Nachtleben Im Herzen des Sanlitun

Von Felix Lee 11.08.2018

Angenehm ist es nicht, wenn einem abends auf der Pekinger Flaniermeile im Ausgehviertel Sanlitun Türsteher in schlechtem Englisch ständig „Lady-Bar, do you want Lady-Bar“ einflüstern und versuchen, einen in ihre wenig anziehenden Spelunken zu zerren. Ein Blick durch die mit Lichterketten geschmückte Fensterfront verrät, was einen dort erwartet: leicht bekleidete Frauen, die ihren Po zu weich gespültem Canton-Pop oder einfältigen Techno-Beats an einer Stange reiben. Aus dem Eingang riecht es nach Zigarettenrauch und billigem Alkohol. Am Bartresen werden so ziemlich alle bekannten Drogen angeboten – trotz der Todesstrafe, die einem dem offiziellen chinesischen Gesetz zufolge droht.

Die Sanlitun-Straße inmitten des Pekinger Diplomatenviertels im Ostteil der 20-Millionen-Hauptstadt ist berüchtigt für ihre verruchten Bars, die Neureichen, die in Maseratis die einspurige Flaniermeile rauf und runter rasen und die aggressiven Türsteher. Und doch hat Pekings erstes und viele Jahre lang einziges Ausgehviertel auch in den vergangenen Jahren nicht an Popularität eingebüßt.

„Sicherlich gibt es inzwischen charmantere Ecken in Peking“, sagt der Bar-Besitzer Mondo Wong, der seit drei Jahren auf der Sanlitun-Straße „Adam’s Bar“ betreibt. „Aber hier ist immer noch am meisten los.“ Und den Sanlitun-Mythos – den gebe es auch weiterhin.

Genau an diesen Mythos will Mondo mit seiner Bar anknüpfen. Das zweigeschossige Haus ist klein, aber sehr viel ansprechender als die umliegenden Bars und Kneipen. Ein paar Tische im Erdgeschoss, vor der Tür und auf einer Dachterrasse. Eine Bühne hat er einbauen lassen, auf der sich die Gäste wochentags in Karaoke ausprobieren dürfen.

Gerade spielen drei junge Musiker eine Mischung aus amerikanischem Folk und traditioneller chinesischer Musik, der eine mit Gitarre, eine andere mit einer Bongo. An der Wand darüber ist ein großes Portrait einer bekannten chinesischen Schauspielerin aufgemalt. „Aus einer Seifenoper der 90er Jahre“, sagt Mondo. „Jeder Chinese kennt sie.“

Die Bar füllt sich. Mit Pekingern, Auswärtigen, Ausländern, die einen mit zerschlissenen Jeans und Lederjacke etwas alternativer, die anderen edel angezogen und posh. „Das ist die berühmte Sanlitun-Mischung, für die das Viertel mal bekannt war“, sagt Mondo. Er selbst ist schwul. Und ursprünglich hatte er „Adam’s Bar“ als einen Ort für Schwule und Lesben vorgesehen.

Doch auch wer nicht Teil der LGBT-Community ist, findet eine gute Alternative zu den anderen Bars in der Straße. Mondo wirbt damit, dass sein Alkohol echt sei.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn auch das ist Sanlitun – berüchtigt dafür, dass nach dem Besuch zumindest einiger Bars die Speiseröhre brennt und man halb erblindet auf die Straße tritt. Der Whisky ist trotz Edelmarkenetikett oft gefälscht.

Mondo hingegen garantiert: Wenn jemand falschen Alkohol in seiner Bar findet, werde er ihm den zehnfachen Preis für das Getränk zurückzahlen.

Pekings Nachtleben hat noch keine lange Tradition. Nicht nur in der Sanlitun-Straße, sondern überall in Peking war es noch in den frühen 90er Jahre nach Jahrzehnten Realsozialismus üblich, dass die Lichter abends früh ausgingen. Nur einige Hotelbars und Discos in den internationalen Hotels hatten bis spät in die Nacht offen.

Sanlitun war früher eine Wohngegend zumeist für Diplomaten der umliegenden Botschaften und Angehörige der Militärpolizei, die in dem Viertel kaserniert sind. Mit Chinas Wirtschaftsreformen sind in Sanlitun die ersten Bars Pekings entstanden – erst winzig klein, mit ein paar Gartenstühlen und einer Kiste Bier, dann eröffnete das erste Burger-Restaurant. Cafés und weitere Bars folgten. Von den ersten legendären Rockkonzerten und ausgefallenen Vernissagen berichten in die Jahre gekommene Pekinger heute noch.

Von den zeitweise mehr als 150 Bars, Restaurants und Diskotheken in der Sanlitun-Straße und ihrer Umgebung mussten viele weichen, als wegen der Olympischen Spiele 2008 auf der einen Straßenseite sämtliche Häuser abgerissen wurden, damit dort zwei moderne Einkaufszentren, ein Luxushotel und Boutiquen namhafter Marken gebaut werden konnten. Nach dem Willen der Stadtväter soll Pekings Innenstadtviertel möglichst teuer, sauber und modern erscheinen.

Dem Nachtleben in Sanlitun hat das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Die Gegend ist nun schon nachmittags gefüllt mit Menschen, die sich zunächst gediegen in einem der ebenfalls vielen neu entstandenen Restaurants den Magen vollschlagen, um sich dann erst ins Nachtleben zu stürzen.

Das unterscheidet das Pekinger Ausgehverhalten denn wohl auch am meisten von denen in anderen Weltmetropolen. Bevor Clubs, Bars oder Karaoke-Läden aufgesucht werden, wird erst mal üppig gespeist.

„Von irgendwas muss man doch gestärkt sein, bevor das Singen oder Tanzen beginnt“, sagt Mondo, der in seiner Bar daher neben einer Cocktail-Karte auch eine umfangreiche Auswahl an Speisen hat: Pizza, Tacos, Enchi­ladas, aber auch gebratene chinesische Maultaschen, Mapo Tofu oder Pho.

„Die gute Stimmung ist dennoch verlorengegangen“, beklagt sich ein Gast, der das Gespräch mit dem Wirt Mondo mitverfolgt – ein Stammgast, sagt Mondo später. Horrende Mietpreise hätten die einstigen Kultschuppen vertrieben, sagt der Gast, und sie durch moderne, farblose Großschuppen ersetzt.

Mondo wiegelt ab. Das Ende von Sanlitun sei schon häufig beschworen worden, sagt er. Trotzdem brumme die Gegend. Und es entstehe ja ständig Neues. Auch das mache das „Wesen von Sanlitun“ aus: „Die ständige Veränderung.“

Karaoke ist ein Muss

Chinas Hauptstadt Peking ist längst kein grauer Moloch mehr wie einst unter Mao. Das Nachtleben ist bunt und schrill. Zum Ausgehen bieten sich die Gegend um den Trommelturm an (Houhai), die beliebte Bar-Street in Sanlitun, das Viertel rund um die U-Bahnstation Wudaokou, das wegen der Nähe zu den großen Pekinger Unis besonders häufig von Studenten frequentiert wird.

Wer Spaß auf chinesische Art haben will, für den ist Karaoke, oft KTV, genannt, ein Muss. Es geht nicht darum, besonders gut zu singen, sondern einfach um Spaß. Und doch ist man so manches Mal verwundert, wie gut selbst wenig showaffine Chinesinnen und Chinesen singen, wenn sie erst mal ein Mikrofon in der Hand halten.

Auf der Westseite des Arbeiterstadions in der Nähe von Sanlitun befindet sich eine große KTV-Bar namens Kāixīn Yìbăi . Es gibt verschieden große Privaträume, abhängig von der Gästeanzahl. Der kleinste ist für ein bis drei Leute, der größte für mehr als zehn. lee

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