Ulm Irre Trends im Internet

Links oben Sänger Psy mit seinem "Gangnam Style". Das große Bild zeigt "Tebowing". Es geht zurück auf den US-Footballspieler Timothy Tebow, der oft eine Denkerhaltung als Siegerpose einnimmt. Rechts oben ein Jugendlicher beim "Planking", darunter ein Tanz-"Flashmob" in Ulm. Neuerdings sind auch Ziegen im Spiel. Fotos: AAron Ontiveroz/The Denver Post via Getty Images, dpa, afp, Matthias Kessler
Links oben Sänger Psy mit seinem "Gangnam Style". Das große Bild zeigt "Tebowing". Es geht zurück auf den US-Footballspieler Timothy Tebow, der oft eine Denkerhaltung als Siegerpose einnimmt. Rechts oben ein Jugendlicher beim "Planking", darunter ein Tanz-"Flashmob" in Ulm. Neuerdings sind auch Ziegen im Spiel. Fotos: AAron Ontiveroz/The Denver Post via Getty Images, dpa, afp, Matthias Kessler
Ulm / CHRISTINE BÖHM 09.03.2013
Neue Trends verbreiten sich im Internet explosionsartig: Beinahe wöchentlich entsteht ein neuer Hype, der bei Menschen rund um den Globus Zustimmung findet. Derzeit stehen singende Ziegen hoch im Kurs.

Das Internet ist eine Spielwiese für Kreativität: Spontane Ideen werden immer häufiger zu Hypes, die sich rasend schnell rund um den Globus verbreiten. Einmal sind es Bilder, die Privatpersonen von sich in ausgefallenen Posen ins Netz hochladen, kurz darauf folgen Videos von tanzenden Menschen. Und die halbe Welt tanzt mit. Nach ein paar Wochen ist wieder alles vergessen, eine neue Idee rückt in den Fokus.

Was eine spontane Idee zum Hype macht, weiß Professor Jo Groebel, Medienpsychologe an der Business School Berlin Potsdam. Wichtig sei eine Mischung aus originellem Einfall und etwas, was die Leute noch nicht gesehen haben. Das dürfe auch unfreiwillig komisch oder kindisch sein. "Es funktioniert aber nur, wenn das Video kurz und eingängig ist", sagt Groebel.

Je unprofessioneller das Video oder Bild sei, desto besser komme es beim Publikum an. Das habe sich beispielsweise beim "Harlem Shake" gezeigt: Eine Menschenmenge, die für 30 Sekunden verkleidet wild auf einem Marktplatz zappelt, wird von vielen angeklickt. Intellektuell anspruchsvoll dürfen die Videos nicht sein. Groebel sagt: "Das Bescheuerte ist gerade das Entscheidende."

Groebel hat sich mit den Phänomenen der vergangenen Jahre beschäftigt und weiß, dass die vielen Trends nichts Neues sind. "Den Basisimpuls gab es schon immer", sagt der Medienpsychologe. "Früher hieß das eben Happening und noch nicht Flashmob." Geändert habe sich lediglich die Reichweite dieser Phänomene.

Über das Internet - und dort hauptsächlich auf der Video-Plattform Youtube - erfahren die Menschen in Sekundenschnelle, was in der Welt gut ankommt. Früher sei es nicht so einfach gewesen, sich mit so vielen Fremden auf einmal zu verabreden, wie es inzwischen bei so genannten "Flashmobs" passiere, erzählt Groebel. Solche Hypes oder "kleine Trends", wie der Psychologe sie nennt, hätten sich damals eher auf eine regionale Szene beschränkt. Das soziale Netzwerk Facebook habe es schließlich noch nicht gegeben.

Was gestern noch der "Gangnam Style" des südkoreanischen Sängers Psy war, ist heute der "Goat Style". Zur Zeit liegen meckernde Ziegen, die in Musikvideos eingefügt werden, im Trend. Ein Youtube-Video, das Internet-Nutzer inzwischen mehr als 150 000 Mal angeklickt haben, zeigt Bon Jovi bei einem Liveauftritt, wie er "Livin on a prayer" singt. In einem Moment, in dem er einen Ton länger halten sollte, sieht der Zuschauer eine Ziege, die laut in genau dem Ton schreit, den Bon Jovi singen sollte.

Angst davor, dass die Gesellschaft demnächst verblödet, hat Groebel nicht. Er weiß, dass diese kurz aufkeimenden Trends zwar auf den ersten Blick sinnfrei erscheinen, aber dennoch nicht sinnfrei sind. "Man hat dabei einfach Spaß", sagt der Medienpsychologe. Es sei ein gutes Gefühl, etwas mit anderen zu teilen. Daher habe das Anschauen der Videos einen hohen Sinngehalt. Der Experte weiß: "Es entsteht eine unverbindliche Gemeinschaft, ein Wir-Gefühl."