Raumfahrt ISS feiert unter Astro-Alex Jubiläum

München / Thomas Körbel, Christina Horsten Sebastian Kunigkeit 01.06.2018
Am Mittwoch startet Alexander Gerst zur Raumstation. Sie kreist seit 20 Jahren um die Erde – wie lange hält sie noch?

Auf der ISS gibt es Grund zu feiern, wenn der Astronaut Alexander Gerst im Herbst das Kommando übernimmt. Nicht nur, weil er der erste Deutsche ist, dem die Ehre zuteil wird, sondern auch, weil die ISS 20 Jahre alt wird. Als erstes Bauteil der Station wurde am 20. November 1998 das russische Modul „Sarja“ (Morgenröte) ins All geschickt. Seither ist die „Weltraum-WG“ auf mehr als ein Dutzend Module gewachsen, in denen bis zu sechs Raumfahrer leben und arbeiten.

„Die Module, die im Orbit zusammengefügt wurden, sind vorher nie probeweise auf der Erde zusammengesteckt worden“, sagt Gerst. Die Bauteile müssten aber auf einen hundertstel Millimeter genau passen. „Das ist ein wundervolles Beispiel dafür, dass Menschen noch zusammenarbeiten können.“ Die Raumfahrtbehörden der USA, Russlands, Kanadas und Japans sowie die Europäische Agentur Esa loben die ISS als Vorbild der Kooperation.

„Es ist viel Erfahrung von den früheren Stationen Saljut und Mir in die ISS eingeflossen“, sagte Wladimir Solowjow, Flugleiter des russischen Segments. Bei dem Ex-Kosmonauten laufen die Fäden zusammen, wenn Gerst am Mittwoch zur ISS startet. Solowjow nennt die Automatisierung von Abläufen und Notfallpläne als Beispiele für das Wissen, das von den alten russischen Raumstationen übernommen wurde.

Zustand der ISS

Vor seiner ersten Mission 2014 hatte sich Gerst gefragt, wie gut die ISS wohl in Schuss ist. „Ich war hin und weg, wie gut die aussieht“, sagte er bei einem Training im Frühjahr. In einem Modul hätten sie mal die Wandverkleidung erneuert. Denn wenn Tomatensoße auf dem Speiseplan steht, dann fliege schonmal ein Tröpfchen weg und lande an der Wand. „Das sah zwischendurch nicht so gut aus.“ Andere Module seien astrein.

Die Außenwand sei ein anderes Thema: „Es gibt tausende kleinste Meteoriteneinschläge. Das sind ganz kleine Krater. Aber das betrifft die Funktion nicht.“ Die Technik unter der Abdeckung sei wie neu. Das habe er bei seinem Außeneinsatz selbst gesehen. Diese Einsätze seien wichtig für die Wartung.

Lebensdauer

Wie lange die ISS noch durchhält, sei eine Frage der Kosten, sagt Flugleiter Solowjow. „Der anfälligste Bereich ist die Konstruktion selbst.“ Sie hermetisch dicht zu halten, sei eine große Herausforderung. Wenn ein Modul in einem kritischen Zustand sei, könne man dieses ersetzen. Doch das sei eine Kosten-Nutzen-Frage.

Die Bordsysteme könnten leichter aktuell gehalten werden. Rund 100 Computer seien in einem Netzwerk verbunden. „In den letzten 20 Jahren haben wir schon acht Mal „den Intellekt“ der Station komplett erneuert.“ Dies sei wichtig, „damit wir auch zeitgemäße und seriöse Experimente machen können“, sagt er.

Kosten der Station

Kritiker bezeichnen die ISS gerne als das teuerste Gebäude der Welt – die Gesamtkosten seit 1998 liegen geschätzt bei über 100 Milliarden US-Dollar. Zu den exakten Ausgaben halten sich die ISS-Mitglieder bedeckt. Sicher ist aber, dass die USA – noch vor Russland – den Löwenanteil tragen. Mehr als drei Milliarden Dollar zahlen die USA Berichten zufolge jedes Jahr für den Betrieb, die Esa etwa 300 Millionen Euro.

Zukunftspläne

Bis 2024 ist die Finanzierung durch die Mitglieder gesichert. Danach strebt US-Präsident Trump aber einen Schnitt an. Eine offizielle Strategie gibt es bislang nicht, Medien zufolge wollen die USA aus der Finanzierung aussteigen und das Weltraumlabor privatisieren.

Aus Russland heißt es zwar, man sei mit den internationalen Partnern im Gespräch über eine Verlängerung bis 2028. Aber auch Moskau hat noch keine klare Linie. Man erwägt ebenfalls den Einstieg privater Firmen. Weitere Ideen: ein Weltraumhotel oder eine eigene Station aus den russischen ISS-Modulen bauen.

Die Esa ist daran interessiert, an der ISS festzuhalten. „Auch über 2024 hinaus werden wir Schwerelosigkeitsversuche im niedrigen Erdorbit brauchen“, sagt Esa-Chef Jan Wörner. Von Privatisierung hält er wenig. Dass die ISS auch künftig mit öffentlichen Mitteln unterstützt werde, „davon kann man fest ausgehen“, sagt Wörner.

Alternativen zur ISS

Die USA und Russland arbeiten an Plänen für eine bemannte Station, die um den Mond kreist. Dieser „Deep Space Gateway“ könnte Basis für Landungen auf dem Erdtrabanten und Mars-Flüge werden. Russlands Flugleiter Solowjow hält davon nicht viel. „Wir können die Strahlungsbelastung dort nicht abschätzen. Das ist sehr gefährlich für Menschen“, sagt der 71-Jährige. Er sei stattdessen für eine neue Raumstation im Erdorbit. „Dort könnten wir Geräte für den Flug zum Mond und zum Mars zusammenbauen“, sagt er.

Trotz aller Unwägbarkeiten für die Zukunft: Wladimir Solowjow beneidet Gerst um die bevorstehende Reise ins All. Der Raumfahrtveteran war in den 1980er Jahren zwei Mal auf der sowjetischen Station Saljut-7. „Wenn ich könnte, würde ich mit größtem Vergnügen alles hinter mir lassen. Ich kenne keinen Kosmonauten, der nicht noch einmal fliegen würde.“

Die Außenposten der Menschheit

Raumstationen sind bereits seit fast einem halben Jahrhundert Außenposten der Menschheit im Weltall. Ein Überblick:

Saljut Die Sowjetunion errichtete 1971 die erste bemannte Raumstation Saljut-1. Es folgten weitere. Mit der 1982 in den Orbit gebrachten Saljut-7 endete das Programm. Sie wurde bis 1986 genutzt und trieb noch lange um die Erde, bevor sie 1991 abstürzte.

Skylab Die USA starteten 1973 die Raumstation Skylab (Himmleslabor). Drei Teams mit je drei Astronauten hielten sich dort bis Februar 1974 auf. 1979 stürzte sie in den Indischen Ozean.

Mir 1986 schoss die Sowjetunion die Basis für die Raumstation Mir ins All, an die im Laufe der Jahre fünf Laborelemente angekoppelt wurden. Mehr als 100 Besucher hatte die Mir, darunter auch mehrere Deutsche. Auch die USA brachten seit 1995 mit eigenen Shuttles Astronauten an Bord. Die Mir blieb 15 Jahre im All und stürzte 2001 kontrolliert über dem Südpazifik ab.

ISS Der schrittweise Aufbau der ISS begann 1998. Neben den USA, Russland, Kanada und Japan sind die Mitgliedsstaaten der Europäischen Raumfahrtagentur Esa beteiligt. Die erste russisch-amerikanische Crew startete 2000. Mehr als 200 Menschen waren schon oben.

Tiangong Das chinesische Raumlabor Tiangong 1 nahm 2011 den Betrieb auf. Im April 2018 stürzte der seit 2013 unbemannte „Himmelspalast“ über dem Südpazifik ab, nachdem er zwei Jahre unkontrolliert um die Erde gekreist war. Es gab zwei bemannte Missionen dorthin. 2016 schoss China Tiangong 2 ins All. Zwei Raumfahrer machten dort bisher Experimente. Mit seinen Raumlaboren will China Erfahrungen für den Bau einer eigenen Raumstation sammeln, die um das Jahr 2022 fertig werden soll.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel