Tübingen Helden am Mount Everest

Tübingen / MADELEINE WEGNER 18.04.2015
Matthias Baumann wollte auf den Mount Everest, dann kam eine Lawine und erschlug 16 Menschen. Das war vor einem Jahr. Der Tübinger Arzt war nun erneut in Nepal, um Opferfamilien zu unterstützen.

Für Matthias Baumann (43) sind sie "die Helden am Mount Everest": die Sherpas im Himalaya, die als erfahrene Bergführer, als Lastenträger und Köche die Expeditionen auf den höchsten Berg der Erde begleiten. "Ohne sie würden höchstens fünf Prozent der Bergsteiger auf den Mount Everest kommen", sagt Baumann. Der Arzt aus Tübingen war am Mount Everest, als am 18. April 2014 dort das schlimmste Unglück in der Geschichte des Berges geschah: Am Khumba-Eisfall auf der Südroute zum Gipfel löste sich ein riesiger Eisbrocken. Die von ihm ausgelöste Lawine erschlug 16 Familienväter aus dem Volk der Sherpa. Sie waren auf dem Weg zum zweiten Basiscamp auf der Nordroute des Gipfels.

Baumann war im ersten Basislager auf 5300 Metern Höhe, als er frühmorgens an jenem Karfreitag einen lauten Knall hörte. "Ich habe sofort gedacht, jetzt ist etwas passiert", erinnert er sich. Er öffnete sein Zelt und sah die Lawine aus Eis und Schnee. Als Expeditionsarzt war er mit einer internationalen Bergsteiger-Gruppe unterwegs und wollte selbst endlich den Mount Everest besteigen. Bereits 2011 wollte er auf den Gipfel, musste wegen einer leeren Sauerstoffflasche jedoch 200 Höhenmeter unter dem Gipfel umkehren. Auch bei der zweiten Expedition kam er nicht auf den höchsten Berg. Zusammen mit sechs anderen Ärzten versorgte er im Basislager die 20 Verletzten. Aus Respekt vor den Opfern der Lawine bestieg in jenem Jahr niemand mehr den Everest.

Nach einer Woche im Camp machte sich Baumann im April 2014 alleine an den Abstieg. Doch das Unglück ließ ihm keine Ruhe. Er beschloss, die Familien der Verstorbenen zu besuchen. "Sie waren total dankbar, ich war der einzige der ausländischen Bergsteiger, der zu ihnen kam." Noch im Himalaya fasste er den Entschluss, ein Hilfsprojekt für die Sherpa-Familien zu gründen. Denn ohne das Einkommen der Männer waren die Frauen und 40 Kinder der 16 Sherpa-Familien so gut wie mittellos.

100.000 Euro Spenden hat Baumann mit seiner "Everest Sherpa Foundation" innerhalb eines knappen Jahres gesammelt. Im März war er nun für zwei Wochen erneut in Nepal, um allen 16 Familien einen Teil des Geldes zu überreichen. Vor allem aber fließen die Spenden in Patenschaften für die Kinder, damit sie die Schule besuchen können.

Die Besuche bei den Familien waren sehr emotional, berichtet Baumann. Viele Tränen seien geflossen - im Gegensatz zum vergangenen Jahr. Keine der Frauen habe damals geweint, wohl wegen des Schocks und zum Schutz der Kinder.

Jetzt beginnt wieder die Saison am Mount Everest. Etwa so viele ausländische Bergsteiger wie im Vorjahr - rund 350 - sind nach offiziellen Angaben derzeit in Nepal, um den 8848 Meter hohen Berg zu besteigen. Rund 125 von ihnen waren schon im vergangenen Jahr dort: Sie hatten den Aufstieg nach dem Unglück abgebrochen und wollen es jetzt noch einmal wissen. Auch in diesem Jahr werden sie von Sherpas begleitet. Einige der Helfer haben jedoch beschlossen, nie wieder auf den Berg zu steigen.

Nach Protesten der Sherpas hat die nepalesische Regierung im vergangenen Jahr die Unterstützung der Familien von einmalig 400 US-Dollar auf 5000 Dollar (etwa 4650 Euro) erhöht. Außerdem muss jeder ausländische Bergsteiger nun 1000 US-Dollar und damit 11.000 Dollar für eine Gipfelgenehmigung zahlen. Sherpas kritisieren jedoch, dass diese Millionen in die Taschen der Regierung fließen.

Wie viele andere denkt auch Baumann, dass weniger und nur erfahrene Bergsteiger am Mount Everest zugelassen werden sollten. Doch dies sei zweischneidig: Schließlich bestreiten die Sherpas mit den Bergführungen ihr Einkommen.

Info www.faszination-everest.de; Der SWR hat Matthias Baumann in Nepal begleitet. Am 11. Mai, 18.15 Uhr, ist die Dokumentation in der Sendung "Mensch Leute" zu sehen.

Rekorde

Chomolungma wird der höchste Berg der Erde auch genannt und ist Schauplatz für zahlreiche Rekorde und Dramen. Einige Zahlen zum Mount Everest: Der 8848 Meter große Berg liegt im Himalaya an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Der Neuseeländer Edmund Hillary und der Nepalese Tenzing Norgay bestiegen am 29. Mai 1953 als Erste den Gipfel. Benannt ist der Berg nach dem Briten George Everest, der bis 1843 die Vermessung Indiens leitete. Die Sherpas nennen den Everest "Chomolungma". Reinhold Messner und Peter Habeler waren 1978 die Ersten, die den Everest ohne Sauerstoffgerät bestiegen.

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