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Jürgen Flimm gab sich irritiert. Der erfahrene Theatermann und langjährige Intendant der Staatsoper zu Berlin hatte zusammen mit anderen Kulturschaffenden gerade im Festsaal von Schloss Bellevue Platz genommen, in dem ein Literarischer Abend zu Ehren des Münchner Verlegers und Lyrikers Michael Krüger beginnen sollte, da musste er schon wieder aufstehen. Denn eine Flügeltür hatte  sich geöffnet, und ein dienstbarer Geist ließ verlauten: „Der Bundespräsident und Frau Schadt!“

Die geladenen Gäste pflegen sich zu erheben, wenn Joachim Gauck und seine Lebenspartnerin erscheinen, das ist so üblich im Schloss und überall, wo der Bundespräsident auftritt. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, zum Beispiel unter Richard von Weizsäcker, da durfte das Publikum sitzen bleiben, weil der Adelsherr mit energischer Handbewegung darum bat. Johannes Rau wiederum, der Sozialdemokrat und übrigens ein guter Bekannter des Kölners Jürgen Flimm, legte großen Wert auf protokollarische Vorschriften, was das Erstaunen des prominenten Regisseurs über dieses vermeintliche Relikt aus der Ära höfischen Zeremoniells nur noch steigerte.

Smoking und Cut, Abendkleid und Hut

Nun lässt sich zur Ehrenrettung des amtlichen Protokolls in der aufgeklärten Demokratie der Bundesrepublik sagen, dass gewisse Umgangsformen und Anstandsregeln keineswegs entbehrlich geworden sind, wenn heute Staatsbesuche, Empfänge oder sonstige Anlässe offiziellen Charakters auf der Tagesordnung stehen. Sie bringen erkennbare Strukturen und berechenbare Verlässlichkeit in die Abläufe, sie bieten einen Rahmen und Orientierung, sie erleichtern Begegnungen. „Das Protokoll“, sagt Jost Fohmann (56), seit letztem Sommer Protokollchef im Berliner Präsidialamt, „unterliegt keinem Wertewandel, es ist zeitlos, ein Kommunikationsmittel.“

So haben sich denn auch manche Äußerlichkeiten bei feierlichen Ritualen auf der Hauptstadtbühne erhalten – roter Teppich und Fahnen am Mast, uniformierte Ehrenformation und Hymnen, Smoking und Cut bei den Herren, langes Abendkleid und Hut bei den Damen, dazu Handkuss und Diener, in Anwesenheit von königlichen Gästen der Hofknicks. Dabei geht es, wie die für das Protokoll verantwortlichen Beamten immer wieder betonen, nicht um steifes Festhalten an überkommenen Bräuchen, die zum Selbstzweck geronnen sind, sondern um eine Art internationaler Symbolsprache und darum, „dass jeder Gast sich ohne Unterschied willkommen fühlt“. So erklärt es jedenfalls Dieter Beine, 27 Jahre lang Protokollchef der Staatskanzlei in Hessen. Und es geht natürlich zugleich um Respekt: „Mit einer arabischen Delegation etwa setzt man sich nicht an einen Tisch, sondern in Sessel, und asiatischen Gästen schenkt man kein Porzellan, weil das nach deren Überzeugung Unglück bringt. Jüdische Gäste dürfen erwarten, dass es koscheres Essen gibt.“ Stets empfiehlt es sich, im Vorfeld von Staatsempfängen mit den Protokollkollegen der Gastländer Kontakt aufzunehmen, schon Monate vorher, damit keine Fehler passieren. „Protokoll ist“, so hat es Raus Zeremonienmeister Martin Löer einmal beschrieben,  „wenn’s klappt.“

Auch Jost Fohmann, der den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck in dessen letzten Amtsmonaten begleitet hat und nun einen neuen Chef erwartet, weiß sehr gut, dass nichts schiefgehen sollte, wenn im Schloss mehr oder weniger illustre Gäste empfangen oder bewirtet werden: „Man kann sich nicht wegducken.“ Für den fast zwei Meter großen Ex-Offizier ist es dabei naturgemäß schwer, sich so unauffällig zu machen, wie es vom Protokollchef erwünscht ist – bei aller Pflicht zur Omnipräsenz: „Ein Protokollchef ist nicht Protagonist auf der Bühne, sondern Macher im Hintergrund.“ Das verlange einerseits stilsicheres Auftreten und nimmermüde Aufmerksamkeit, andererseits „absolute Diskretion und persönliche Zurückhaltung“. Eine Gratwanderung.Als die „wahren Feinde des Protokolls“ hat Fohmanns Vorvorgänger Löer spontane Einfälle der Beteiligten ausgemacht, die den minutiös durchgetakteten Ablauf von Staatsdinners oder Auslandsreisen durcheinander bringen. Und nicht zuletzt den begleitenden Sicherheitsleuten treibt es Schweiß auf die Stirn, wenn Präsidenten, Kanzler oder Könige abweichend von den Planungen plötzlich ein Bad in der Menge nehmen wollen und die Geistesgegenwart von Protokoll wie Security herausfordern. Bei Joachim Gauck wussten die Mitarbeiter immerhin, dass er sich zwar eisern daran hielt, immer rechts aus seiner schwarzen Limousine auszusteigen, aber gern Fühlung mit den Bürgern aufnahm, selbst wenn dadurch verabredete Termine ins Wanken gerieten.

Besonders Staatsbankette, von denen es nicht mehr als vier oder fünf im Jahr gibt, gehören zu den „Hochämtern des Protokolls“, wie es Enrico Brissa, vormaliger Protokollchef im Bundespräsidialamt, formuliert hat. Dann wird den ausländischen Gästen Kulinarik aus Deutschland kredenzt, ausschließlich Weine heimischer Provenienz. Denn im Schlosskeller lagern nur deutsche Tropfen, rund 4000 Flaschen. Nicht einmal französischer Champagner kommt in die Gläser, sondern Schaumwein vom Rhein, als Digestif Whisky aus der Uckermark oder aus Bayern. Gedeckt wird Berliner KPM-Porzellan, das einst der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter dem Bundespräsidenten schenkte. Das Menü nimmt Rücksicht auf Vorlieben und Abneigungen der Staatsgäste, auch auf mögliche Allergien oder religiöse Einschränkungen, nach denen das Protokoll vorher vertraulich fragt. Schließlich soll alles reibungslos gehen und ein zwar würdiges, aber doch entspanntes Klima geschaffen werden.

Dazu arbeiten „die Protokoller“ des Präsidenten und des Auswärtigen Amtes Hand in Hand, gelegentlich in enger Abstimmung mit dem Hofprotokoll royaler Gäste aus Europa oder Übersee. Und wenn der Verteidigungsminister aus China seine Aufwartung macht, weiß das offizielle Berlin selbstverständlich, dass der Gast aus Peking die Nr. 2 des Landes ist, gleich hinter dem Staatspräsidenten.

Wen der neue Bundespräsident demnächst im Bellevue begrüßen wird, ist einstweilen noch offen. Bereits vereinbarte Staatsbesuche gibt es nicht. Das wird mit Joachim Gaucks Nachfolger erst besprochen, wenn dieser im Amt ist. Sollte das künftige Staatsoberhaupt  – wofür alles spricht – Frank-Walter Steinmeier sein, muss sich das Protokoll nicht sorgen. Schließlich ist der langjährige Außenminister bestens vertraut mit diplomatischen Usancen und offiziellen Gepflogenheiten.

Erst einmal müssen Joachim Gauck und seine Partnerin Daniela Schadt die Amtswohnung an der Dahlemer Pücklerstraße nicht verlassen und können sich in Ruhe nach einem anderen Domizil umsehen. Vielleicht ziehen Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender auch gar nicht aus ihrem Zehlendorfer Haus in die Dienstvilla um, sondern bleiben dort wohnen. Entschieden ist das bislang nicht.

Amtssitz des Bundespräsidenten: Das Schloss Bellevue