Die Scorpions sind eine der erfolgreichsten Hard­rock-Bands  weltweit, zweifellos die erfolgreichste aus deutschen Landen und neben Rammstein und Kraftwerk auch die stilistisch einflussreichste.

Irgendwie sind sie seit 50 Jahren ständig auf Tournee. Und wenn sie das nicht in Deutschland und im angrenzenden Europa tun, dann beehren sie eben ihre Fans auf anderen Kontinenten. Am 23. Juli gastiert die Band in Ulm und gibt dabei das einzige Konzert, das in diesem Jahr noch in Deutschland geplant ist.

Die Herren aus Hannover sind Weltstars, haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehr als 100 Millionen Alben verkauft. Und das hat seinen Grund. Die Scorpions sind nicht irgendeine Hard­rock-Band. Sie haben das Genre in den 70er Jahren mit aus der Taufe gehoben und mit ihrer Mischung aus griffigen Riffs, rumpelndem Schlagzeug, virtuosen Gitarrensoli und  melodiösen Gesangslinien, die Klaus Meine mit hellem, fast schon stählernem Tenor und deutschem Akzent schmettert, einen völlig neuen Sound kreiert. Einen Erfolgssound aus Deutschland, der es in seiner Heimat sehr viel schwerer hatte  als in anderen Ländern.

Mitte der 70er Jahre war die Bundesrepublik fest in der Hand von Artrockern wie Yes und Genesis.  Und der harte Rock, der damals noch unter dem Label Progressive lief? Der kam aus Großbritannien, namentlich von Bands wie Led Zeppelin, Black Sabbath oder Deep Purple, die Herren von Queen waren gerade erst am Start. All diese britischen Bands  hatten da noch ein gerüttelt Maß an kunstmusikalischem Anspruch, den sie in ihre Songs mischten. Bei vielen deutschen Bands überwog dieser ins Bildungsbürgerliche spielende Anteil gar noch – auch bei den Scorpions, deren erste Plattenveröffentlichungen die Herkunft aus dem Krautrock nicht verhehlten.

Doch was machte den Unterschied? Eine Umbesetzung: Aber nicht, dass da etwa ein neuer Musiker dazukam, nein es war der Weggang von Michael Schenker, dem jüngeren Bruder  des Bandgründers und Rhythmusgitarristen Rudolf Schenker. Das Ganze bahnte sich 1973 fernab von  Hannover in Neu-Ulm an. Im dortigen Konzertsaal sollten die Scorpions im Vorprogramm der damaligen  britischen Superstars U.F.O. den Abend eröffnen. Nur: Bernie  Marsden, der Gitarrist von U.F.O., der später für Whitesnake den Welthit „Here I Go Again“ komponieren sollte, hatte sich davon gemacht, seine Gitarre, eine „Gibson ­Firebird“, versetzt, um sich ein Rückflugticket kaufen zu können.

U.F.O.-Sänger Phil Mogg und der Bassist Pete Way baten Michael Schenker, für die weitere Tournee Marsdens Part zu übernehmen. Schenker ließ sich nachmittags in der Garderobe von Pete Way die Riffs der U.F.O.-Songs zeigen und stand dann am Abend beim Konzert in Neu-Ulm zwei Mal auf der Bühne – mit seinem Bruder und den Scorpions und danach mit den Stars aus England.  Das tat das gerade 18 Jahre alte Talent während der gesamten Tournee.

Aufstieg in Japan

Danach stieg Michael Schenker bei U.F.O. ein. Die Scorpions waren ihren Lead-Gitarristen los, konnten mit einem roten Sticker auf „Lonesome Crow“, ihrem ersten von Conny Plank produzierten Album, aber damit werben, dass der neue U.F.O.-Gitarrenheld zuvor bei ihnen gespielt hatte. Das wirkte: Allein in den Staaten wurden 25.000 Scorpions-Alben verkauft. Und irgendwie klangen die Deutschen  mit ihrem neuen Gitarristen John Uli Roth dann auch wesentlich britisch-progressiver.

Das Album „In Trance“ produzierte Dieter Dierks, der die Band elaborierter, eingängiger klingen ließ. Mit Erfolg: In Japan kamen die ersten Hitparadenplätze, der Aufstieg auf dem zweitgrößten Plattenmarkt der Welt sorgte auch in Deutschland für Aufsehen. Alle Zeichen zeigten nach oben – bis John Uli Roth die Band verließ. Mattias Jabs ersetzte ihn kurzfristig, musste seinen Platz wieder räumen, als Michael Schenker wieder in die Band einstieg – allerdings nur für ein Jahr: Seine Drogen- und Alkoholprobleme machten eine professionelle Zusammenarbeit unmöglich.

Die Band holte Jabs zurück, der sich diesmal allerdings eine mehrmonatige Bedenkzeit ausbat. Schließlich sagte er zu und gehört seit damals mit Rudolf Schenker und Klaus Meine zum festen Kern der Band, die sich mit wechselnden Bassisten und Schlagzeugern fortan aufmachte, die Welt zu erobern. Die Melange, die die Hannoveraner zusammen mit ihrem Produzenten Dieter Dierks angerührt hatten, traf den Geschmack der Massen. Melodiöse, gefühlsbetonte Balladen fürs Radio,  die auch weibliche Hörer in die Konzerte lockten, und griffige Rockkracher. Nur zur Orientierung: AC/DC war damals auch gerade erst gestartet und noch weit davon entfernt, zum Maß aller Dinge im Hardrock zu werden.

Mit Jabs an der Gitarre hatte die Band ihren Sound gefunden und einen Stil geprägt.  „Anfang der 80er suchten die US-Plattenfirmen in Los Angeles händeringend nach Sängern mit deutschem Akzent“, sagt einer, der davon profitiert hat: Franz Benton. Der war drei  Jahre lang der Frontmann der Band Joshua, die in den Staaten Stadien füllte. Hardrock sollte so klingen wie die Scorpions. Doch nicht nur der Sound war  stilbildend, auch die Show und das Auftreten der Deutschen animierten andere Musiker zum Nachmachen.

Das Problem der Skorpione in Deutschland? Weil die Band internationale Standards gesetzt hatte und ihnen so viele nacheiferten, wirkten die Originale in ihrer Heimat immer wie eine Band, die sich die Klischees der internationalen Rocker angeeignet hatten.  Dabei hatten die Hannoveraner die Klischees selbst kreiert.

Die Scorpions waren 1988 die zweite westliche Hardrock-Band überhaupt, die in der Sow­jetunion gastieren durfte. Die Stimmung der Konzerte in St. Petersburg und im Jahr darauf beim Peace & Love Festival in Moskau fing Klaus Meine in seinem Text zu „Wind Of Change“ ein.

Nur in den 90ern hatten die Scorpions einen Durchhänger, die Band spielte nicht mehr in ausverkauften Hallen. Aber das renkte sich zu Beginn der 2000er Jahre wieder ein. Auf ihrer drei Jahre dauernden Abschieds- und der darauffolgenden Unplugged-Tournee waren die Säle und Stadien wieder voll, die Rocker aus Hannover wurden gefeiert wie eh und je.  Kein Wunder, dass diese Band gar nicht dazu kommt, tatsächlich aufzuhören.

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