Interview Das Leben als Hurensohn

Ulm / swp 14.07.2018
Michael Bijnens ist ein echter Hurensohn, seine Mutter war Prostituierte. Sein Leben als Kind wurde begleitet von Armut und Gewalt, sein Frauenbild hat gelitten. „Ich bin Macho-Feminist“, sagt er heute.

Hurensohn – ein Schimpfwort, Herr Bijnens?

Michael Bijnens: Für mich ist das nie ein Schimpfwort gewesen, ging auch nicht. Es stimmt ja, ich bin Sohn einer Hure. Bisher hat mich aber nur mein Vater so genannt. Wenn er besoffen war.

Sie haben eine bewegte Kindheit hinter sich. Die Mutter verließ mit Ihnen und Ihrem kleinen Bruder den Vater, der trank und ihr verfallen war. Sie wohnten bei ihren wechselnden Liebhabern, die finanzierten die Familie. Als Sie 15 waren, gab Ihre Mutter ihren neuen Job bekannt. Wie war das?

Ich hatte eigentlich keine Vorstellung davon, was das hieß. Ich hoffte aber, dass die Armut endlich vorbei ginge und erinnere mich, dass ich eine Viertelstunde später anfing zu fantasieren, was ich mit dem Geld, das sie verdienen würde, kaufen könnte: einen Fernseher, ein Fahrrad…

Sie lebten in Armut?

Ich fand das Leben meiner Mutter schwierig und habe sie oft dafür gehasst. Sie hatte Schulden, seit sie Anfang zwanzig war. Ständig war sie überspannt, hatte riesige Probleme, über die sprach sie aber nicht. Mehrmals wurde sie bedroht, ein albanischer Gangster hielt ihr eine Waffe an den Kopf. Sie begann zu lachen. Wenn aber um drei Uhr nachts die Zigaretten aus waren, ging die Welt unter.

Schämten Sie sich für ihren Job?

Nein. Aber es wusste trotzdem nur ein Freund. Ich habe nie Freunde nach Hause eingeladen. Mit 15 sucht man ja seine Identität: Ich hatte Talent darin, so zu tun, als sei ich ein Intellektueller. Ich wusste damals schon, dass ich Schriftsteller werden will und stellte mir vor, ich bewegte mich in einem Film oder Buch, in einer fiktiven Geschichte, konnte alles beobachten. Mein Bruder hat sich definitiv geschämt. Er hat aber auch nie die Idee gehabt: Später werde ich das alles erzählen. Er hat die Vergangenheit verdrängt. Heute ist er Bauarbeiter.

Wie lief der Familienalltag ab? Die Mutter hatte ja quasi ständig Nachtschicht.

Wir waren meistens alleine daheim, vor allem nachts. Das war nicht anders als vorher: Da arbeitete sie in Kneipen oder ging feiern. Wir kümmerten uns selbst um die Schule und aßen im Imbiss. Nachmittags schauten wir Fernsehen. Ich glaube, dass es in reichen Familien auch so sein kann. Oder wenn man eine psychotische Mutter hat oder sie verliert. Ich war nicht unglücklicher als Kinder aus beschützten Familien. Schlechte Zähne habe ich heute, wie alle, die in Armut aufwachsen.

Hat Sie der Alltag bedrückt?

Ich habe gelitten auf meine Weise. Meine Mutter war unerträglich körperlich, zuhause lief sie nackt rum. Ihr Körper war auf beeindruckende Weise immer anwesend. Ging sie aufs Klo, ließ sie die Türe auf, weil sie klaustrophobisch war. Scham kennt sie nicht. Wenn sie über ihren Beruf spricht, dann voller Details, die man nicht hören will. Man fühlt und riecht alles, als sei man dabei gewesen. Sie ist superstolz auf ihr Leben und ihren Job, war sich immer sicher, jemand würde mal ein Buch über sie schreiben.

Ist es gar nicht so verwunderlich, dass sie Prostituierte wurde?

Nein, ihr Vater hat sie früh verlassen, später kam sie in ein christliches Internat. Sie suchte immer nach Aufmerksamkeit, nach Männern – Erlösern –, die ihr die Probleme abnahmen. Auch mich hat sie in diese Rolle gezwungen. Ich fühlte mich oft verantwortlich für sie. Als ich etwa 13 war, musste ich oft Formulare für sie ausfüllen, weil ich bestimmte Aspekte des Lebens besser verstand. Prostitution war für sie kein schmutziger Beruf, sondern eine kosmische Rolle. Sie fühlte sich wie eine der Heiligen, die vor 5000 Jahren in Tempeln in Mesopotamien arbeiteten, angeblich, um Männer glücklich zu machen. Das ist fast pathologisch bei ihr.

Hatte ihre Mutter Drogenprobleme?

Ich habe nicht oft gespürt, dass sie

unter Drogen gestanden hätte. Meine Mutter nahm ab und zu Speed, um während der Arbeit länger wach zu bleiben.

Brachte Sie Ihre Freier heim?

Nur die, die Liebhaber wurden – also etwa alle drei Monate einen neuen. Sie verliebt sich in die Idee, was der Mann für sie sein kann: eine Christusfigur. Anfangs finden sie es reizvoll, für sie zu sorgen, dann saugt sie deren Energie auf. Es sind parasitäre Beziehungen. Ich kann aber auch die Männer verstehen, habe mich auch in Frauen verliebt, die ich retten wollte. Man fühlt sich wie ein Prinz.

Ist Ihre Mutter männersüchtig?

Absolut, sie sucht in Männern eine Ersatzfigur für den Vater, den sie nie hatte. Einen Erlöser. Sie sucht etwas in Männern, das keiner liefern kann.

Kann es auch eine Chance sein, so aufzuwachsen?

Ich würde mein Leben nicht zurücksenden wollen. Es war nicht alles einfach, nicht alles schön, aber ich habe viel gelernt. Zum Beispiel, dass ich vieles anders machen werde. Ich will mich nie von jemandem abhängig machen. Bis vor ein paar Jahren war ich übertrieben egozentrisch und unabhängig, konnte niemanden um Hilfe bitten. Ich habe mich gebessert. Ich bin mit viel Freiheit groß geworden und fühle mich heute freier als andere, bin froh, dass nicht wie in anderen Familien Erwartungen auf mir ruhen, wie mein Leben verlaufen soll. Erwartungen sind wichtig, aber ich überlege mir selbst, welche. Meine Mutter hat mir nie auf aktive Weise geholfen, mich aber bestärkt in dem, was ich tue.

Sie träumte davon, jemand schriebe ein Buch über sie. Sie haben’s getan. Ein Buch voller Wut, ein Abreagieren?

Ja. Das wichtigste Gefühl in meinen ersten zwanzig Jahren war diese gestresste Wut. Lange dachte ich, ich könne meine Mutter retten. Als ich „Cinderella“ mit 23 angefangen habe zu schreiben, erkannte ich, dass das nicht möglich ist. Ich schrieb das Buch, weil ich ihre Erzählungen vergessen und wohl auch verdrängt hatte. Meine alte Mutter habe ich abgelöst durch die Romanfigur.

Arbeitet sie noch als Prostituierte?

Seit das Buch raus ist, nicht mehr.

In Ihrem Roman entwickeln Sie die Geschäftsidee „Fairtrade-Prostitution“: Für Freier, die mehr Klarheit über die Herkunft der Frauen haben möchten und eine Lösung für die, die den Job gerne machen?

In dem Milieu, in dem ich unterwegs war, ist Prostitution die sublimierte Form von Vergewaltigung. Die Psychologiestudentin, die sich damit ihr Studium finanziert und dann einen guten Job hat, macht das vielleicht freiwillig. Es gibt ja noch private Prostitution, Callgirls, Escorts. Ich kann nicht sagen, ob Prostitution verboten gehört oder nicht, ob es sie fair gibt. Müsste man dann alle ungesunden Berufe verbieten? Dürfte dann niemand mehr als Schlachter arbeiten? Meist ist es so, dass inzwischen bis zu 90 Prozent der Prostituierten drogenabhängig sind. Menschen ohne psychische Probleme nehmen keine Drogen.

In Ihrem Buch geht es um eine Frau, deren muslimische Brüder sie vergewaltigt haben, bei einer anderen legte sich der Vater, ein Lehrer, regelmäßig mit ins Bett. Ist das typisch?

Ich bin 30 bis 40 Prostituierten begegnet, die solche Traumata hatten.

Und dennoch binden sich solche Frauen an einen Zuhälter? Das erinnert an das Stockholm-Syndrom: Das Opfer ist in seiner ausweglosen Situation gierig nach der Zuneigung des dafür Verantwortlichen.

Auch meine Mutter hatte Beziehungen mit Zuhältern. Ebenso mit Drogendealern und Waffenverkäufern. Zwischendurch war sie auf der Flucht vor einem kurdischen Kriminellen. Sie fühlte sich beschützt – wurde aber verprügelt und bedroht.

Hat das Ihr Frauenbild beeinflusst?

Ich habe früher von Männern in meiner Umgebung mitbekommen: Frauen sind hilflose Wesen, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Man kann mit ihnen schlafen oder sie retten. Heute weiß ich, was Frau-Sein auch bedeutet: Dass man mit ihnen Gespräche haben kann. Wenn ich auf der Straße eine schöne Frau sehe, kann es dennoch sein, dass ich anfange zu fantasieren, wie es wäre, mit ihr Liebe zu machen, sie nach Hause zu führen, sie irgendwie zu besitzen. Ob ich das gelernt habe, als ich 15 war? Ob es an meiner Biologie liegt, meiner Jugend? Ich bin Macho-Feminist. In einer Kneipe traue ich mich nicht, mit einer tollen Frau zu flirten. Ich habe immer Angst, dass es ein gefährliches Gefühl ist, eine Frau attraktiv zu finden. Ich fühle mich dann gehemmt und schuldig.

Glauben Sie an die Liebe?

Ich erlebe sie jeden Tag, seit sechs Jahren. Mit einer wunderschönen Frau habe ich eine wunderschöne Beziehung.

Wollen Sie Familie? Werden Sie Ihren Kindern all das Erlebte erzählen?

Das weiß ich noch nicht. Sollte ich Kinder haben, sage ich ihnen natürlich alles. Man muss Kinder nicht schonen vor der Wirklichkeit. Die Oma ist halt dann ein bisschen komisch drauf, eben eine drogenabhängige Rock’n’Roll-Prostituierte.

Info

Michael Bijnens, 27, wuchs als Sohn einer Prostituierten in Antwerpen auf. In seinem autobiografisch inspirierten Roman „Cinderella“ (Atrium-Verlag, 444 Seiten, 25,70 Euro) übernimmt er das gleichnamige Bordell und wird Zuhälter seiner Mutter. Bijnens studierte Theaterwissenschaften und lebt heute als Autor in Brüssel und Amsterdam.

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