Hygiene Paris jagt Wildpinkler bei Tag und Nacht

Paris / Peter Heusch 16.04.2018

Dass der Pariser Bürgermeisterin Anne Hildago alle diesel- wie benzingetriebenen Fahrzeuge ein Dorn im Auge sind, ist hinlänglich bekannt. Bis spätestens 2030 will sie sie völlig aus der Stadt verbannen. Doch die resolute Sozialistin hat ein weiteres Feindbild: Wildpinkler! Den Verursachern der viel zu zahlreichen und streng riechenden Urinlachen auf den Bürgersteigen von Paris will sie endlich Benimm beibringen lassen.

Ende März hat der Stadtrat einen „plan anti-pipi“ verabschiedet, der es in sich hat. Allein die Zahl der das sittliche Verhalten in der Öffentlichkeit kontrollierenden Inspektoren des Ordnungsamts DPSP soll binnen weniger Wochen verachtfacht werden, von 100 auf 800. Die Inspektoren, die stets zu zweit auftreten und Zivil tragen, sind unter den Parisern wegen ihrer locker sitzenden Strafzettelblöcke in der Tat gefürchtet.

Mit 68 Euro ist in Paris dabei, wer von den DPSP-Damen oder -Herren ertappt wird, wenn er eine Zigarettenkippe wegschnippt, Müll auf der Straße deponiert oder den Kot seines Hundes nicht aufklaubt. Auch Wildpinkeln wird mit 68 Euro geahndet.

Zum großen Ärger von Madame Hildago haben 2017 „nur“ 5381 Männer – sowie einige wenige Frauen – mit unwiderstehlichem Harndrang einen Strafzettel erhalten. Der Grund ist einfach: Die Wildpinkler pflegen hauptsächlich im Schutze der Dunkelheit zuzuschlagen.

Schon deswegen haben die neuen DPSP-Inspektoren auch neue Vorgaben. Sie sollen rund um die Uhr patrouillieren und des Nachts vorwiegend rings um spät schließende Cafés und Bars, in deren Umkreis das wilde Urinaufkommen besonders groß ist.

Dem will die Stadt jedoch nicht allein mit der Jagd auf die Wildpinkler beikommen. Vorgesehen ist auch, an „strategischen Orten“ eine ganze Batterie neuartiger „Öko-Pissoirs“ aufzustellen. Dabei handelt es sich um knallrote und großen Blumenkübeln ähnelnde Töpfe, deren oberer Teil einen Nährboden enthält, aus dem Thymian und Rosmarin wuchern.

Zum „plan anti-pipi“ gehört nicht zuletzt der Entschluss, die Öffnungszeiten der bestehenden 425 städtischen Pissoirs auszuweiten. Von denen ist derzeit nämlich nur ein Drittel auch nachts geöffnet. Eine Maßnahme, die so naheliegend ist, dass man sich fragen kann, warum niemand im Rathaus schon früher auf diese brillante Idee gekommen ist.

Von 20 Euro in Berlin bis 10 000 Euro in Rom

Mit einer Geldbuße kommt davon, wer relativ diskret uriniert. Das zählt nur als Ordnungswidrigkeit. So kann man mit einer zweistelligen Geldbuße gelangt werden, wenn man im Wald oder Park in ein Gebüsch pinkelt. An Hauswänden zum Beispiel wird’s teurer, laut Bußgeldkatalog bis 5000 Euro.

Mit einer Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Gefängnis muss man rechnen, wenn man in aller Öffentlichkeit die Hose runterlässt oder öffnet. Das gilt als Erregung öffentlichen Ärgernisses und damit als Straftat.

Einige Beispiele von Geldbußen in deutschen Städten: Augsburg ab 40 Euro, Stuttgart ab 55 Euro, München ab 35 Euro, Berlin ab 20 Euro, Köln ab 35 Euro. Wer gegen wichtige Gebäude (Denkmäler, Kirchen und ähnliches) spritzt, riskiert bis zu 5000 Euro. Und während größerer Festlichkeiten wie dem Karneval in Köln oder dem Oktoberfest in München werden die Mindestbußen auf einen dreistelligen Betrag angehoben.

Im Ausland wird’s in Rom am teuersten. Die Stadt nimmt Wildpinklern, die sich in der Öffentlichkeit erleichtern, bis zu 10 000 Euro ab. In Madrid kostet es 100 bis 600 Euro, in Prag 35 bis 1.132 Euro, in Brüssel 60 bis 350 Euro, in London 105 Euro. swp

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