Von Amor bis Tinder Liebe in Zeiten mobiler Dating-Apps

Die Fotokünstlerin Eylül Aslan in ihrer Wohnung in Berlin-Neukölln. Foto: Christoph Soeder
Die Fotokünstlerin Eylül Aslan in ihrer Wohnung in Berlin-Neukölln. Foto: Christoph Soeder © Foto: Christoph Soeder
Von Sabine Komm, dpa 27.06.2018

Bremen (dpa) – Tagelang hat der niederländische Performer Dries Verhoeven im Container gelebt und einzig über Grindr, einer Dating-App für Schwule, Kontakt mit der Außenwelt aufgenommen. Mit den Bekanntschaften seiner Kunstexperimente „Wanna Play?“ in Berlin und Utrecht hat er anschließend gebacken, getanzt und geredet.

Schneller Sex war tabu. „Wenn nur noch Sex über unseren Marktwert entscheidet, werden Zärtlichkeit und Verletzlichkeit zu Tabus“, sagte Verhoeven jetzt der dpa.

Die Dokumentation der Verhoeven-Performance ist ab Samstag (7. Juli) in Bremen zu sehen. Die Ausstellung „What is Love? Von Amor bis Tinder“ der Kunsthalle Bremen zeigt mehr als 40 Kunstwerke zum Thema Eros, Narzissmus und Online-Dating. In einer Art Liebeshöhle mit pink-violetten Wänden und roten Plüschsofas treffen Gemälde von Anselm Feuerbach, Pablo Picasso und Edvard Munch auf Gegenwartskunst. Ein australischer Künstler hat einen Silikonfinger konstruiert, der pausenlos über die Profile einer Dating-App wischt.

„What is Love?“ reicht von Adam und Eva bis zu aktuellen Dating-Apps, wie Kuratorin Jasmin Mickein ankündigt. Dabei gehe es auch um Tinder, eine der in Deutschland meist diskutierten Dating-Apps: „Dieses gesellschaftlich relevante Thema soll unser Haus öffnen für junge Leute.“

Zu den jüngsten Künstlern der Schau gehört Eylül Aslan, die heute in Berlin lebt. Ihr Fotobuch setzt sich mit „Trompe-l’œil“, also der visuellen Täuschung bei Online-Dates, auseinander. Über Tinder hatte Aslan 20 Männer gesucht, sie getroffen und gefragt, was diese am Körper der Künstlerin und an sich selbst mögen und was nicht. Doppelkinn nein, Bauch ja - diese Details hat die 28-Jährige fotografiert und gegenübergestellt. Die größte Überraschung für die Türkin: „Ich habe immer gehört, dass die Leute meine Augen so schön finden, aber fast niemand hat sie hier als hübsch eingeordnet.“

Zwölf von Aslans hoch sensiblen Fotos zeigen jetzt in Bremen, wie oberflächlich die Selbstinszenierungen auf Dating-Plattformen sein können. „Es tut mir leid, dass so viele junge Leute unter dem Druck stehen, perfekt zu sein. In Wirklichkeit gibt es doch so eine Perfektion gar nicht. Schönheit ist subjektiv. Was für den einen attraktiv ist, ist für den anderen hässlich“, sagt Aslan. Sie selbst habe Tinder nur für dieses Kunstprojekt genutzt und nicht, um einen Mann fürs Leben zu finden.

Katharina Dacrés, Lena Heins und Jakob Weth von der Hochschule für Künste Bremen führen mit ihrem Video „<3“ die Unnatürlichkeit vieler Chats vor Augen: Mann und Frau sitzen sich gegenüber, ohne aufeinander zu reagieren. Keine Antwort auf die Frage „Bist Du echt? Zwinker, Zwinker“. Tinder eröffne neue Perspektiven und sei gut fürs Ego, räumt Weth ein. „Wir zeigen aber auch, wie die Kommunikation im digitalen Raum verkümmert.“

Das Video der Masterstudenten basiert auf Original-Chats. „Es war ein kurzer Moment voyeuristischer Freude, als wir in die Chat-Verläufe von anderen gucken konnten. Das war ein bisschen, als würde man heimlich Liebesbriefe lesen“, sagt Katharina Dacrés. Online-Dates seien eben etwas sehr Privates. Die wenigsten Tinder-Paare würden öffentlich zugeben, dass sie sich so kennengelernt haben. Viele täten so, als seien sie sich im Supermarkt begegnet.

Hauptsponsor der Ausstellung ist Tinder selbst, ein 2012 gegründetes US-Unternehmen. Die gleichnamige Dating-App für die Zielgruppe der 18 bis 35-Jährigen ist einer Sprecherin der Firma zufolge in 190 Ländern rund um den Globus verfügbar. Über die Höhe der finanziellen Zuwendungen hingegen wollten weder Sponsor noch Kuratorin Auskunft geben. „Tinder hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Ausstellung genommen“, sagt Mickein.

Kunsthalle Bremen

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