Maulbronn / Von Hans Georg Frank  Uhr
Das Kloster Maulbronn feiert 25-jähriges Jubiläum. Trotz seines Schutzstatus kann das Weltkulturerbe zeitgemäß genutzt werden.

Andreas Felchle muss keine Sekunde überlegen. „Das Weltkulturerbe ist nur Segen, gar kein Fluch“, blickt der Bürgermeister von Maulbronn auf 25 Jahre zurück. Die Unesco, Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, hat die von Zisterziensern gegründete Klosteranlage wegen des „außergewöhnlichen universellen Wertes“ in jene Eliteliste aufgenommen, in der seinerzeit schon die ägyptischen Pyramiden und weitere 411 Stätten in 89 Ländern verzeichnet waren. Heute sind es 1092 Kulturdenkmäler und Landschaften in 167 Ländern.

Christdemokrat Felchle (57) war damals erst ein gutes Jahr im Amt. Kaum einer hat die Entwicklung eines regionalen Geheimtipps zum weltweit bedeutenden Touristenziel so direkt erlebt wie er. „Das ist keine Ehrung, sondern eine Verpflichtung“, erklärt er die Bedeutung der Anerkennung. Bevor die Urkunde überreicht wurde, warnte er vor einem „Klein­Disneyland“, vor einem „klösterlichen Rothenburg“.

Behutsame Besucherlenkung

Nichts davon ist eingetreten. Trotz des „sensationellen Imagefaktors“ konnte eine behutsame Besucherlenkung verwirklicht werden. „Durch Tourismus kann der Denkmalwert geradezu konterkariert werden“, weiß der Bürgermeister, „das ist hier bewusst vermieden worden.“

Auch wenn Felchle bei den allermeisten Gästen „ein faszinierendes Aha-Erlebnis“ beim Anblick „dieses hochbeeindruckenden Ensembles“ beobachtet, darf doch nicht vergessen werden, dass die über 850 Jahre alte Abteigründung der Zisterzienser kein Museum ist. Gewiss, es handelt sich hier um die am besten erhaltene Klosteranlage des Mittelalters nördlich der Alpen. Aber hier steht auch das Rathaus, es gibt eine Apotheke, einen Buchladen, ein Restaurant mit Gartenwirtschaft. Der frühere Fruchtschuppen dient als Stadthalle, in der schon mal 1000 Leute bei lauter Rockmusik ausgelassen feiern. Etwa 150 Maulbronner wohnen ständig hier, die meisten sind Schüler des evangelischen Seminars. „Das Kloster ist unsere Stadtmitte“, betont Felchle.

Mit Wohlgefallen registriert er, dass „der ganz hohe Anspruch der Denkmalpflege“ unter einen Hut gebracht werde mit zeitgemäßer Nutzung – „ein Erfolgsmodell“. Manche Entscheidung, etwa über die neue Küche für das Seminar, brauche zwar lang. Aber was verwirklicht werde, sei top. „Die Unesco-Liste ist ein Prachtargument, da kann das Land nicht knausern“, sagt der Schwabe.

Aushängeschild des Landes

264 815 Besucher wurden 2018 gezählt, 12,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Maulbronn sei „die größte kulturtouristische Institution des Landes“, freut sich Michael Hörrmann, Chef des Landesbetriebs Schlösser und Gärten, der sich auch um das erste Weltkulturerbe in Baden-Württemberg kümmert. Immer mehr Ausländer locke das „baden-württembergisches Aushängeschild“ an. Der Anteil der Franzosen, Spanier, Italiener nimmt kontinuierlich zu. Auch Japaner haben Maulbronn auf dem Plan. „Für sie ist es wegen Hermann Hesse ein Top-Ziel“, weiß Hörrmanns Sprecher Frank Thomas Lang, „der Nobelpreisträger, der eine Zeitlang hier zur Schule ging, ist Schulstoff in Japan und genießt hohe Verehrung.“

Maulbronn ist weit entfernt von einem Rummelplatz. „Der Status als Weltkulturerbe hat bewirkt, dass die Sensibilität der Öffentlichkeit gewachsen ist“, weiß Lang. Viele Menschen hätten ein „Bewusstsein für diesen besonderen Schatz entwickelt“. Damit meint er Besucher ebenso wie Entscheidungsträger und Veranstalter von Festen. Bürgermeister Felchle berichtet voller Stolz, dass die Kontrolleure der Unesco „insgesamt zufrieden“ seien. An einen Eingriff, der den Status gefährden könnte, werde nicht einmal ansatzweise gedacht. Dabei soll es bleiben. Denn: „Auch künftige Generationen aus aller Welt haben das Anrecht, diese Welterbestätte in ihrem Ansatz unverändert zu erleben.“

Jubiläumsfest mit kostenlosen Führungen

Die Auszeichnung der Unesco wurde zwar im Dezember 1993 verliehen, aber gefeiert wurde erst im Frühjahr 1994 – wegen des Wetters. So wird es auch beim 25-jährigen Jubiläum am kommenden Sonntag sein. Den Gästen werden den ganzen Tag über kostenlose Führungen geschenkt.

Beginn ist um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der nicht beheizbaren Klosterkirche. Das Programm beginnt mit einer Rede von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Auch das sonst nicht zugängliche Seminar und der legendäre Faustturm sind geöffnet. Für Kinder gibt es Mitmachaktionen.