"Oooooh, es ist immer das Gleiche. Mädchen jagen Jungs jagen Mädchen.“ Die Sängerin Ingrid Michaelson meint zwar mit ihren Zeilen die Liebe an sich, aber sie passen auch gut auf ein Phänomen, das vor allem die 90er Jahre geprägt hat und noch lange nicht vorbei ist: Boygroups. Das sind meist bewusst zusammengestellte Bands aus jungen Männern, die auf der Bühne tanzen, singen und gut aussehen, in Interviews nett und lustig sind und angeblich ein Illustriertenleben führen. Mehr braucht es nicht: Mädchen, meist zwischen 12 und 16 Jahre alt, finden das super, kreischen, reisen ihren Idolen hinterher und geben dabei viel Geld aus. Das wiederum freut die Musikindustrie und die Musiker.

Die Geschichte der Boygroups beginnt übrigens nicht mit den Beatles. Denn auch wenn die Pilzköpfe einige Kriterien erfüllen, Instrumente sind bei Boybands nur sehr begrenzt auf der Bühne zu sehen. Ein Stück am Klavier als Höhepunkt der romantischen Bühnenshow ist schon mal drin, mehr nicht. Außerdem waren die Beatles nicht gecastet, also bewusst ausgesucht. The Monkees („I'm a believer“) hingegen schon. In den 60er Jahren wurden deren Mitglieder für eine alberne Fernsehserie unter Vertrag genommen. Sie emanzipierten sich und versuchten es als selbstständige Band – mit kurzem Erfolg.

Nicht alle jedoch halten Castings für Boygroup-spezifisch. „Früher nannte man das Casting eben Vorspielen“, sagt der Musikexperte Thomas M. Stein, einer der bekanntesten deutschen Musikmanager, der unter anderem Alicia Keys und Peter Maffay zum Erfolg führte. Man habe häufig eine Leitfigur gehabt und dann die Band drumherum gezielt zusammengesucht, sagt Stein. Und dann brauche man eben jemanden, der die Gruppe aufbaue, Geld investiere und sie bekannt mache. „So wie wir N'Sync aufgebaut und damit Justin Timberlake entdeckt haben“, erzählt der Manager. Auch Robbie Williams wurde nach seinem Abschied von Take That zum Superstar, genauso wie Timberlake einige Jahre später. Viele andere ehemalige Boygroupmitglieder allerdings scheitern an der Solokarriere.

Robbie Williams ist ein Phänomen der 90er Jahre, der Blütezeit der Boygroups. Da mischte etwa New Kids on the Block („Step by Step“) die Popszene auf. Die Band rund um Mark Wahlberg war eine klassische US-Castingtruppe. Ein Produzent hatte weiße Jungs gesucht, die rappen und breakdancen können. 1994 löste sich die Band auf, aber nicht für immer. Seit 2008 sind NKOTB wieder unterwegs – wie viele andere Boygroups, die wieder zurückkommen.

Die US-Jungs waren Vorbild für unzählige Bands, die allerdings nicht rappten, sondern sich der Popmusik verschrieben. „Der Trend war wirklich beachtlich und auch in der Industrie deutlich spürbar“, beschreibt Thomas Stein die Stimmung in dieser Zeit. Die fünf Briten von Take That („Back for good“) brachten ab 1990 die Mädchen zum Kreischen. Nach knapp sechs Jahren war Schluss. Erst stieg Robbie Williams aus, woraufhin Sorgentelefone auf der ganzen Welt eingerichtet wurden, um verzweifelte Fans zu trösten. Dann löste sich die Band ganz auf. Später hat aber auch Take That wieder zusammengefunden.

East 17 („Stay another day“), ebenfalls aus Großbritannien, sollte als Gegenentwurf zu den meist allzu glatten Boybands funktionieren. Die Herren rappten, trugen ihre Mützen verkehrt herum, waren tätowiert, traten prollig und ungehobelt auf, sprachen gerne mal über Drogen und beendeten ihre Karriere damit quasi selbst. Unter dem Namen E-17 versuchen auch sie seit Jahren ein Comeback.

Die Backstreet Boys („I want it that way“) wurden schnell zu Superstars. Die fünf Jungs aus Florida, die besonders lässig im US-Style auftraten, sind mit 130 Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste aller Boygroups. Der geschäftstüchtige Manager und Produzent Lou Pearlman finanzierte auch N'Sync („Bye Bye Bye“).

Es gab auch ein paar deutsche Boybands. Touché („This goodbye is not forever“) entstand unter den Fittichen von Dieter Bohlen und war die erfolgreichste deutsche Boygroup. Dazu gab es noch Bed&Breakfast, die deutsch-amerikanische Band US 5 und eine in der Castingshow „Popstars“ kreierte Gruppe namens Overground, die mäßig erfolgreich war.

Nach dem Aus von Boygroups folgten oft Vorwürfe über Knebelverträge. Thomas Stein will solche Vorwürfe pauschal nicht gelten lassen: „Es gibt sicher auch in der Musikbranche schwarze Schafe“, sagt er. „Aber die meisten Musiker sind gottfroh, wenn sie einen Vertrag bekommen. Verdienen sie dann viel Geld, haben manche plötzlich das Gefühl, dass sie nicht richtig verhandelt haben und wollen mehr, ohne zu berücksichtigen, dass Geld investiert wurde, um ihnen eine Karriere zu ermöglichen.“

Warum aber suchen sich besonders viele Mädchen ein Idol, das so schwer zu erreichen ist? „Nach dem subjektiven Empfinden ist der junge Mann aus der Boygroup gar nicht weit weg, er hängt ja als Poster direkt im Zimmer, man kann träumen, fantasieren und mit ihm reden“, erklärt der Psychologe Holger Simonszent, der auf Kinder, Jugendliche und junge Familien spezialisiert ist. In der eigenen Wahrnehmung sei der Star wichtig und präsent. Den Jungen auf dem Schulhof dagegen spreche man lieber nicht an. „Die Pubertät ist eine Phase der Selbstfindung, der Identitätsentwicklung, und das sexuelle Interesse erwacht“, erklärt Simonszent. Perfekte Voraussetzungen seien das für Idealbilder, wie sie Boygroups liefern. Die Mitglieder sind so ausgesucht, dass sie jungen Mädchen gefallen: verschiedene Typen und Charaktere, alle nett, einfühlsam, romantisch, ein bisschen frech. Sie sind sogar vorzeigbar, wenn die Eltern wissen wollen, wen das Kind denn gerade gut findet. Der drogensüchtige Rockmusiker ist da schwieriger zu vermitteln, auch weil er von der Lebenswelt der Mädchen und ihren Wendy- und Bravo-befeuerten Idealbildern weiter entfernt ist. „Die Musiker sind Vorbilder und Gegenstand von Schwärmereien und Verliebtheit“, sagt Simonszent. Eltern sollten sich darüber nicht aufregen: „Sie sollten vermitteln, dass es sie interessiert, weil ihnen das Kind wichtig ist“, sagt der Psychologe.

Boygroups gibt es immer noch und immer wieder. Aus der britischen Ausgabe der TV-Castingshow X-Factor ging One Direction („The Story of my Life“) hervor. Die Mitglieder waren eigentlich als Solosänger angetreten, die Jury empfahl ihnen jedoch, gemeinsam aufzutreten. „One D“ liefert seit 2011 einen Hit nach dem anderen und füllt bei Konzerten selbst große Stadien. Jetzt wollen die noch vier Sänger eine einjährige Pause einlegen.

In Asien kreischen die Mädchen für Boybands, die teilweise bis zu 13 Mitglieder haben wie Super Junior aus Südkorea – da ist für jede einer dabei. Auch das funktioniert. Stein jedenfalls ist sich sicher: „Solange es Mädchen gibt, wird es Boygroups geben.“