Wiesbaden Mehr Kaiserschnitte

Das erste Bad: Kaiserschnitt-Kinder müssen nicht durch den engen Geburtskanal und sind daher oft glatter und wohlgeformter als natürlich Geborene. Foto: epd
Das erste Bad: Kaiserschnitt-Kinder müssen nicht durch den engen Geburtskanal und sind daher oft glatter und wohlgeformter als natürlich Geborene. Foto: epd
Wiesbaden / DPA 20.03.2012
Fast jedes dritte Kind kommt in Deutschland per Kaiserschnitt auf die Welt. Eine der Ursachen: Eltern klagen heutzutage eher, wenn bei der Geburt etwas falsch läuft, und nehmen Fehler nicht mehr hin.

Kaiserschnittgeburt - lebensrettende Alternative oder unnötiger medizinischer Eingriff? Diese Debatte wird seit Jahren erbittert geführt. Neueste Zahlen das Statistischen Bundesamtes belegen: Zuletzt sind fast 32 Prozent aller Neugeborenen in Deutschland per Kaiserschnitt (Sectio) auf die Welt gekommen. Zwei Jahrzehnte zuvor lag der Anteil bei 15 Prozent.

Einer der Gründe: Ärzte und Eltern legen mehr Wert auf Sicherheit als auf eine natürliche Geburt. "Ein Kaiserschnitt ist die sicherere Option", sagt Prof. Petra Kolip (Universität Bielefeld), Autorin einer großen Kaiserschnitt-Studie der Uni Bremen. Sicher für Mütter, die aus Sorge um das Kind jedes Risiko ausschließen wollen - und sicher für Ärzte, die Angst haben, verklagt zu werden.

Wenn es Komplikationen bei der Geburt gibt, werden andere Geburtshilfen nur noch selten angewandt: Eine Saugglocke kam 2010 bei 5,3 Prozent der Entbindungen zum Einsatz, eine Geburtszange bei 0,6 Prozent. Prof. Ulrich Gembruch (Universität Bonn), Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, trauert dem nicht nach: "Saugglocken und Zangen sind für Mütter und Kinder immer am traumatischsten." Er erklärt die steigende Kaiserschnittrate mit dem höheren Durchschnittsalter der Gebärenden. Je älter die Frauen, desto häufiger zählen sie zu den Risikoschwangeren. Dazu kommt ein Schneeballeffekt: Zu den häufigsten Gründen für einen Kaiserschnitt gehört ein Kaiserschnitt bei einer vorherigen Geburt, das belegen Daten des BQS-Instituts für Qualität und Patientensicherheit in Düsseldorf.

Experten sind sich einig, dass Kaiserschnitte weit weniger gefährlich sind als vor 20 Jahren. Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen gebe es fast nur bei ungeplanten Operationen, sagt Prof. Gembruch. Er hält den Kaiserschnitt für einen Riesenvorteil: "Viele Kinder überleben dadurch, die sonst tot wären." Wollte man die Kaiserschnittrate so weit wie möglich drücken, "hätte man mit Sicherheit höhere Morbidität und Mortalität".

Die Gegenspieler in der Debatte, die Hebammen, sehen das völlig anders. "Es werden weit mehr Kaiserschnitte gemacht als nötig", sagt Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands. Sie sagt, eine Sectio (Schnitt) sei für Kliniken leichter planbar, aber für Mütter und Kinder gefährlicher: Babys litten häufiger unter Anpassungsstörungen, die Müttersterblichkeit sei höher, die Frauen würden schwerer wieder schwanger, bei nachfolgenden Geburten gebe es mehr Komplikationen, "Bindungsstörungen" zwischen Mutter und Kind seien häufiger.

Einig ist sich die Pro- und die Contra-Fraktion eigentlich nur in einer Diagnose: der neuen Klagefreudigkeit im Kreißsaal. "Die Klagefreudigkeit der Eltern nimmt zu", sagt die Hebamme. "Ärzte machen lieber früher als später einen Kaiserschnitt, damit sie nicht verklagt werden", vermutet die Forscherin.

"Es wird heute einfach nicht mehr toleriert, dass ein Kind schlecht geboren wird", sagt Prof. Gembruch. "Da wird man sofort verklagt."