Mehr als ein kahler Fleck

ELENA ZELLE, DPA 09.07.2016
Am Anfang ist es nur ein kahler Punkt auf dem Kopf. Doch nach und nach wird daraus eine deutlich sichtbare Stelle. Kreisrunder Haarausfall erschreckt.

Es begann mit einer kahlen Stelle am Hinterkopf. Als ihre Frisörin sie darauf hinwies, war Kerstin Zienert 20 Jahre alt. Nach und nach fielen ihr alle Haare aus, wuchsen nach, fielen wieder aus. Dabei ist es geblieben. „Ich habe seit 25 Jahren keine Haare“, sagt die 45-Jährige. Die meiste Zeit habe sie Wimpern und Augenbrauen, aber auch die können ausfallen. Kerstin Zienert hat eine schwere Form des kreisrunden Haarausfalls.

Die Alopecia areata – so der medizinische Fachbegriff – ist eine entzündliche Haarausfallerkrankung. Dabei entstehen typischerweise auf dem Kopf eine oder mehrere münzgroße, haarlose Stellen, wie Christoph Liebich, Hautarzt in München, erläutert.

Im Prinzip kann jeder unabhängig von Alter und Geschlecht jederzeit erkranken. Mitunter kann der Haarausfall auf dem Kopf sich wie bei Kerstin Zienert weiter ausbreiten – dann ist von einer Alopecia totalis die Rede. Ist der ganze Körper betroffen, spricht man von einer Alopecia universalis.

Die Ursachen sind weitgehend unklar. Nach derzeitigem Stand der Forschung handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Dass etwa Stress oder Vererbung bei der Erkrankung eine Rolle spielen, ist nicht wissenschaftlich belegt.

Die Erkrankung ist weder lebensbedrohlich noch haben die Betroffenen Schmerzen oder Juckreiz. Aber: „Die Menschen haben einen hohen Leidensdruck, und die Behandlung ist sehr limitiert“, sagt Prof. Hans Wolff, Leiter der Haarsprechstunde an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der LMU München. „Die Methoden sind experimentell und die Medikamente nicht für die Behandlung der Alopecia areata zugelassen“, erklärt er.

Nichtsdestotrotz sollten Betroffene zum Dermatologen gehen, wenn sie eine oder mehrere kahle Stellen bemerken – auch, um andere Erkrankungen auszuschließen. In der Regel bekommt man zunächst für drei bis sechs Monate Zinktabletten. Dass das hilft, sei nicht wissenschaftlich belegt, betont Wolff.

Auch eine Behandlung mit Kortison komme infrage, wenn das Haar plötzlich und büschelweise ausfällt. Die Behandlung sei allerdings in der Regel mit Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme verbunden und führe fast nie zu einem nachhaltigen Haarwachstum, sagt Wolff.

Eine weitere Möglichkeit ist die so genannte topische Immuntherapie mit einem Kontaktallergen wie Diphencyprone (DCP), wie Wolff sagt. Er betont aber: Das Kontaktallergen DCP ist nicht als Medikament zugelassen – es handelt sich dabei um eine Chemikalie. Diese wird auf die Kopfhaut aufgetragen. Durch die Reizung soll das Haarwachstum wieder angeregt werden. „Im Extremfall kann man davon einen Ausschlag am ganzen Körper bekommen. Bei Menschen mit dunkler Haut sind außerdem Pigmentierungsstörungen möglich.“ Auch Liebich weist auf unangenehme Nebenwirkungen hin. Es können sich Blasen bilden, die Haut kann sich schuppen und röten.

Wer das in Kauf nehmen will, sollte die Behandlung höchstens für einen begrenzten Zeitraum ausprobieren. „Wenn nach drei Monaten gar nichts passiert ist, würde ich die Behandlung abbrechen“, sagt Wolff. Deutet sich ein leichtes Wachstum an, kann man die Behandlung auf sechs Monate ausdehnen.

In der Regel übernehmen die Krankenkassen die Behandlungskosten, die laut Wolff zwischen 250 und 500 Euro pro Quartal liegen, nicht.

Eine weitere Möglichkeit, die immunsuppressive Behandlung, wie sie bei Schuppenflechte und Rheuma durchgeführt wird, werde von einigen Ärzten bereits eingesetzt, sagt Wolff. Dabei wird das Immunsystem mit Medikamenten unterdrückt, damit soll der Haarausfall verhindert werden. Patienten werden dadurch aber unter anderem auch anfälliger für Infekte. Er selbst wende diese Methode nicht an, sagt Wolff. Zuvor müsse die Behandlung in klinischen Studien genauer geprüft werden. „Das wird noch Jahre dauern.“

Der Verlauf der Krankheit lasse sich so gut wie gar nicht vorhersagen. Nichtsdestotrotz ist unter bestimmten Umständen die Prognose ganz gut: Hat man zum ersten Mal ein oder zwei kahle Flecken – nicht größer als eine Münze –, stehen die Chancen nicht schlecht, dass von alleine nach sechs bis zwölf Monaten alles wieder zugewachsen ist, sagt Wolff.

Schlechter sehe es aus, wenn der Haarausfall sehr ausgeprägt ist und über einen längeren Zeitraum keine Haare nachwachsen. Dann sollte man versuchen, sich bestmöglich mit der Situation zu arrangieren. Zum Beispiel gibt es die Alopecia areata Deutschland Selbsthilfegruppe. Vielen helfe es, sich mit anderen auszutauschen.

Über diese Phase ist Kerstin Zienert inzwischen hinaus. Um die 20 000 Euro hat sie schätzungsweise in die Behandlung investiert, an Therapieversuchen hat sie so ziemlich alles durch: Schulmediziner, Privatklinik, Heilpraktiker, Schamane – die Liste ließe sich weiterführen. „Zu begreifen, dass es keine Therapie gibt, ist sehr, sehr schwierig“, sagt sie.

Liebich betont, dass die Erkrankung gerade zu Beginn oft mit großer Angst verbunden ist. „Man sollte versuchen, die Angst gegebenenfalls auch mit therapeutischer Hilfe möglichst klein zu halten.“ Vielleicht kann der Dermatologe einen guten Ansprechpartner empfehlen. Betroffene klammern sich oft an jeden Strohhalm – und geraten dann an die Falschen, weiß auch Wolff. „Es gibt viele Scharlatane“, betont er. Etwa wenn ein Behandler versucht, teure Therapiemethoden zu verkaufen oder Heilung verspricht, sollten die Alarmglocken schrillen.

Immer wieder hört Kerstin Zienert von Freunden oder Bekannten, dass Haare etwas Oberflächliches seien. Dass man sie nicht braucht. „Nein!“, erwidert sie. „Die Haare sind ein Teil von mir. Und wenn der geht, darf ich auch weinen.“ Sie engagiert sich in der Selbsthilfegruppe Alopecia Areata Deutschland. Und sie trägt eine Perücke – aus echten Haaren, das ist ihr wichtig. „Als Frau mit Glatze wird man angestarrt. Mit Perücke gehe ich ganz normal in der Masse unter.“