Gesellschaft Kluge Eltern haben fitte Kinder

Berlin / Dieter Keller 29.08.2018

Kinder von Eltern ohne Schulabschluss müssen fast dreimal so häufig wegen Karies zum Zahnarzt wie der Nachwuchs von Eltern mit hohem Bildungsniveau. Sie leiden zweieinhalb mal so oft unter krankhaftem Übergewicht (Adipositas). Auch wegen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sowie Allergien und Asthma sind sie deutlich häufiger in ärztlicher Behandlung.

Das hat die Auswertung der Abrechnungsdaten für das Jahr 2016 von knapp 590 000 Kindern und Jugendlichen sowie von rund 430 000 Eltern, die bei der DAK versichert waren, ergeben. „Das gesundheitliche Ungleichgewicht zwischen den Familien ist größer als gedacht“, sagte der Chef der drittgrößten gesetzlichen Krankenkasse, Andreas Storm, in Berlin. Benachteiligte Kinder hätten nachweislich erhöhte Krankheitsrisiken.

Zwischen Armut und Krankheit gibt es einen engen Zusammenhang, weiß der Präsident der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, aus der eigenen Praxis. Arme hätten kein Gesundheitsbewusstsein. „Sie sind mit sich selbst beschäftigt und haben nur wenig Zeit für ihre Kinder.“ Er sieht die Politik gefordert, um schon in den Kitas gesundes Leben beizubringen: „Kinder sind besser zu erreichen als Eltern.“

Kinder stecken sich an

Dass Kinder besonders häufig eine Grippe bekommen, wenn ihre Eltern unter dieser Krankheit leiden, liegt nahe. Aber auch bei nicht ansteckenden Krankheiten ist auffällig, dass Kinder häufig mit den gleichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben wie ihre Eltern. Das Karies-Risiko von Kindern ist sechsmal so hoch, wenn auch die Eltern schlechte Zähne haben. Unter Adipositas leiden Kinder, deren Eltern ebenfalls krankhaft übergewichtig sind, dreieinhalb mal häufig, wie wenn Vater oder Mutter nicht wegen dieses Problems behandelt werden, ergab die Auswertung durch Gesundheitswissenschaftler der Uni Bielefeld. Bei Depressionen gibt es diesen Zusammenhang ebenfalls.

Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen leidet unter chronischen Erkrankungen, Jungen etwas häufiger als Mädchen. Besonders verbreitet sind Neurodermitis und Asthma. Auch chronische psychische Krankheiten kommen oft vor: Unter ADHS leiden sechs Prozent der Jungen, aber nur zwei Prozent der Mädchen. Die kämpfen deutlich häufiger mit Depressionen, während Schulangst und Schulphobie mit gut drei Prozent unter beiden Geschlechtern ähnlich weit verbreitet sind.

Neun von zehn Kindern waren 2016 mindestens einmal beim Arzt. Wenige trifft es besonders hart: Die Hälfte der Gesamtkosten der DKV entfiel auf nur drei Prozent der Kinder und Jugendlichen. Bei ihnen sind Knochenmarkstransplantationen besonders aufwändig, bei Älteren lange psychische Behandlungen.

Mehr als jedes siebte Kleinkind unter einem Jahr musste mindestens einmal ins Krankenhaus. Bei den Kindern zwischen 5 und 14 Jahren war es nur jedes 20. Unter den Jugendlichen ab 15 steigt der Anteil insbesondere bei den Mädchen wieder an.

Fast ein Viertel aller Eltern meldete sich 2016 mindestens einmal arbeitsunfähig, weil der Nachwuchs krank war, im Schnitt 2,3 Tage. Jüngere Mütter bleiben besonders häufig zu Hause, weil der Nachwuchs das Bett hütet.

In Problemgruppen vorsorgen

In allen Schulen gehöre Gesundheit auf den Lehrplan, folgert Storm aus den Ergebnissen. Nicht als eigenes Schulfach, sondern im normalen Unterricht. Außerdem müsse die Gesundheitsvorsorge verändert werden. Bisher gehe sie stark in die Breite. Sie spricht also alle an. Künftig müsse sie sich stärker auf Problemgruppen konzentrieren, sagte Storm. Er setzt unter anderem auf Online-Lernangebote für Eltern.

Was Kinder plagt
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