Köln Nächtlicher Freund in der Not

Immer ein offenes Ohr für die Hörer: Jürgen Domian.
Immer ein offenes Ohr für die Hörer: Jürgen Domian. © Foto: © WDR/Ludolf Dahmen
Köln / PETRA ALBERS, DPA 11.03.2015
Jede Nacht hört er sich die Probleme anderer Menschen an. Jürgen Domian hört zu, gibt Ratschläge und redet ihnen ins Gewissen. Doch bald ist Schluss damit. Der Nachtmensch will mehr vom Tag haben.

Ob schlimme Krankheiten, schräge Sexspielchen oder schwere Verfehlungen: Seit 20 Jahren ist Domian der Kummerkasten der Nation. Nacht für Nacht rufen ihn wildfremde Menschen an und erzählen von ihren Sorgen. Und Nacht für Nacht hören Zehntausende im WDR-Radio 1 Live oder im WDR-Fernsehen den Gesprächen zu. Jetzt reicht es dem Kult-Nachtvogel: Ende 2016 hört Jürgen Domian auf.

"20 Jahre Nachtschicht sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ich habe Lust, mal wieder häufiger die Morgensonne zu sehen", sagt der 56-Jährige am frühen Dienstag zu Beginn seiner Sendung. Jetzt habe er Lust auf ein normales Leben.

Am 3. April 1995 ging "Domian" an den Start. Seitdem hat er mehr als 20.000 Gesprächspartner live in seiner Nachtsendung gehabt. "Am Telefon begrüße ich jetzt Jan, 32 Jahre alt. Jan, was ist Dein Thema?" So geht die Unterhaltung meist los. Und dann erzählen die Anrufer: Manchmal fröhlich, manchmal traurig, oft stockend oder gar weinend. Viele Geschichten sind herzergreifend, deprimierend, bedrückend.

So ist es auch an diesem frühen Dienstag: Bei gleich zwei Anruferinnen geht es um Kindesmissbrauch. Eine andere Frau berichtet, sie habe vor wenigen Stunden ihren Mann tot in der Wohnung gefunden.

Egal, welches Thema: Allen Anrufern ist gemeinsam, dass sie Domian vertrauen. Sie schütten dem Mann, der von 1 Uhr bis 2 Uhr in der Nacht mit großen Kopfhören und ernstem Gesicht in die Kamera schaut, ihr Herz aus. Domian darf ihnen ins Gewissen reden, er darf schimpfen, er soll trösten. Vor allem aber soll er zuhören.

Immer sagt er dem Anrufer seine persönliche Meinung, oft gibt er Ratschläge, manchmal gibt er aber auch einfach zu, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Zum Beispiel, wenn jemand berichtet, dass er wegen einer Erkrankung bald sterben werde.

Domian ist Journalist, eine psychologische Ausbildung hat er nicht. Aber in jeder Sendung ist ein Psychologe dabei, der den Anrufer bei Bedarf weitergehend berät. Manchmal gibt es aber auch heitere Gespräche. Da geht es um skurrile Alltagserlebnisse, verrückte Bettgeschichten oder jemanden, der das große Los im Leben gezogen hat.

Bis zu 20.000 Menschen versuchen jede Nacht, in die Sendung zu kommen - Mehrfachanrufer eingeschlossen. Etwa 150 Anrufer schaffen es bis in die Redaktion, höchstens sieben dringen schließlich bis zu Domian vor. "Ich höre Deine Sendung jede Nacht", sagen viele von denen, die durchkommen.

Schon kurz nachdem der WDR das Sendungs-Aus am Montagabend angekündigt hat, hagelt es beim Kurznachrichtendienst Twitter Kommentare. "Was mach ich denn jetzt nachts um 1?" fragt ein Nutzer. "Ich bin so entsetzt, wütend und enttäuscht, dass ich nicht weiß, ob ich heute einschalten kann", schreibt ein anderer.

Viele können Domians Entscheidung aber nachvollziehen: "Wirklich traurig, aber verständlich", heißt es da zum Beispiel auch.

1Live-Programmchef Jochen Rausch kündigte an, der WDR werde Domian und seiner Sendung einen würdigen Abschied bereiten. Aber bis Ende 2016 dauert es ja noch etwas, wie Domian mehrfach betont. "Ich freue mich auf die eindreiviertel Jahre mit Euch und bin guter Dinge, dass das vielleicht sogar die beste Zeit wird, die wir miteinander verbringen werden."

Seltsame Anrufe

Scherzanrufe Nicht ernst zu nehmende Anrufe gibt es in Domians Sendung zuhauf. Einige seltsame Anrufe jedoch haben jedoch ernste Hintergründe.

Der "Mett-Mann" Edwin (26) offenbarte einst seine Vorliebe für Hack. Einmal im Monat, so erzählte er, kaufe er beim Metzger seines Vertrauens um die 60 Kilo Hackfleisch (Mett). Daraus forme er einen Frauenkörper, an dem er sich reibe. Das Hackfleisch sei so "unberührt", erklärte er. Die Aktion koste ihn jedes Mal 800 D-Mark.

Domian redete lange mit ihm. Am Ende empfahl er dem Mann jedoch, einen Therapeuten aufzusuchen.

Die Sozialhilfe-Betrügerin Nicole (29) aus Kiel machte Domian wütend: Seitdem sie 16 sei, empfange sie Sozialhilfe, habe keine "Lust zu arbeiten". Zu Vorstellungsgesprächen gehe sie im "Jogger mit fettigem Haar". 700 Euro beziehe sie jeden Monat. Domian war empört, kündigte an, sie anzuzeigen.

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