Christchurch Knallig-kitschiger See

Christchurch / SISSI STEIN-ABEL 15.09.2012
Es sind vor allem die Farben im Wechselspiel mit den Jahreszeiten, die den 710 Meter hoch gelegenen Gletschersee so besonders machen. Den besten Blick auf den Lake Tekapo hat man von einem Berg aus.

Es war Liebe auf den ersten Blick, und es passierte an einem windstillen Morgen vor mehr als 20 Jahren. Das Motelfenster umrahmte ein surreales Gemälde, in dessen Zentrum der Maler ein bisschen zu viel Türkis aufgetragen hatte. So knallig-kitschig-bunt konnte kein See aussehen. Und das Ocker rundherum wirkte auch leicht übertrieben. Es folgte ein Fußmarsch durch das halbhohe Büschelgras am westlichen Ufer und auf dem parallel dazu verlaufenden Bergrücken - aber tatsächlich natürlich war der Anblick des Wassers den ganzen Tag nicht, und auch die Fotos sahen später aus wie koloriert.

Ein Kälteeinbruch am Vortag hatte die alpine Bergkette am gegenüberliegenden Ufer mit Schnee bedeckt, und bald spiegelte sich dieses Zauberwerk der Natur auf der noch immer unbewegten Oberfläche des Lake Tekapo. Die Liebe zu diesem 710 Meter hoch gelegenen Gletschersee im steppenartigen Mackenzie Country, das im menschenleeren Zentrum der Südinsel Neuseelands liegt, ist bis heute ungebrochen. Es ist eine Liebe, die dank des Wechselspiels der Jahreszeiten in immer neuen Farben glüht.

Die Symphonie in Türkis beginnt, wenn der Schnee in den Südalpen schmilzt und das Wasser des Godley River, der den 83 Quadratkilometer großen Lake Tekapo speist, mit milchigem Gletscherabrieb angereichert ist. Diese Felspartikel reflektieren das Licht und verleihen dem See seine einzigartige Farbe.

Im Sommer explodiert der Malkasten, denn dann ist das Seeufer in ein Meer aus Lupinen in Lila, Pink, Gelb, Weiß und Orange getaucht. Auch der State Highway 8, der von Christchurch nach Queenstown führt, ist von diesen Blumen gesäumt und nötigt Touristen zum Anhalten, Fotografieren und zu noch mehr Entzückensrufen - viele Kilometer, bevor der See und der gleichnamige kleine Ort überhaupt in Sicht kommen.

Die Lupinen sind in dieser abweisend-anziehenden Hochebene übrigens so unnatürlich wie die kahle Landschaft selbst. Vor der Ankunft der Landwirtschaft betreibenden Siedler war die Region mit Wald bedeckt. Und die Lupinen am Straßenrand wurden von Frauen gepflanzt, die dachten, die monotone Graslandschaft schreie nach Farbe. Seither haben sich die Blumen explosionsartig vermehrt. Umweltschützer bekämpfen sie wie Unkraut, weil sie das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.

Im Winter wechselt der Lake Tekapo seine Farbe - je nach Sonneneinstrahlung - von Royal- über Lapis- und Kobaltblau bis zu dunklem Ultramarin. Und egal, welche Jahreszeit herrscht: Für den grandiosesten Rundumblick muss man sich auf den halbkugeligen Mount John bewegen, der am Südwestzipfel des Sees und der Ortschaft einsam in der Landschaft sitzt: entweder vom Campingplatz einen Zickzack-Weg hinauf oder - für Faulenzer und Fußkranke ideal - mit dem Auto. Auf dem Gipfel befinden sich ein Café und das Observatorium der Universität von Canterbury.

Nachts ist der Himmel so dunkel und klar, dass Sternengucker aus aller Welt auf den Berg eilen, um ins Universum zu starren. Tagsüber verirren sich nur relativ wenig Touristen hierher. Dafür besucht jeder Urlauber am Lake Tekapo - der Name bedeutet: nächtlicher Schlafplatz - die idyllische kleine Steinkirche zum Guten Hirten (Church of the Good Shepherd), die neben einem Schäferhund-Denkmal direkt am Seeufer steht. Und jeder macht ein Foto durch das Fenster, das den Blick auf die Südalpen am Nordende des Binnengewässers freigibt. Doch der Berg im Zentrum ist - auch wenn es so in vielen Reiseführern und auf Wikipedia steht - nicht der Mount Cook. Der höchste Gipfel Neuseelands rückt erst einige Kilometer weiter westlich ins Bild und spiegelt sich dann - an einem klaren Sonnentag - in voller Pracht im Lake Pukaki, dem nächsten - und doppelt so großen - türkisblauen Wunder.