Schulmilch oder die beworbene Extra-Portion Milch: Jahrzehntelang hatte Kuhmilch einen guten Ruf. In der Wirtschaftswunderzeit spiegelte sich die Wertschätzung im Werbeslogan „Milch macht müde Männer munter“ wider und in den 80er Jahren in der Parole „Die Milch macht's“, die kaum jemand in Frage stellte. Milch galt als besonders gesund, als gut für die Knochen wegen eines hohen Kalziumgehalts. Heute dagegen hört man öfter, dass Leute sie nicht vertragen oder dass sie sogar ungesund sei. Und dann kommt noch die Haltung der Kühe und die klimaschädliche Wirkung ihrer Verdauung ins Spiel.

Ersatzprodukte aus Pflanzen dürfen nicht als „Milch“ vermarktet werden

Auch in den Statistiken macht sich Kuhmilchskepsis breit. Als möglicher Grund für den Abwärtstrend wird der verstärkte Konsum pflanzlicher Alternativprodukte genannt. Sprich: von Hafer-, Soja-, Mandel-, Cashew-, Erbsen-, Kokosnuss- oder Pistazien-Drinks. Milchersatz darf in der EU nicht mit der Bezeichnung „Milch“ in Verkehr gebracht werden, weshalb dann meist „Drink“ auf der Packung steht, aber alle trotzdem „Milch“ sagen.
Vor allem Sojamilch galt lange Zeit als verrückte Eigenheit von Veganern. Doch Produkte wie Hafermilch und Mandelmilch sind längst keine Nischenartikel mehr für Veganer oder Menschen mit Allergien oder Unverträglichkeiten.

Vor allem die jüngere Generation lehnt Kuhmilch ab

„Kritik an der Milch ist mit Blick auf die Menschheitsgeschichte der letzten sieben- bis zehntausend Jahre ein sehr neues Phänomen“, sagt der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Die Skepsis gegenüber Milch, die jahrtausendelang für Reichtum, gutes Leben und Gesundheit gestanden habe, gebe es verstärkt seit gut 30 Jahren und heute in erster Linie in der jüngeren Generation und in bestimmten Milieus, die oft fernab vom Land lebten, erläutert der Professor von der Uni Regensburg, der neben Geschichte auch Agrarwissenschaft studiert hat.
„Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das Leitnarrativ bei vielen weg vom Rechts-/Links-Schema auf die Ernährung übertragen“, sagt Hirschfelder. „Essen und Trinken haben eine Stellvertreterfunktion übernommen – mit dem groben Schema ,Müsli ist Weltrettung‘ undSteak steht für Selbstoptimierung‘.“ Die Milch nehme dabei eine besondere Stellung ein und werde extrem aufgeladen. Milchviehbetriebe gelten manchen als reine Tierqualanstalten. Aus diesem Schuldkreislauf lasse sich dann aber recht bequem aussteigen. „Pflanzliche Milchalternativen tun nicht weh, lassen sich fast genauso wie Milch verwenden, sind hip und cool.“
Historisch gehörten Ackerbau, Viehhaltung und auch Milchproduktion zur Sesshaftwerdung und seien eine wichtige Entwicklung der Zivilisationsgeschichte, betont Hirschfelder. „Unsere Sprache ist voll von positiven Bildern über Milch, man denke etwa an die Metapher vom ,Land, in dem Milch und Honig fließen‘.“ Bis ins 19. Jahrhundert hatten die meisten Menschen auch in unseren Breiten viel Kontakt mit Vieh und Nutztieren, sahen das Melken, waren von klein auf Experten.

Auch Hafer- und Mandelmilch sind industriell verarbeitet

Aus Historikersicht sei die Milchskepsis eine Modeerscheinung und global gesehen noch kein Massenphänomen. Und ökologisch und ökonomisch sei auch Skepsis gegenüber hochverarbeiteten industriellen Nahrungsmitteln wie Hafer- und Mandelmilch angebracht.
Eine besondere Beobachtung hat Hirschfelder bei einem wichtigen Milchprodukt gemacht. „Käse ist schlechter zu ersetzen als Milch. Dessen Fett, Protein, Geschmack und Eigenheit ist mit Tofuwürfelchen überm Salat oder auch bei Pizza und Auflauf kaum kopierbar.“

Pro-Kopf-Verbrauch von Milch auf Tiefstand

Nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) ging der Pro-Kopf-Verbrauch von sogenannter Konsummilch im vergangenen Jahr in Deutschland auf durchschnittlich nur noch 47,8 Kilogramm zurück (minus 2,2 Kilogramm). Das ist der niedrigste Milchverbrauch seit Beginn der gesamtdeutschen Statistik im Jahr 1991. Im Jahr 1995 lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Konsummilch (was Vollmilch, entrahmte, teilentrahmte sowie Vorzugsmilch umfasst) noch bei knapp 62 Kilogramm. Vor zehn Jahren waren es dann schon nur noch 52 Kilogramm.
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Kilogramm Milch verbrauchten die Deutschen pro Kopf im vergangenen Jahr, so das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft. 1995 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 62 Kilogramm.