Paris Lagerfeld wird 85: Der „große Karl“ stichelt gern

Elegant vom Scheitel zur Sohle: Karl Lagerfeld.
Elegant vom Scheitel zur Sohle: Karl Lagerfeld.
Paris / Peter Heusch 09.09.2018
Das Geburtsdatum ist amtlich: Doch der Modeschöpfer, Designer, Fotograf und Kostümbildner kokettiert gerne damit, dass er eigentlich noch nicht 85 Jahre alt wird.

Das schillernde Rad, welches der höchst eitle Pfau Karl Lagerfeld so glänzend zu schlagen pflegt, fängt schon mit dem Alter an. Seinen eigenen Angaben zufolge wird der gebürtige Hamburger heute 80 Jahre alt, in Wirklichkeit hat er fünf Jahre mehr auf dem schmalen Buckel, wie eine 2013 aufgetauchte Geburtsanzeige belegt. Aber was soll’s? Feiern dürfte der Jubilar seinen Geburtstag ohnehin nicht, da er „Jubiläen und Geburtstage einfach grässlich“ findet. Außerdem hat es Lagerfeld stets verstanden, sich so sorgfältig als wandelndes Unikum zu inszenieren, dass er als solches nahezu zeitlos erscheint.

Steifer Vatermörderkragen, dunkle Sonnenbrille, schwarzes Jackett zu schwarzen Biker-Handschuhen sowie ein weißgepudertes, die superschmale Silhouette krönendes Mozartzöpfchen – egal wo Lagerfeld auftaucht, übersehen kann man ihn beim besten Willen nicht. Sein exzentrisches Erscheinungsbild ist unverrückbar, seit er dank einer Radikaldiät zu Beginn des Jahrhunderts 42 Kilo verlor. Dieser Mann versteht es nicht nur, große Marken zu repräsentieren, er ist selbst eine Marke geworden, hinter der seine Person verschwunden ist. Kein Wunder also, dass ihm sein Ruf als „letzter Dandy von Paris“ unverhohlene Genugtuung beschert.

Gerüchte über angeschlagene Gesundheit

Auch wenn sich in letzter Zeit Gerüchte über seine angeblich angeschlagene Gesundheit oder sein baldiges Abdanken häufen, ist Lagerfeld nach wie vor der Dreh- und Angelpunkt der Pariser Modeszene. Wer bitteschön sollte ihm seit dem Tod von Yves Saint-Laurent den Thron des Haute-Couture-Kaisers noch streitig machen? Zumal der disziplinierte Arbeiter im Jahr neben acht Kollektionen für Chanel noch zwei für Fendi und vier für seine eigene Marke „Karl Lagerfeld Paris“ zeichnet. Vor allem seine Chanel-Defileen gelten bis heute als absolute Höhepunkte, die häufig die Trends für das neue Modejahr vorgeben.

Lagerfeld kam als 14-Jähriger mit seiner Mutter an die Seine und gewann bereits zwei Jahre später einen ersten Preis für das Design eines Wollmantels. Die Pariser Mode-Ateliers öffnen dem vielversprechenden Jüngling ihre Türen sofort und sperrangelweit. Nach einer Schneiderlehre übernimmt er 1959 die künstlerische Leitung des Modehauses Jean Patou. Wenig später rückt er zum blutjungen Chef-Designer bei Chloe auf, kreiert Pelzkollektionen für Fendi, bringt 1975 sein eigenes Parfum auf den Markt. Nach ganz oben gelangt Lagerfeld dann 1984, als er an die Spitze von Chanel berufen wird.

Ausnahmetalent und Provokateur

Dass er sich dort so lange gehalten hat, verdankt Lagerfeld jedoch nicht nur seinem Ausnahmetalent als Designer. Er verinnerlichte früh, das Klappern zum Handwerk gehört. Es gilt, im Gespräch zu bleiben, gerade in der schnelllebigen Modewelt – sei es mit seiner Kunst- und Künstlerfigur des Dandys, sei es mit dem eigenen Twitter-Account, das er seiner heißgeliebten Hauskatze „Choupette“ einrichtet, oder durch gezielte Provokationen. So etwa beleidigt er Herzogin Kates Schwester Pippa Middleton, deren Gesicht er als banal bezeichnete und der er empfahl, sich lieber nur von hinten zu zeigen. Oder er erklärt Übergewicht bei jungen Frauen zu einem größeren Problem als die Magersucht in der Modebranche.

Lagerfelds Katze Choupette als Kalendermotiv.
Lagerfelds Katze Choupette als Kalendermotiv. © Foto: obs/Adam Opel AG/Karl Lagerfeld

Für großen Wirbel sorgte der streitbare Karl im Mai mit seiner Erklärung, er „verabscheue“ die deutsche Bundeskanzlerin. Angela Merkel, die er in der Vergangenheit schon wegen ihres „unsäglichen“ Kleidungsstils kritisiert hat, wirft er vor, mit ihrer Einwanderungspolitik dafür verantwortlich zu sein, dass nun „100 Nazis im Parlament sitzen“. Wobei Lagerfeld schon ein halbes Jahr zuvor gegen die „massive“ Zuwanderung von Moslems gewettert hatte. Nach dem Mord von Millionen Juden könne die Bundesregierung heute nicht „Millionen der schlimmsten Feinde“ der Juden ins Land holen.

Es stimmt leider, dass der „große Karl“ immer dann jene seine Kreationen auszeichnende Eleganz fahren lässt, wenn er zu sticheln beginnt. In jüngster Zeit freilich gleichen diese Sticheleien eher den Rundumschlägen eines verbitterten Greises. Vielleicht ist die Zeit ja doch nicht so spurlos an ihm vorüber gegangen, wie es seine bislang ungebrochene Schaffenskraft suggeriert.

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Claudia Schiffer verdankt ihm viel

Karriere Für Chanel entdeckte Karl Lagerfeld Ende der 80er Jahre das deutsche Model Claudia Schiffer. Er machte sie zu einem der ersten Supermodels. Noch viele Jahre später stand Schiffer für ihn vor der Kamera: Lagerfeld fotografierte die 39-jährige zweifache Mutter 2010 hochschwanger und nackt für das Titelbild der deutschen „Vogue“. dpa

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