Gesellschaft Inflation der Gedenktage

Einfach mal den ganzen Stress loslassen: Heute ist „Tag der Alltagsflucht“ oder „Auf-und-davon-Tag“.
Einfach mal den ganzen Stress loslassen: Heute ist „Tag der Alltagsflucht“ oder „Auf-und-davon-Tag“. © Foto: PhotoAlto/Getty Images
Friedrichshafen / Philipp Zettler 30.01.2018
Ob Auf-und-davon-, Rückwärts- oder Knuddeltag. Der Kalender quillt über vor skurrilen Gedenktagen. Warum eigentlich?

Mal wieder im Stress? Lassen Sie doch einfach alle Termine sausen, schalten das Handy ab und machen eine kleine Pause von der hektischen Realität. Denn am Dienstag ist „Auf-und-davon-Tag“ – alternativ: „Tag der Alltagsflucht“. Und morgen?  Rückwärtstag. Freunde der Aktions- und Gedenktage überraschen dann Unwissende mit rückwärts gesprochenen Nachrichten und E-Mails. Wer dann noch nicht genug hat, gedenkt am 1. Februar, dem „Robinson-Crusoe-Tag“, gestrandeten Schiffbrüchigen.

Spaßtage unterliegen einer Inflation. Eine Vielzahl mehr oder minder bekannter Aktionstage haben fast jeden Tag des Jahres zu etwas Besonderem auserkoren. Bekanntere Vertreter sind der No-Pants-Day Anfang Januar, an dem mittlerweile auch in Berlin U-Bahn-Fahrer das Beinkleid für einen Tag weglassen und der Welt-Knuddel-Tag am 21. Januar, an dem Jeder seine Liebsten umarmen soll.

Von der Erinnerung zum Event

„Gedenktage entstanden zunächst um zyklisch wiederkehrende Jahrestage, um zum Beispiel an die Ernte zu erinnern“, erläutert Gloria Meynen, Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. „Später versuchten Staaten über Feiertage eine nationale und kulturelle Identität zu schaffen.“

Im 20. Jahrhundert begannen internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, internationale Gedenktage auszuloben. „Das Ziel ist, die internationale Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu lenken, oder an historische Ereignisse zu erinnern“, erläutert Isabel Hofstaetter vom UN-Verbindungsbüro in Deutschland.

Mittlerweile ist vor allem die Industrie eine Triebfeder internationaler Aktionstage. Der Muttertag Anfang Mai geht auf die Initiative einer US-amerikanischen Methodistin zurück, deren Idee von der Blumenindustrie ausgeschlachtet wurde. Auch der Valentinstag wurde in Europa vor allem von der Süßwarenindustrie verbreitet. „Heute haben viele Gedenktage einen Event-Charakter“, erläutert Meynen. Es geht für die Teilnehmer darum, gemeinsam mit anderen etwas zu unternehmen.

So treffen sich am Welt-Knuddeltag Leute an öffentlichen Orten zu sogenannten „Hug Mobs“, um sich zu einem verabredeten Zeitpunkt zu umarmen. Seit drei Jahren ernennt außerdem die „Hug Alliance“ die „am besten zu umarmende Person des Jahres“. 2017  war das Fußballtrainer Jürgen Klopp. Der Trainer des FC Liverpool war nach dem Sieg seiner Mannschaft gegen Erzrivale Chelsea aufs Spielfeld gestürmt und hatte jeden einzelnen seiner Spieler enthusiastisch umarmt.

Viele Spaßtage haben auf den zweiten Blick dennoch einen ernsten Hintergrund. „Die neuen Jahrestage üben häufig Gesellschaftskritik“, sagt Meynen. Der US-amerikanische Pfarrer Kevin Zaborney rief 1986 den „Hug Day“, ins Leben, weil er die amerikanische Gesellschaft als gefühlskalt ansah. Er wollte mit dem Tag bewirken, dass die Menschen ihrer Zuneigung offener und häufiger Ausdruck verleihen.

Jeder kann einen Gedenktag schaffen. Es gibt keine überstaatlich zuständige Behörde.  Das Ehepaar Ruth und Thomas Roy aus den USA hat seit 1986 mehr als 80 Gedenktage ins Leben gerufen. „Finden sich wenige zusammen und einigen sich auf ein leicht zu erinnerndes Thema, können sie einen Gedenktag etablieren“, sagt Meynen. „Die Begründung und Spielregeln des Tages müssen für alle schlüssig und einfach zu verstehen sein.“

Wichtig ist nur die Aufmerksamkeit. Per Internet können auch Privatpersonen weltweit viel Aufmerksamkeit erregen. Und im Netz gilt, je skurriler, desto besser verbreitet sich ein Thema. Die Krönung für einen Gedenktag ist, wenn er es in möglichst viele Kalender schafft. „Ich habe einfach im Internet die interessantesten Tage recherchiert“ erläutert Dr. Matthias Feldbaum. Er hat für die Literaturagentur Drews einen Gedenktagkalender zusammengestellt. Die Herkunft sei bei den meisten Tagen nicht mehr nachzuvollziehen, sagt er.

Die Aktionen werden meist per Facebook und in Foren verbreitet. Die Kalender machen die Gedenktage einem breiteren Publikum bekannt. Und am Ende greifen Medien und Zeitungen die Gedenktage als Thema auf.

Einige skurrile internationale Gedenktage

18. Januar – Internationaler Schneemanntag: Ein Reutlinger Rekordsammler von Schneemannkunstwerken rief 2010 den Gedenktag aus. Die 8 repräsentiert den Schneemann – die 1 den Besen.

25. Mai  – Welt-Handtuchtag: Der Tag soll an den britischen Autor Douglas Adams erinnern. In seinem Werk „Per Anhalter durch die Galaxis“ spielt ein Handtuch eine wichtige Rolle.

19. November – Welttoilettentag: Die Welttoilettenorganisation will damit auf das Fehlen sanitärer Anlagen für 40 Prozent der Weltbevölkerung hinweisen.

16. Januar – Gedenkttag gegen Gedenktage: Der US-Kolumnist Harold-Pullman Coffin ägerte sich über die vielen Gedenktage und wollte einen Tag, an dem seine Mitbürger einfach mal nichts feiern müssen.

5. Februar – Hast du gepupst Tag: Der Comiczeichner Bastian Melnyk ist einer der  fleißigsten deutschen Gedenktagerfinder. Auch von ihm: Der „Mit-Absicht-Geld-verlieren-Tag“ am 27. Oktober und der „Zuspätkommtag“ am 30. Juli.

21. November – Welt-Hallo-Tag: Als Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg entstanden, soll eine offene Begrüßung  den Frieden fördern.