Polizei Mysteriöse Knochenfunde im Vatikan

Pietro Orlandi, Bruder der Vermissten,  demonstrierte im Juni auf dem Petersplatz. Auf dem Hemd ist das Fahndunsgsfoto von 1983.
Pietro Orlandi, Bruder der Vermissten,  demonstrierte im Juni auf dem Petersplatz. Auf dem Hemd ist das Fahndunsgsfoto von 1983. © Foto: Imago
Rom / Bettina Gabbe 02.11.2018

Der Fund menschlicher Knochen auf dem Gelände der Vatikan-Botschaft am Montag sorgt für Spekulationen in Rom. Es geht dabei um den Fall der 1983 plötzlich verschwundenen Emanuela Orlandi. Seit 35 Jahren gibt es von der damals 15-jährigen Tochter eines vatikanischen Angestellten keine Spur mehr.

Die Knochen stammen von einer weiblichen Leiche, wie eine erste Untersuchung des Beckenknochens ergab. Nun versucht die römische Polizei, Alter, Geschlecht und Todeszeitpunkt festzustellen. Unweit des fast intakten Skeletts stießen Bauarbeiter überdies auf Knochen einer anderen Person. Möglicherweise handelt es sich um die im Mai 1983 ebenfalls verschwundene gleichaltrige Mirella Gregori.

Rätsel gibt auf, warum nach der Entdeckung im ehemaligen Wächterhäuschen im Garten der Vatikanbotschaft im römischen Diplomatenviertel die italienische Polizei alarmiert wurde. Das Gebäude im  Anwesen der Nuntiatur genießt exterritorialen Status und gehört damit offiziell zum Vatikanstaat, nicht zu Italien.

Möglicherweise alarmierten die Bauarbeiter aus Unkenntnis über die territoriale Zuständigkeit die Polizei, als sie die Knochen entdeckten. Andernfalls könne es sich um ein gezieltes Manöver handeln, das durch die Beteiligung römischer Sicherheitskräfte für mehr Klarheit sorgen soll, meint der Regisseur Roberto Faenza, der vor zwei Jahren einen Film über das Verschwinden der damals 15-Jährigen gedreht hat. Auf diese Weise könne der Vatikan möglicherweise gezwungen werden, der Polizei Informationen über den Fall preiszugeben, spekuliert er.

Nach Überzeugung von Familienangehörigen von Emanuela Orlandi ist deren Schicksal im Vatikan durchaus bekannt. Aus Rücksicht auf hochrangige Beteiligte oder Mitwisser werde jedoch Schweigen bewahrt, lautet einer der zahlreichen Erklärungen für die bis heute nicht erfolgte Aufklärung des Falls.

 Bei einer Audienz für die Familie Orlandi soll Papst Franziskus nach Angaben von Pietro Orlandi, Emanuelas Bruder, noch im vergangenen Januar versichert haben, sie sei „im Himmel“. Da das Kirchenobehaupt keine weiteren Details nannte, glaubt Pietro Orlandi an eine Mauer des Schweigens, die der Vatikan rund um seine Schwester errichtet habe. Sie sei höher denn je.

 „Ich werde alles tun, damit die Wahrheit ans Licht kommt“, erklärte der Bruder jetzt nach dem Knochenfund, der ein weiteres Mal Hoffnung auf eine Lösung des Rätsels gibt. „Und ich bin sicher, dass sie eines Tages herauskommt.“ Seine Mutter wartet seit 1983 auf die Rückkehr ihrer Tochter. „Ich hoffe, dass wir ihre Leiche eines Tages nach Hause holen können, wer etwas weiß, möge uns helfen“, bittet Maria Orlandi. Sie habe den Menschen, die ihre Tochter entführt hätten vergeben. „Sicher wird Gott sie eines Tages verurteilen und bestrafen“, glaubt die verwitwete Mutter von drei Kindern.

Die römische Staatsanwaltschaft nahm vor dem Hintergrund der Knochenfunde Ermittlungen wegen Mordverdachts auf. Mit Ergebnissen von DNA-Vergleichen zur Feststellung der Identität der Toten wird innerhalb einer Woche gerechnet.

 Vor 35 Jahren kam die damals 15-Jährige Emanuela nicht vom Flötenunterricht nahe der Piazza Navona nach Hause. Seitdem stand der Fall im Mittelpunkt zahlreicher Verschwörungstheorien. Zuletzt wurden die menschlichen Überreste des Mädchens im Grab eines römischen Mafia-Bosses vermutet, der in einer Kirche in der Nachbarschaft ihrer damaligen Musikschule begraben wurde.

Zwei Mädchen plötzlich weg

Emanuela Orlandi, die vatikanische Staatsbürgerin war, verschwand am 22. Juni 1983 spurlos. Um ihren Fall und den von Mirella Gregori ranken sich zahlreiche Gerüchte, in denen unter anderem anonyme Anrufe, die Mafia sowie östliche Geheimdienstkomplotte gegen Papst Johannes Paul II. (1978-2005) vorkommen.

Mirella Gregori verschwand 40 Tage vor Orlandi. Ihrer Mutter zufolge hatte die 16-Jährige ihren Eltern nach einem Gespräch über die Gegensprechanlage gesagt, ein Schulfreund wolle sie kurz sprechen, sie gehe nur schnell runter. Sie kam nie zurück. Die Ermittler schließen einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen nicht aus. kna

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