Frankfurt (Oder) Kriminologe warnt: Der Sex-Täter spielt mit

Frankfurt (Oder) / MATHIAS HAUSDING 26.04.2016
Beim Thema Internet-Kriminalität stehen meist das Ausspähen von Kontodaten und andere Formen des Betrugs im Fokus. Wie groß im Netz die Risiken für Kindesmissbrauch sind, wird hingegen kaum diskutiert. Ein Brandenburger Kriminologe will das ändern.

Es fängt ganz harmlos an. Elfjährige zocken „Quizduell“, „Fifa“, „Habbo Hotel“ oder „Clash of Clans“, also Online-Spiele, in denen sich die Teilnehmer Text-Nachrichten schicken können. Irgendwann fragt der Gegenüber, selbst angeblich 15 Jahre alt, nach dem Alter der Mitspielerin, es folgen ein netter, dann ein anzüglicher Spruch, garniert mit drei Herzchen, schließlich die Bitte um ein Foto und die Handynummer. Das Problem: Der neugierige Spieler ist in Wahrheit nicht 15, sondern 51 und auf der Suche nach sexuellen Kontakten zu Minderjährigen.

Thomas-Gabriel Rüdiger kann eine Vielzahl solcher Geschichten erzählen. Er ist Kriminologe an der Brandenburger Fachhochschule der Polizei in Oranienburg und einer der bundesweit führenden Experten auf dem Gebiet.

Als Erwachsener auf diese Art mit Kindern zu kommunizieren, ist verboten. Näheres regelt Paragraf 176 des Strafgesetzbuchs unter der Überschrift „Sexueller Missbrauch von Kindern“. Aber das Entdeckungsrisiko für die Täter ist nach Einschätzung von Thomas-Gabriel Rüdiger gering. Auch deshalb reist der 35-Jährige durch die gesamte Bundesrepublik, um aufzuklären, Vorträge vor Multiplikatoren zu halten, also Polizisten, Juristen, Lehrern.

Rüdiger liebt selbst Computerspiele und die modernen Kommunikationsmöglichkeiten im Netz. Es liegt ihm fern, irgendetwas zu verteufeln. Bedenklich findet er zwei Dinge: Dass viele Eltern mangels Interesse für das Thema kaum wissen, was ihr Nachwuchs an Rechner und Smartphone so treibt, und dass die Einhaltung des Kinderschutzes online kaum überwacht wird. „Oder haben Sie im Internet schon mal einen Polizisten gesehen?“, fragte der Kriminologe jüngst während eines Vortrags in Frankfurt (Oder) in die Runde.

Nach seiner Einschätzung werden Regeln im Straßenverkehr auch deshalb zumeist befolgt, weil man immer wieder Polizei sieht und das Risiko, erwischt und bestraft zu werden, relativ groß ist. Im Netz sei das mit Blick auf Kindesmissbrauch völlig anders. „Die Täter haben keine Angst. Sie glauben, dass sie nicht geschnappt werden.“

Als Beleg zeigt er entsprechende Chat-Verläufe aus Spiele-Portalen und Kommunikationsplattformen im Netz. Der Kriminologe gibt sich dort selbst zuweilen als Kind aus, um Erfahrungen zu sammeln. „Es dauert keine 30 Sekunden, bis die erste eindeutige Belästigung kommt“, fasst Rüdiger zusammen. Zur Verantwortung ziehen kann man jene Täter kaum. „Am anderen Ende der Leitung muss laut Gesetz wirklich ein Kind sitzen, damit das Vergehen strafbar ist.“ Aber es gebe hier bereits Überlegungen, auch den Versuch zu ahnden.

Der Kriminologe verweist außerdem auf einige der wenigen Gerichtsurteile, um zu belegen, wie unerbittlich die Täter vorgehen, wenn das Kind erst einmal in der Falle sitzt, also ein erstes Foto oder gar Video geschickt hat. Dann heißt es: „Schick mir mehr, sonst erzähle ich es deinen Eltern.“

Im bayerischen Ambach wurde im vergangenen Sommer ein 28-Jähriger verurteilt, weil er Minderjährige, die er mit falscher Identität bei Online-Spielen kennengelernt hatte, mit Drohungen so weit brachte, ihm drastische Sex-Videos zu schicken. Mit fast fünf Jahren Haft bescherte ihm das eine hohe Strafe, weil er bereits einschlägig vorbestraft war.

Wer verstehen will, was Rüdiger meint, sollte sich „Kik“ anschauen, eine Art WhatsApp für Kinder zum Senden von Texten und Fotos, sehr beliebt und freigegeben ab zwölf Jahren, tatsächlich genutzt sicher auch von noch Jüngeren. „Hey, ich bin auf der Suche nach offenen Mädchen, Alter egal, ich bin selber 15 und meiner Meinung nach attraktiv“, schreibt jemand, der höchstwahrscheinlich eben nicht 15 ist, in den „Rezensionen“ im App-Store, wo das Programm gratis heruntergeladen werden kann. Selbst im Wikipedia-Eintrag zu „Kik“ wird unter Berufung auf Jugendschützer unwidersprochen davor gewarnt, dass die Plattform bei so genannten Pädokriminellen besonders beliebt sei.

Die Opfer würden fast nie zur Polizei gehen, zu groß ist die Scham. Auch der Polizei gelinge es selten, Fälle aufzudecken. Und so müsse man sich auf Kommissar Zufall verlassen, also dass Eltern Verdacht schöpfen, ihnen das Handy der Tochter mit verräterischen Nachrichten in die Hände fällt.

Rüdigers Fazit ist ein Plädoyer an Eltern, sich selbst fit zu machen in Sachen Internet, nicht um die Kinder überwachen, sondern um sie stark machen zu können. Das sei heute Teil der Verantwortung, die Erwachsene für ihre Schützlinge übernehmen müssten, so wichtig wie die Vermittlung der Regeln im Straßenverkehr.

Und jene Mütter und Väter, die selbst viel im Netz unterwegs sind, ruft er auf, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden. „Überlegen Sie genau, welche Informationen, welche Fotos Sie wo im Netz veröffentlichen“, sagt der Kriminologe. „Das Bild von einer Zehnjährigen und ihrem Hund, beide am besten noch mit Namen, kann ein gefundenes Fressen für Täter sein, weil sie mit den Informationen die Chance haben, Vertrauen zum Kind aufzubauen.“

Sanktionen nicht hart genug

Forderung In den Augen von Thomas-Gabriel Rüdiger sind die Sanktionen nicht hart genug. Auch vieles andere müsste sich ändern, damit Kinder besser geschützt werden. „Jedes Online-Spiel mit einer Chat-Funktion sollte grundsätzlich erst ab 18 sein, es sei denn, die Anbieter können nachweisen, dass es bei ihnen effektiven Kinderschutz gibt“, fordert er.

Die Spiele-Unternehmen müssten sich zertifizieren lassen, also darlegen, wie sie Missbrauch, aber auch Extremismus und Beleidigungen vorbeugen. Bislang sei es nämlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel, die ohnehin großzügigen Altersbeschränkungen ganz einfach dadurch zu umgehen, indem sich die Mädchen und Jungen älter ausgeben als sie sind.

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