Wenn der schwäbische Astronaut Alexander Gerst am 28. Mai zur Internationalen Raumstation ISS fliegt, wird er Lärmschutz dabei haben. Ob klassische Ohrstöpsel, maßgeformte Earpads aus Silikon oder Headsets, das liegt an ihm.

Dabei hat Gerst Glück. Er wird im Modul "Columbus", dem europäischen Raumlabor, arbeiten. Das gehört erstens zum sowieso leiseren nichtrussischen Teil der ISS und ist zweitens außerdem eines der Module, in denen es am ruhigsten ist. Im "Columbus" herrscht eine Lautstärke mit einem Schalldruck von 51 bis 53 dbA, das ist etwa so ruhig, als sitze man einen Meter vor einem auf Zimmerlautstärke eingestellten Fernseher.

"Wie laut es ist, das schwankt", sagt Petra Mittler, die als Biomedical Engineer in der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Köln-Porz mitverantwortlich für die Gesundheit der Astronauten ist. "Das hängt davon ab, welche Anlagen laufen." In "Columbus" wohnen Astronauten nicht, sondern sie arbeiten. Meist ohne Ohrschutz. "Sie müssen ja auch miteinander reden."

Geräusche sind nicht zu vermeiden. Schon gar nicht die der Anlagen, die die Astronauten am Leben erhalten. Immerhin besteht die ISS aus zwei sich kreuzenden, je 100 Meter langen Ketten solcher Module wie "Columbus". Das sind 900 Kubikmeter Raum, die versorgt werden müssen.

ECLSS nennt sich das System, das alles kontrolliert und reguliert: den Luftdruck, die Sauerstoffproduktion und seine gleichmäßige Verteilung, die Wassergewinnung, die Abfallentsorgung. "Die Hauptlärmquelle sind die Pumpen für den Wasserkreislauf", sagt Mittler. Und die Ventilatoren. Im Laufe der Zeit sammelt sich in den Schläuchen Biomasse an, dann rauscht die Anlage immer lauter und die Austronauten müssen sie reinigen.

Weitere Quellen von Geräusch, das sich durch Dämmungen mit Styropur, durch die Dichtungen zwischen den Modulen und in deren Stahlwänden verbreitet: die Apparaturen für die Experimente der Forschung. Viele enthalten kleine Motoren und Zentrifugen. Ähnlich die Laufbänder, auf denen die Astronauten täglich zweieinhalb Stunden lang ihre Muskelmasse erhalten und Kondition bolzen. Jede Apparatur gibt Schwingungen ab, die erstens Geräusch erzeugen und sich zweitens störend auf Experimente auswirken können.

Alle Apparaturen, die zur ISS hochgeflogen werden sollen, müssen schwingungsarm sein. Das wird kalkuliert, getestet, gemessen, an Einzelteilen und im gesamten Modul - und doch geht es manchmal schief. Der russische Teil der ISS "war anfangs lauter als es am Boden gemessen worden war", sagt Mittler. "Und lauter als gesund."

Bis zu 72 dbA sind einem Bericht des "New Scientist" zufolge in einem russischen Labor gemessen worden. Das war wie den ganzen Tag lang an einer dicht befahrenen Hauptstraße zu sitzen. Oder "wie in einer Fabrik", drückte es der Nasa-Astronaut James Shelton "Jim" Voss in der "Los Angeles Times" aus. Er hatte im Jahr 2001 im russischen Teil schlafen müssen und stets Ohrenstöpsel angezogen. Dennoch hatte er nach 163 Tagen auf der ISS einen Hörschaden.

In allen Modulen sind nach und nach Teile ausgetauscht worden, vor allem die Ventilatoren. Schon seit Jahren arbeiten die russischen Kosmonauten bei einer Lautstärke von nur noch 61/62 dbA. Das entspricht aber immer noch einer lauten Unterhaltung auf einem Meter Abstand - oder einem Rasenmäher in zehn Metern Entfernung.

Diese Lautstärke (62 dbA) darf in Schlafkabinen nicht überschritten werden. Die Flugregeln (Flight rules) der ISS legen fest, dass die Crewmitglieder zur gleichen Zeit schlafen. Mittler: "In Wahrheit ist es in den Schlafkabinen jedoch im Durchschnitt viel leiser." Zwischen 46 und 51 dbA sind es in den vier Kabinen im US-Teil der ISS.

Während der Schlafenszeit werden die Anlagen vom Boden aus kontrolliert. Meist wirklich nur kontrolliert, nicht gesteuert. Denn einige Anlagen dürfen während der Schlafzeit nicht "kommandiert", nicht in einen anderen Zustand versetzt werden, sagt Mittler. Was an ist, bleibt an, und was aus ist, bleibt aus. Jede Änderung würde Schwingungen und Lärm erzeugen.

Manchmal geht etwas schief. So hat es einmal ein Problem mit der Luftumwälzung gegeben. Es pfiff und rauschte, die Motoren arbeiteten unerwartet stark (und laut) - "Da war eine Apparatur für ein Experiment genau vor dem Luftansaugschacht platziert worden", erinnert sich Mittler. "Das war aber eine einmalige Sache." Lärm auf der ISS ist nicht das Topthema in Esa und Nasa, sagt Mittler. Es ist dennoch wichtig. "Ein ganzes Nasa-Labor beschäftigt sich damit." Das Hörvermögen der Astronauten wird alle zwei Wochen gemessen.

Die Astronauten tragen ein Audiodosimeter am Gürtel, das den Schalldruck permanent misst; er wird auch an mehreren Stellen der ISS ständig gemessen, beides wird alle 24 Stunden ausgewertet. Erreichen die Lärmspitzen am Arbeitsplatz 72 dbA, müssen die Astronauten Gehörschutz tragen. Ebenso, wenn sie über 24 Stunden durchschnittlich 67 dbA ausgesetzt sind. Für höhere Töne gelten niederigere Werte, für tiefere Töne höhere.

Ein bisschen Geräusch dürfen die Astronauten selbst machen. "MP3-Player mitzubringen ist erlaubt", sagt Mittler. Die würden auf dem Laufband gerne getragen, mit Kopfhörer. "Das ist offiziell erlaubt. Die Astronauten müssen aber Alarme hören können."

Wenig Schalldruck in den Modulen bedeutet: Die Astronauten können sich sicher und einfach miteinander verständigen und empfindliche Experimente werden nicht gestört. Es bedeutet aber auch Gesundheit. Menschen sollten aus medizinischer Sicht keinem Schalldruck von mehr als 84 dBA dauerhaft ausgesetzt sein. Mittler: "Darüber besteht die Gefahr einer vorübergehenden oder dauerhaften Gehörschädigung."

Für solchen Lärm müssten die Astronauten allerdings die Stahlwände mit Bohrmaschinen löchern. Nicht gerade die Art von Arbeit, die auf der ISS anfällt.

Anforderungen

Norm Die Nasa schreibt der Industrie vor, welche Anforderungen für eine Raumstation gelten. Zum Lärm gibt das Papier "International Space Station Acoustics" von Jerry R. Goodman einen Überblick über Erkenntnisse, was zu beachten ist und welche Normen gelten. Für Lärm gilt msis.jsc.nasa.gov/sections/section05.htm #_5.4_ACOUSTICS

Praxis Manches Mal haben Hersteller der InternationaIen Raumstation lieber den Zeitplan der Produktion eingehalten anstatt

versucht, das Modul noch leiser zu machen.

Keith Cowing, ein ehemaliger Raketenbauer, der jetzt den Blog "Nasa Watch" betreibt, schreibt über das erste Verbindungsmodul, "Node 1" genannt: "Nach dem Test war ,Node 1 lauter als die Anforderungen, ist aber trotzdem hochgebracht worden. . . .

Typisch für die allgemeine Hinauf-Philosophie zur

ISS-Konstruktion, die

genaugenommen besagt: Boeing baut, was es baut, und wenn es nicht den

Anforderungen des Vertrages mit der Nasa entspricht, werden wir die

Anforderungen ändern." ema

SWP