes Handeln

Die Fragen am Telefon haben die Spezialisten für psychosomatische Medizin Prof. Harald Gündel, Dr. Eva Rothermund (beide Uniklinikum Ulm) sowie Prof. Andreas Stengel vom Uniklinikum Tübingen beantwortet. Ihr Appell: Wer unter psychischen Problemen leidet, sollte auf keinen Fall zögern, sich Hilfe zu suchen. In der Regel gilt: Je früher behandelt wird, desto besser die Erfolgschancen.

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