Der Gemeine Ohrwurm ist ein Fluginsekt. Von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein wurden die Tiere pulverisiert als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht. Weit weniger nützlich ist der musikalische Ohrwurm, der dem Hörer quasi ins Ohr kriecht.

„Ich summ den ganzen Tag das immer gleiche Lied, es sitzt in meinem Kopf und geht nicht weg“, heißt es im Ohrwurm-Song der Kölner A-cappella-Gruppe Wise Guys. Gerade in der Weihnachtszeit schlagen die penetranten Ohrwürmer zu. Heike Gaupp singt im Gospelchor „’n Joy“ in Bad Honnef, der jährlich am Zweiten Advent auftritt. Im November beginnt die heiße Probenphase. Manche Stücke verfolgen die Sopranistin dann bis in die Träume. „Das treibt mich an den Rand des Wahnsinns.“ Ohrwürmer können grausam sein.

Besonders häufig sind Ohrwurm-Attacken in der Adventszeit. Auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern dudeln so eingängige Songs wie „Last Christmas“, „Feliz Navidad“, „Wonderful Dream“, „Christmas In My Heart“ und „Driving Home For Christmas“. Als „riesige Umweltverschmutzung“ bezeichnet Startenor Rolando Villazon (43) diese Praxis. Advents- und Weihnachtslieder könnten Menschen in einen Geist des Teilens und Umarmens versetzen. Doch den Dauerschleifen in den Kaufhäusern sei man wehrlos ausgeliefert. Das sei „einfach unerträglich“.

Doch wie kommen Ohrwürmer in die Köpfe? Und vor allem: Wie kommen sie wieder heraus? „Ohrwürmer sind musikalische Zwangsgedanken, halten aber das Hirn wach“, sagt Christoph Reuter, Musikwissenschaftler der Uni Wien. Und Jan Hemming, Musikwissenschaftler und Ohrwurmforscher von der Universität Kassel, vermutet, dass das Gehirn die Endlosschleifen bevorzugt dann produziert, wenn es sich langweilt.

Nach seinen Untersuchungen entstehen Ohrwürmer zu mehr als 70 Prozent in Alltagssituationen wie Abwaschen und Aufräumen beziehungsweise in Leerlauf- und Wartephasen. Ist ein Zuhörer mit einem bestimmten Titel gut vertraut, erhöht dies die Chancen des Musikstücks, zum Ohrwurm zu werden. In einer Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik zeigte sich, dass zwei Drittel der Stücke, die sich bei den Probanden zum Ohrwurm entwickelten, bei den Betroffenen bereits bekannt und beliebt waren. Pure Wiederholung reicht aber nicht aus, um das Gehirn zu infizieren: „Das Auftreten eines Ohrwurms ist immer unwillkürlich“, erklärt Hemming. Ein Musiker kann ihn nicht planen, ein Musikkonsument kann ihn nicht vorhersehen. Manchmal stellt sich die akustische Endlosschleife im Kopf schon nach einmaligem Hören ein, manchmal erst nach Tagen. Ebenso unmöglich zu kalkulieren ist die Dauer. Bei der Untersuchung am Kasseler Institut für Musik berichteten einige Probanden, dass der Ohrwurm nach einigen Minuten verschwand. Manche wurden davon bis zu drei Wochen heimgesucht.

Hemming verweist darauf, dass professionelle Songwriter gezielt versuchen, eingängige Elemente und Passagen in ihren Liedern einzusetzen. Diese so genannten Hooks sollen den Wiedererkennungswert und so letztlich den Erfolg eines Songs steigern. Drei Faktoren sind wesentlich: Einfachheit, Wiederholung und Überraschung. Eine Ohrwurmformel aber lässt sich daraus nicht ableiten, betont der Kasseler Forscher.



Wham - Last Christmas:




Feliz Navidad:




Wonderful Dream:
 



Driving home for Christmas.




All I want for Christmas:
 
 

 

Wie wird man Ohrwürmer wieder los?

JAN HEMMING: Indem man sich auf anderes konzentriert, etwa auf die Steuererklärung, die Hausaufgaben oder andere Musik. Neueste Befunde legen nahe, dass auch Kaugummikauen helfen kann. Das ist eigentlich auch ganz logisch, denn durch die Konzentration auf das Kauen wird die so genannte Subvokalisation unterbunden: Unsere Tendenz, die Ohrwurmmelodie laut mitzusummen oder uns im Rhythmus dazu zu bewegen. Das Kauen lenkt davon ab.

Kann man Ohrwürmer bewusst produzieren und hervorrufen?

HEMMING: Das wäre natürlich im Interesse der Musikindustrie. Viele Komponisten haben das schon versucht, etwa durch die mehrfache Wiederholung von bestimmten Melodiestücken in einem Song. Aber es gibt dafür kein Rezept. Wiederholung reicht nicht aus. Auch beim Rhythmus gibt es keine Zusammenhänge.