Weihnachten – das Fest der Liebe? Für viele Paare eher das Fest der zerbrochenen Teller: Zu keiner Zeit wird wohl so viel gestritten wie an Weihnachten. Amerikanische Wissenschaftler wollen einen Zusammenhang zwischen den Feiertagen und der jedes Jahr sehr hohen Scheidungsrate im März herausgefunden haben: Zwar ist es für die meisten tabu, sich während der besinnlichen Zeit zu trennen. Drei Monate später habe man jedoch einen guten Anwalt gefunden und auch genug Geld zusammengekratzt, um diesen zu bezahlen.

Warum streiten wir an Weihnachten so viel?

Der häufigste Grund für Streit an Weihnachten ist laut einer Umfrage des Magazins Chrismon eine zu hohe Erwartung an die Harmonie – das sagt zumindest die Mehrheit der 14- bis 59-Jährigen. Für ältere Menschen ist das nicht so eindeutig: 36 Prozent der Befragten ab 60 können sich die häufigen Streitereien nicht erklären.

Zu Bernd Schmidt, Paar- und Familientherapeut in Filderstadt, kommen in der Vorweihnachtszeit besonders viele Paare, die mit Blick auf die Feiertage „Schwierigkeiten kriegen“. Besonders häufig kommen Paare aus Patchworkfamilien: „Die stehen unter großem Druck, müssen sich mit ihren Ex-Partnern absprechen und organisieren, wo die Kinder Weihnachten verbringen. Das ist ein sehr hoher Aufwand und der entlädt sich dann oft in Streit.“ Es gebe aber die verschiedensten Fälle. Manche Paare etwa gehörten unterschiedlichen Glaubensrichtungen an und würden sich dann über die Ausgestaltung des Fests nicht einig.

Weihnachten sei nun mal emotional extrem aufgeladen, dennoch wollten viele das Fest eigentlich gar nicht feiern. „Es ist schwer zu ertragen, wenn man etwas machen muss, das man eigentlich gar nicht will – das ist dann Stress pur.“

Gibt es eine gute Art, zu streiten?

Hier ist sich Schmidt sicher: Die gibt es. „Wir sollten es schaffen, dem Partner unsere Bedürfnisse zu erklären. Dann stellt man eventuell Unterschiede fest: Der eine will oder braucht etwas ganz anderes als das Gegenüber. Das kann man dann gemeinsam lösen.“

Die altbekannte Ich-Botschaft sei hier essentiell: „Mit Phrasen wie ‚du solltest…‘ oder ‚du machst immer…‘ erreiche ich meist nur, dass mein Partner sich angegriffen fühlt. Aber einen Wunsch kann man mir ja nicht ausreden.“ Schmidt gibt aber auch zu, dass es viel Übung braucht, sich so „fair“ zu streiten.

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Und was soll ich machen, wenn ich schon total sauer bin?

In der Hitze des Gefechts ist es schwierig, auf sachlicher Ebene über seine Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen. Aber es gibt einen Ausweg aus der „Streitspirale“. „Das klappt nur, wenn einer der beiden aussteigt“, erklärt Schmidt, „Dafür können Paare vorher ein Stopp-Zeichen vereinbaren, etwa die Brille auf den Tisch zu legen oder die Uhr. Sobald einer der beiden dieses Zeichen macht, bedeutet das ‚Lass uns aufhören, das hat keinen Sinn mehr.’ Später, wenn sich beide beruhigt haben, kann man den strittigen Punkt dann klären.“Anschließend brauche es klare Absprachen, wann man sich wieder treffen wolle, etwa am Abend bei einem Glas Wein oder einer Tasse Tee. Dann könne man herausfinden, welches Bedürfnis dem Streit eigentlich zu Grunde liegt.

Wenn der Partner trotz des Stopp-Zeichens weiter zetert, helfe nur noch, den Raum oder gar das Haus zu verlassen - sonst könne der Streit schnell eskalieren, warnt Schmidt.

Dann lieber gar nicht erst streiten?

Oft leichter gesagt als getan. Auch hier helfen wieder klare Absprachen, sagt Bernd Schmidt: „Paare können verabreden: Wir machen an Weihnachten das, was wir beide richtig finden.“ Das kann zwar bedeuten, dass man Verwandten absagt und stattdessen mit Freunden weggeht. Aber das könnte ein streitloses Fest der Liebe allemal wert sein.