Plage Mehr Ratten als Einwohner

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Paris / Peter Heusch 26.06.2018

Natürlich hat Geoffroy Boulard „Ratatouille“ gesehen, den Disney-Zeichentrickfilm über eine Feinschmeckerratte, die sich in einem Pariser Spitzenrestaurants  regelmäßig in Lebensgefahr begibt. Und er hat sich köstlich amüsiert. Aber ansonsten hegt er sehr wenig Sympathien für die Spezies „Rattus norvegicus“, wie die lateinische Bezeichnung für die braunen Wanderratten lautet. Die haben Paris so fest im Griff, dass die Stadt der Liebe Stadt der Ratten heißen müsste.

Boulard, Mitglied der konservativen Republikaner-Partei und Bürgermeister des 17. Arrondissements von Paris, war die Dauerklagen über die Nager so leid, dass er in die Offensive ging. Vor kurzem hat der Politiker die Internet-Plattform „signalerunrat.paris“ (Melde eine Ratte) lanciert. Dort können Bürger seines Bezirks jeden Ort markieren, an dem sie eine Ratte gesichtet haben. Gleich am ersten Tag wurden 770 lebende Ratten angezeigt sowie 50 Kadaver, die städtische Angestellte entsorgen konnten. Online wird die erfolgreiche Beseitigung der Ratte mit einer Schaufel angezeigt.

Wer heute die Internet-Plattform aufruft, droht die Schäufelchen allerdings glatt zu übersehen. Sie werden überlagert von tausenden Ratten-Symbolen, die nahezu jeden Quadratmeter des 17. Arrondissements zupflastern. Ein haarsträubendes Bild, welches im Zweifelsfall der Realität entspricht. Denn in der Seinemetropole mit ihren zwei Millionen Einwohnern haben sich mindestens drei Millionen Ratten niedergelassen, jüngste Schätzungen sprechen von 3,8 Millionen. Auf jeden Bürger drohen schon morgen zwei Ratten zu kommen, da sich die Tiere schnell vermehren: Ein Weibchen kann pro Jahr bis zu 100 Junge zur Welt bringen.

Boulard will nicht allein deutlich machen, wie gewaltig die Rattenplage in Paris ist. Der Bezirksbürgermeister will vor allem der sozialistischen Oberbürgermeisterin Anne Hildago Beine machen, der er Untätigkeit im Kampf gegen die Nager vorwirft. Im Rathaus weist man dies zurück. So seien die Mittel für die Einsätze gegen Ratten seit 2016 von 1,5 auf 2,5 Millionen Euro pro Jahr aufgestockt und die Brigade der „Rattenfänger“ sei erheblich verstärkt worden.

Seit einigen Monaten setzt die Stadt Plastikbehälter ein, in deren oberem Bereich Leckereien liegen, um Ratten anzulocken. Tappen die Tiere in diese Falle, fallen sie in eine tödliche Chemikalienlösung. Bislang haben sämtliche Maßnahmen bestenfalls zu einer Stabilisierung der hohen Rattenzahl geführt.

Jean-Louis Rougemont wundert das kaum. Der Kammerjäger meint, dass man die Ratten zwar „punktuell zurückdrängen“, aber nicht dauerhaft dezimieren kann. Jedenfalls nicht in Paris, deren von Kanalisationsschächten, Katakombengängen und Metroröhren durchbohrter Untergrund „löchrig ist wie ein Schweizer Käse“. Paris wird wohl eine Stadt bleiben, in der mehr Ratten als Menschen leben.

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