Mannheim Kunstprojekt zeigt Süchtige im Großformat

Mirko Müller (l) und Jonas Gieske bei der Präsentation ihres Fotoprojekts. Foto: Stephen Wolf/Archiv
Mirko Müller (l) und Jonas Gieske bei der Präsentation ihres Fotoprojekts. Foto: Stephen Wolf/Archiv © Foto: Stephen Wolf
Mannheim / Von Stephen Wolf, dpa 03.04.2018

Es fällt schwer, den Blick von den Porträts zu wenden, die aktuell in einer Mannheimer Galerie zu sehen sind. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Bilder zeigen Drogenabhängige aus der Stadt. Die Sucht hat tiefe Falten in ihre Gesichter gepflügt. Aber die Aufnahmen zeigen auch Menschen, die unverdrossen auf den Betrachter blicken. Ein Teil dieser Menschen ist in den vergangenen Monaten gestorben. Entweder aufgrund einer Überdosis oder weil der Körper nach langjährigem Konsum zugrunde ging. Für den Rest ist Tod und Krankheit ein ständiger Begleiter. „Mit Menschen in solchen prekären Lebenssituationen will kaum jemand etwas zu tun haben. Meist schlägt ihnen Missbilligung entgegen“, sagt Jonas Gieske.

Der 28 Jahre alte Sozialarbeiter arbeitet im Drogenverein Mannheim und hat gemeinsam mit dem Fotografen Mirko Müller das Fotoprojekt mit dem Titel „Über kurz oder lang“ auf die Beine gestellt. Es gehe ihnen darum, den Betrachtern eine neue Sicht auf die Menschen zu bieten, fügt Gieske hinzu. Monate dauerte es, bis Müller Fotos geschossen und Interviews geführt hatte. Und egal, welche Story sich hinter den überdimensional abgebildeten Gesichtern in der Mannheimer Galerie „port25“ verbirgt, „die Porträts zeigen Menschen. Sucht ist nur ein einzelner Aspekt ihrer Persönlichkeit“, sagt Müller. Daher gehe es darum, Empathie zu wecken.

Aus Sicht von Experten ist das auch dringend nötig. In Zeiten großer gesellschaftlicher Komplexität gerät das Problem zerstörerischer Drogensucht in den Hintergrund, warnt etwa Philip Gerber. Der Geschäftsführer beim Mannheimer Drogenverein weiß, wovon er spricht. Der Verein begleitet Hunderte von Süchtigen, etwa wenn es um Substitution mit dem Ersatzstoff Methadon geht. Auch bieten die Sozialarbeiter den Frauen und Männern Hilfe im Alltag. Problematisch bleibt die Situation vieler Süchtiger dennoch.

„Es entsteht der Eindruck, dass die menschenunwürdigen Zustände in denen Schwerstsüchtige leben und sterben in der öffentlichen Diskussion aktuell keine große Rolle spielen“, sagt Gerber. Solange aber der gesellschaftliche Druck unterhalb einer gewissen Schwelle bleibt, geschehe in der Politik zu wenig, um die dramatischen sozialen und gesundheitlichen Folgen der Sucht anzugehen, sagt er. Dass die Zahl der Drogentoten im Südwesten nach jahrelangem Anstieg leicht gesunken ist und 2017 bei 160 Toten lag, könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass großer Handlungsbedarf bestehe.

Insgesamt steigt die Zahl der Drogentoten in Deutschland seit 2012. Das geht aus dem „Kurzbericht zur Situation illegaler Drogen in Deutschland“ hervor, den die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht veröffentlichte. 2016 kamen demnach bundesweit 1333 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen ums Leben. In Baden-Württemberg war Heroin nach Angaben des Innenministeriums die Todesdroge Nummer eins. 30 Menschen starben an einer Überdosis, 28 an Mischkonsum von Heroin mit anderen Drogen. Das Ministerium setzt auf Prävention. Auch die Strafverfolgung im „Darknet“ soll ausgebaut werden, da dort illegale Drogen leicht verfügbar seien.

Aber hilft das den bereits Süchtigen? „Nein“, sagt Gerber. Er plädiert für eine akzeptierende Drogenarbeit, bei der es vor allem um die Verbesserung der Lebensumstände von Süchtigen geht. Dazu sei etwa die Einrichtung von Druckräumen notwendig. Dort wo Abhängige unter hygienischen Umständen fixen, sinke etwa die Verbreitung von Infektionskrankheiten. „Abhängige müssen außerdem intensiver betreut werden, etwa wenn es um medizinische Versorgung oder soziale Belange geht. Sie sind auf Hilfe angewiesen“, sagt Gerber, der über Jahre hinweg Erfahrung als Streetworker gesammelt hat.

Dafür aber müsste das Problem stärker diskutiert werden. „Das Thema Sucht hat in der gesellschaftlichen Diskussion ganz klar an Bedeutung verloren“, ist auch Oliver Kaiser, Vorsitzender der Landesstelle für Suchtfragen Baden Württemberg, überzeugt. Das Thema werde häufig nur mit Blick auf die öffentliche Ordnung diskutiert. Die Frage, wie man exzessiven Alkoholkonsum oder eine offene Drogenszenen in Städten beseitigen kann, stehe im Zentrum. Die Suchterkrankung selbst werde in einer zunehmend auf Selbstoptimierung ausgerichteten Gesellschaft als Charakterschwäche gedeutet. „Diese Stigmatisierung schadet den Betroffenen, verstärkt deren Suchtproblematik und steht einem gesellschaftlichen Diskurs im Wege“, sagt Kaiser. Dagegen wollen Jonas Gieske und Mirko Müller weiterhin Zeichen setzen. Sie planen schon weitere Ausstellungen.