Lissabon Neue Drogen auf Europakurs

N-Methylamphetamin (Crystal) in den Händen eines Zollfahnders in einem Dresdener Labor. Foto: dpa
N-Methylamphetamin (Crystal) in den Händen eines Zollfahnders in einem Dresdener Labor. Foto: dpa
AFP/DPA 19.11.2012
Gefährliche Rauschmittel wie Heroin und Kokain sind in Europa auf dem Rückzug. Doch Experten sind alarmiert: Synthetische "Horror"-Drogen mit zerstörerischer Wirkung sind auf dem Vormarsch.

Das zumeist weiße Pulver wirkt harmlos, trägt coole Namen wie "Ice", "Speed" oder "Tina". Doch das synthetisch hergestellte Crystal Meth ist für den Körper so zerstörerisch wie kaum eine andere Droge. In den USA wird das Aufputschmittel nach amtlichen Schätzungen von mehreren Millionen Menschen konsumiert, auch in Asien. Musikidole der Jugend wie Fergie und Pink räumten ein, mit Crystal schlimmste Erfahrungen gemacht zu haben. Nun hält das Methamphetamin langsam aber sicher auch in Deutschland und den europäischen Nachbarländern Einzug. Die Experten schlagen Alarm.

Die steigende Verfügbarkeit von Crystal, das geschnieft, geraucht oder gespritzt wird, sei besorgniserregend, heißt es im Jahresbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD). Die Globalisierung und das Internet als Informationslieferant und auch als von überall her zugänglicher "Marktplatz" seien zum großen Teil für diese Entwicklung verantwortlich. Das sagt EBDD-Direktor Wolfgang Götz am Sitz der Organisation in Lissabon.

"Es gibt auch viel mehr Reisen, die ganze Welt ist irgendwo in Bewegung. Und wir sehen, dass die Methamphetamine, die früher in Europa fast nur in Tschechien und der Slowakei zu finden waren, nun auch in Griechenland, in Ungarn und eben auch in Deutschland, in Bayern zum Beispiel, in größeren Mengen auftauchen", erklärt Götz.

In München etwa wird Crystal laut Beobachter in der Schickimicki-Szene immer mehr konsumiert. Der EBDD-Bericht warnt, dass vor allem das Rauchen von Methamphetamin, bis vor kurzem in Europa noch extrem selten, nun auf dem Vormarsch und besonders gefährlich sei.

Die EBDD stellte fest, dass die Verfügbarkeit von Methamphetamin in den vergangenen Jahren vor allem im Norden Europas, etwa in Lettland, Schweden, Norwegen und Finnland, besonders rapide zugenommen und Amphetamin dort bereits "als Stimulans der Wahl bereits teilweise verdrängt" habe. Aber auch unter anderem in Deutschland, Zypern oder der Türkei würden Anzeichen für einen "problematischen Konsum" gemeldet, unter anderem wegen der seit 2010 in Zahl und in der Menge zunehmenden Sicherstellungen - wenn auch noch auf niedrigem Niveau.

In Deutschland gebe es in den Grenzgebieten zu Tschechien eine deutliche Zunahme der Crystal-Problematik, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP). "Die Daten zeigen, dass es einen erhöhten Konsum in Sachsen und Bayern gibt", und es sei nicht auszuschließen, dass sich das Mittel - das im Mai in Miami im US-Staat Florida mit einer Kannibalismusattacke in Zusammenhang gebracht und auch "Zombie"-Droge genannt wurde - auch in andere Regionen Deutschlands ausbreite.

Aber Crystal ist nicht der einzige Stoff, der den europäischen Experten angesichts der Rekordüberschwemmung des Kontinents mit immer neuen synthetischen Drogen zunehmend Sorgen bereitet. "Das Gefährlichste ist meines Erachtens die Zunahme von Fentanyl", sagt EBDD-Direktor Götz. Das synthetische Opioid wird als Schmerzmittel benutzt, findet sich häufiger auf Schmerzpflastern. Laut Götz gibt es Konsumenten, "die sogar in den Krankenhausmüll steigen und dort zum Teil gebrauchte Pflaster sammeln, um dann das Fentanyl rauszukochen."