Neu Delhi Im Reich der Vegetarier

Farbenprächtige und fleischfreie Speisen: In Indien sind bis zu 40 Prozent der Bevölkerung Vegetarier.
Farbenprächtige und fleischfreie Speisen: In Indien sind bis zu 40 Prozent der Bevölkerung Vegetarier. © Foto: afp
DOREEN FIEDLER, DPA 01.10.2014
Saftige Rindfleisch-Burger? Eine Wurst im Brot? In Indien kaum vorstellbar. Millionen auf dem Subkontinent sind Vegetarier, oft ist das eine Familientradition. Da beugen sich sogar Fast-Food-Ketten.

Erst kam Buttermilch mit Minze und Koriander auf den Tisch, dann runde frittierte Teigbällchen mit Linsenfüllung, schließlich Aubergine und Bockshornklee, Okra mit Erdnüssen, Basmati-Reis und Fladenbrot. Indiens Regierungschef Narendra Modi ließ seinem Amtskollegen aus China, Xi Jinping, bei dessen Besuch jüngst 100 Spezialitäten auftischen. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie waren vegetarisch.

Denn Indiens Premierminister isst kein Fleisch, und das gilt auch für Millionen anderer Menschen auf dem Subkontinent mit 1,25 Milliarden Bewohnern. Etwa 40 Prozent der Inder beschreiben sich laut mehreren Umfragen als Vegetarier. Fleischesser werden "Nicht-Vegetarier" genannt. Laut UN-Angaben essen Inder im Schnitt nur 5,1 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr, so wenig wie sonst fast niemand.

Die Vorbehalte gegen Fleisch sind unter vielen Indern - vor allem Hindus, Buddhisten und Jains - so groß, dass sich selbst Hamburger-Ketten dem beugen. McDonalds hat in diesem Jahr ein vollkommen vegetarisches Restaurant in Amritsar vor dem Goldenen Tempel eröffnet. Vertreter der Sikh-Religion erlauben dort keinen Fleischverzehr.

Auch in der für Hindus wichtigen Stadt Kurukshetra mussten alle Fleischgerichte von der McDonalds-Karte weichen. Und wenn es Fleisch sein soll, kommt nur Hühnchen infrage - davon können auch andere Fast-Food-Ketten wie Subway und Pizza Hut ein Lied singen.

Gegen Schwein protestieren Muslime, weil die Schweine laut Koran unrein sind, und gegen Rind die Hindus, weil Kühe ihnen heilig sind. Im Supermarkt müssen alle Produkte mit Fleisch-Zutaten einen braunen Punkt auf der Verpackung tragen, während vegetarische Produkte einen grünen Punkt bekommen.

Inder kennen noch viel mehr Unterschiede: "Es gibt Eggitarians, die keine Eier essen, und Menschen, die Milchprodukte ablehnen. Andere essen nur Hühnchen oder nur Fisch, und manche verzichten auf Zwiebeln und Knoblauch, weil die die innere Ruhe, das Gleichgewicht der Gefühle, stören", sagt Ernährungsberaterin Sheetal Bari.

Viele Nahrungs-Tabus ließen sich auf Glauben zurückführen, erklärt die Kulturhistorikerin Navina Java. Hindus glauben an Wiedergeburt. "Und um Fleisch zu bekommen, muss man ein anderes Lebewesen töten, richtig?" Auch der wohl bekannteste Inder, der Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi, war Vegetarier. Er meinte: "Wir sollten aufhören, unsere Mitgeschöpfe für unsere körperlichen Bedürfnisse zu töten."

Die Soziologin Patricia Uberoi hingegen hält das Wohlergehen der Tiere nicht für die Hauptmotivation, schließlich träten Inder auch gerne mal Straßenhunde. "Viel wichtiger sind die uralten Theorien von heißer und kalter Nahrung." Der Glaube besage: Bestimmtes Essen erhitze die Gemüter und sei deswegen nur für Menschen geeignet, die körperlicher Arbeit nachgehen.

"Zentral ist auch die Idee, dass der heimische Herd rein bleiben muss", sagt Uberoi. Traditionell hätten die Männer im Norden Indiens erlegtes Wild draußen gegessen. Auch heute werde oft daheim vegetarisch gekocht, aber im Restaurant Fleisch bestellt.

Wer isst was?

Zahlen Heute ist Weltvegetariertag. Der Vegetarierbund Deutschland geht von bundesweit rund sieben Millionen Vegetariern und 900000 Veganern aus. Die meisten Vegetarier - 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung - leben in Indien.

Untergruppen Was kommt für wen auf den Tisch? Ovo-Lakto-Vegetarier essen weder Fisch noch Fleisch. Sie verzichten etwa auf Gelatine, essen aber Produkte von lebenden Tieren wie Milch und Honig. Lakto-Vegetarier meiden Fleisch, Fisch und zusätzlich auch Eier. Ovo-Vegetarier verzichten auf Fleisch und Fisch sowie Milch und Milchprodukte. Pescetarier essen kein Fleisch, aber Fisch. Veganer leben ohne tierische Produkte. Das gilt nicht nur für die Ernährung. Frutarier wollen, dass Pflanzen wenig geschädigt werden. Sie essen vor allem Fallobst und Nüsse. Flexitarier legen Wert auf gesundes Essen, essen gelegentlich auch Fleisch oder Fisch.