Justiz Prozess um Mord im Tiergarten

Witwer Klaus Rasch (67) im Berliner Landgericht. Heute soll im Prozess um den Tiergarten-Mord wahrscheinlich ein Urteil fallen.
Witwer Klaus Rasch (67) im Berliner Landgericht. Heute soll im Prozess um den Tiergarten-Mord wahrscheinlich ein Urteil fallen. © Foto: Maria Neuendorff
Berlin / Maria Neuendorff 25.06.2018
Im Prozess um den Mord an einer Frau im Berliner Tiergarten soll das Urteil fallen. Der Mann des Opfers will Gewissheit.

Manchmal sitzt Klaus Rasch in seiner Wohnung und wartet, dass er die Schlüssel im Schloss hört. „Susa, bist Du es?“, würde er dann wie immer rufen. „Ja, ich bin es“, würde sie antworten und dabei fröhlich lachen über die eigentlich unnötige Frage. Denn sie wohnten ja schon lange allein. Im Arbeitszimmer seiner Frau hat er alles so gelassen, wie es war. „Sie würde es genauso vorfinden, wie sie es am 5. September verlassen hat“, sagt der 67-Jährige.

Er weiß genau, dass seine Frau nicht wiederkommt. Susanne Fontaine wurde ermordet. Erwürgt für ein paar Euro und ein Handy. Der wegen Mordes angeklagte Ilyas A. erwartet am Montag sein Urteil. Der Staatsanwalt fordert lebenslänglich wegen heimtückischen Mordes aus Habgier. Der Fall erregte bundesweit Aufsehen, auch, weil der abgelehnte Asylbewerber ohne festen Wohnsitz eigentlich längst hätte abgeschoben werden können.

Nun sitzt Klaus Rasch dem jungen Tschetschenen im Gericht gegenüber. Immer wieder versucht er, ihm in die Augen zu schauen. Er wünscht sich, er würde endlich sprechen. Doch  A. schweigt. Er habe die 60-Jährige schon tot im Gebüsch gefunden und ihre Wertsachen genommen, sagen seine Anwälte.

Am Morgen war das Bett leer

Dass seiner Frau etwas Schlimmes zugestoßen sein muss, war Rasch sofort klar, als er sie am Morgen des 6. Septembers nicht in ihrem Bett fand. „Nach 40 Jahren weiß man so etwas.“ Weil er schnarcht, schliefen sie in verschiedenen Zimmern. Der pensionierte Journalist stellte sich trotzdem immer um sieben den Wecker, um für seine Frau Kaffee zu kochen, bevor sie zur Arbeit ins Schloss Glienicke fuhr.

Am Abend vor ihrem Tod trifft sie sich sich mit zwei Freundinnen im Schleusenkrug, einem beliebten Lokal im Berliner Tiergarten. Es ist ein lauer Sommerabend. Susanne Fontaine winkt noch, bevor sie gegen 22 Uhr auf dem 300 Meter langen gepflasterten Pfad Richtung Bahnhof Zoo für immer verschwindet.

Nur wenige Meter weiter ist eine Polizeiwache. Rasch erinnert sich an den rüden Ton, mit dem ihn die Beamten am Tag darauf wegschickten, als er ihnen die selbstgebastelten Plakate mit dem Bild seiner Frau zeigte. „Polizisten werden nicht in Einfühlungsvermögen geschult“, sagt er heute. Es klingt nicht anklagend. Eher wie eine Feststellung.

Klaus Rasch ist ein sachlicher, analytischer Typ. Als Journalist hat er Zeit seines Lebens ergebnisorientiert gearbeitet. Mit den ewigen Anträgen, mit denen der Prozess immer wieder verzögert wird, kann er nichts anfangen. Sie zehren an ihm.

„Was die Wahrheitsfindung angeht, so sind wir kein Stück weiter“, sagt Rasch. Die 800 Seiten der Ermittlungsakten hat er gleich zweimal durchgearbeitet. „Im Prozess gab es bisher nichts, was ich nicht schon gelesen habe“.

Viele Fragen offen

Und so bleiben auch nach zwölf Verhandlungstagen für ihn viele Fragen offen. Warum hat die Polizei die Leiche trotz intensiver Suche mit Spürhunden nicht gefunden? Erst drei Tage später entdeckte ein Rollstuhlfahrer die Tote zufällig im Unterholz, nur wenige Meter von dem Pflasterweg entfernt. Rasch hat dort tagelang selbst jeden Quadratzentimeter abgesucht. „Ich bin da wirklich durch jedes Gebüsch gekrochen, ich sah hinterher aus wie sau.“ Die Vorstellung, dass seine Frau auf der „Müllkippe“ aus Spritzen und benutzten Taschentüchern sterben musste, ist für ihn kaum zu ertragen.

Rasch weiß aus den Akten, dass seine Frau noch eine Weile gelebt haben muss. Zwei Pärchen sagten unabhängig voneinander aus, sie hätten beim Abendspaziergang leise Hilferufe gehört, sie aber nicht orten können. „Vielleicht hatten sie Angst, richtig nachzugucken“, vermutet er. Schließlich sei alles schwach beleuchtet. „Wer weiß, wie ich mich in der Situation verhalten hätte.“

Heute bereut er es, dass er nicht in die Zelte der Junkies und Obdachlosen geschaut hat, die am Bahndamm campieren. An seiner Frau wurde neben der DNA von Ilyas A. noch ein weiterer, wesentlich schwächerer genetischer Fingerabdruck gefunden. Er stammt von einer Frau, die in keiner Polizeidatenbank erfasst ist. Ilyas A., der schon früher Frauen überfiel, floh nach der Tat nach Polen. Susanne Fontaines Handy führte die Polizei auf seine Spur.

Sie wollten nach Tibet reisen

„Letztlich sind alle Varianten möglich“, sagt Rasch. Er will nur, dass der Mörder seiner Frau für immer weggesperrt wird. Aus den Akten weiß er, wie brutal der Täter vorgegangen ist. Der Bestatter riet ihm davon ab, seine Frau noch einmal anzuschauen. „Ich habe sie anhand ihres Eheringes und der Bluse identifiziert.“

Sie sei ein sanfter Engel gewesen, erzählt Rasch. In diesem Frühjahr wollten sie nach Tibet reisen und nach Hamburg zur Elbphilharmonie. Wenn Rasch ein Lied hört, das ihnen etwas bedeutet hat, fängt er in der Kneipe hemmungslos an zu weinen. „40 gemeinsame und glückliche Jahre, mal eben ausgelöscht“, hat er auf einen Zettel geschrieben und an der provisorischen Gedenkstätte im Tiergarten angebracht, wo er jede Woche Rosen ablegt. Er kämpft für einen langfristigen Gedenkort. „Das ist das Einzige, was ich noch für meine Frau tun kann“. Ihr sinnloser Tod sei auch politische Geschichte, findet er. „Ähnlich wie beim Weihnachtsmarkt-Attentäter Amri sei Behördenversagen mit im Spiel. „Nicht vorsätzlich, aber fahrlässig.“

Noch hat Rasch die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, die Wahrheit zu erfahren. „Warum musste meine Frau sterben? Ich will es einfach wissen. Diese Frage wird mich sonst den Rest des Lebens verfolgen.“

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