NACHGEFRAGT: "Solche Fälle sind extrem selten"

Prof. Frank Kirchhoff: "Nicht auszuschließen, dass das Virus zurück kommt." Foto: Uni Ulm
Prof. Frank Kirchhoff: "Nicht auszuschließen, dass das Virus zurück kommt." Foto: Uni Ulm
CHRISTOPH MAYER 06.03.2013
US-Ärzte haben ein HIV-infiziertes Baby weitgehend geheilt. Ein Durchbruch in der Aids-Bekämpfung? Fragen an den Aids-Forscher Frank Kirchhoff.

Die Nachricht von der Quasi-Heilung eines HIV-infizierten Säuglings sorgt für Aufsehen. Wie beurteilen Sie den Fall?

PROF. FRANK KIRCHHOFF: Die mit HIV infizierte Mutter hatte den Erreger 2010 bei der Geburt auf ihr Kind übertragen, weil sie vorher nicht mit antiretroviralen Medikamenten behandelt worden war. Solche Fälle sind in Deutschland extrem selten. Nahezu alle Schwangeren erhalten vor der Geburt eine Therapie, damit sich das Virus nicht auf das Baby überträgt. Der Fall ist fraglos interessant, aber derzeit ein Einzelfall, dessen Bedeutung schwer einzuschätzen ist.

Kein Anlass für große Hoffnungen, Aids zu besiegen?

KIRCHHOFF: Von einer wirklichen Heilung kann man nicht sprechen. Bei dem Säugling war der Erreger nicht ganz verschwunden. Er war aber nur noch in so geringer Konzentration vorhanden, dass er keinen Schaden verursachen sollte - auch ohne Medikamente. Wir wissen aber nicht, ob das ein dauerhafter Effekt ist. Nicht auszuschließen, dass das Virus zurückkommt.

Werden die Erkenntnisse aus dem US-Fall die Aids-Forschung beeinflussen?

KIRCHHOFF: Es gab sowohl in Europa als auch in den USA in den vergangenen drei Jahren einige wenige ähnliche Erfolge. Es handelte sich dabei um erwachsene Patienten, die sehr früh nach der Infektion therapiert wurden und die auch nach Absetzen der Therapie in der Lage waren, das HI-Virus effektiv zu kontrollieren. Man weiß aber auch, dass nur sehr wenige Menschen dazu in der Lage sind. Ein möglicher Grund dafür ist die Entwicklung zytotoxischer T-Zellen, die Viruszellen eliminieren können.

Zur Person Prof. Frank Kirchhoff ist Direktor des Instituts für Molekulare Virologie an der Uni Ulm. 2009 erhielt der renommierte Aids-Forscher den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.