Schwäbisch Gmünd / Kristina Betz

Hätte man mir vor 20 Jahren gesagt, dass ich im Alter von 35 im Schrebergarten sitze, hätte ich gesagt: Im Leben nicht!“, sagt Monika Albrecht. Jetzt steht die Verlagsangestellte an einem Tisch in ihrer Parzelle und schneidet auf einem Holztablett eine große Kugel Zucchini in Scheiben. Frisch geerntet. Mit den Früchten aus dem eigenen Garten wollen sich Monika und ihr Mann Dirk Albrecht im Sommer weitgehend selbst mit Obst und Gemüse versorgen. „Da weiß man, woher das Zeug kommt und was drin ist“, sagt Monika Albrecht. Nachhaltiges Essen und Leben ist dem Paar wichtig. Hier, in der Kleingärtneranlage „Schapplachhalde“ bei Schwäbisch Gmünd, haben sie das richtige Terrain dafür gefunden.

Wer die Anlage betritt, landet in einer sauberen, geordneten Welt. Die Wege tragen idyllische Namen: Apfelweg, Orchideen-, Tulpen- oder Hopfenweg. Selbst die Blumen, die aus den Gärten auf den Weg drängen, als wollten sie ausbrechen, wachsen ordentlich an Rankgittern nach außen. Die Hecken sind exakt getrimmt. Nicht der kleinste Spross eines Unkrauts wagt durch den Steinweg zu spitzen, auf dem die Hitze flimmert. Biederes Kleingarten-Idyll.

Nicht bei Monika und Dirk Albrecht im Dahlienweg. Das Paar zählt sich selbst zu den Neu-Gärtnern. „Alles Learning by Doing“, sagt Dirk Albrecht achselzuckend. Er nimmt das Gärtnern leicht.

Erste Saison in der Anlage

Das Ehepaar erlebt derzeit seine erste Saison in der Anlage. „Wir sind eher so die Guerilla-Gärtner“, meint Monika Albrecht und lacht. Die beiden haben das rund 500 Quadratmeter große Gartenstück geerbt, inklusive Hütte, überdachter Terrasse, Gewächshaus und kleinem Teich. Ein paar kahle Stellen blitzen im Rasen auf, zwischen den Steinen des Weges lugt auch mal ein Spross Löwenzahn hervor. Es ist ein wilder Garten, perfekt ist hier nichts – und soll es auch nicht sein. Statt Windrädchen und kitschiger Deko ist im Garten der Albrechts Praktikables zu finden: Ein großes Beet, eine Hängematte zum Ausruhen, ein geräumiger Sitzbereich und ausreichend Fläche zum Grillen und Feiern. Für penibel gepflegte Blumenbeete fehle die Zeit, sagt der Fahrlehrer Dirk Albrecht.

Der Nutzwert rückt in den Vordergrund, Monika Albrecht denkt an das Hauhaltsgeld: „Eine Zucchinipflanze kostet sechs Euro. Davon habe ich heute die achte Zucchini geernet“, sagt sie und deutet auf das Tablett. Bald stehe eine „Tomatenschwemme“ an. Im Gewächshaus wachsen große Ochsenherztomaten. „Auf dem Markt zahle ich zwei Euro für eine“, so die 35-Jährige. Dirk Albrecht legt die Zucchinischeiben auf den Grill. Von denen gibt es vier im Garten und zusätzlich einen  Smoker, einen Ofen zum Räuchern von Fleisch.

Tänze unter der Sprenkleranlage

„Ja, wir feiern hier gerne Partys mit Freunden“, erzählt Dirk Albrecht und weist mit dem Kopf auf die Grills und die mobile Bar hin, die am Wochenende regelmäßig zum Einsatz kommen. Zum Frühstück kommt Rührei auf den Grill, am Abend gibt es Dorade oder Fleisch auf Kirschholz, im Smoker gegart. Dazu Cocktails mit eigener Minze, die in einem großen Trog neben dem Holztisch wuchert. Dass hier am Tisch zehn oder mehr Freunde sitzen, ist keine Seltenheit. Erst am vergangenen Wochenende habe eine Freundin, beseelt von ein paar Gläsern Rum, im Regen der Sprenkleranlage getanzt, erzählen die Hobby-Gärtner.

Wilde Nächte und Grillpartys in der einen, herausgeputzte Gartenzwerge und penibel gepflegte Beete in der nächsten Parzelle: Die Gegensätze in der Schapplachhalde könnten größer nicht sein. Mit den Vorschriften und der Schrebergärtner-Mentalität nehmen es Monika und Dirk Albrecht, wie viele andere junge Kleingärtner, nicht so genau wie die ältere Generation. Es hing auch schon ein Zettel an der Zauntür: „Bitte mähen“ oder „Unkraut muss entfernt werden“.

In einem Schaufenster am Eingang der Anlage hängen Anweisungen des Gartenfreunde-Vereins, der die Anlage betreibt. Da steht, dass Monika und Dirk Albrecht aus Parzelle 44 ihre Zuckerhutfichte entfernen müssen. Und dass das Tomatendach in Parzelle 22 mit grüner statt weißer Folie bespannt werden muss.  Am Teich von Parzelle 30 fehle ein 0,8 Meter hoher Zaun.

Die Aushänge waren Edgar Kromers Idee. Er ist der „Sheriff“ der Schapplachhalde. Vermutlich war er es, der die mahnenden Nachrichten am Zauntor der Albrechts hinterlassen hat. Neun Jahre lang war er zweiter Vorstand des Vereins, vor kurzem zog er sich von dem Posten zurück. Der 62-Jährige aus dem Tulpenweg bezeichnet sich selbst als Ordnungshüter der Anlage. „Man muss hier schon nach dem Rechten sehen“, sagt er freundlich und stemmt die Arme in die Hüfte. Seine Frau steht neben ihm und nickt. Die beiden sind seit 2004 leidenschaftliche Kleingärtner. Dass auch junge Menschen das Schrebergärtnern für sich entdecken, freut die Kromers. Allerdings hätten neue Mitglieder oft ganz andere Interessen als die eingeschworenen Kleingärtner, bemerken sie. „Die jungen Leute wollen lieber ihre Ruhe und nicht so viel im Garten arbeiten“, sagt Maria Kromer und zuckt mit den Schultern. Dass Monika und Dirk Albrecht nicht zum Sommerfest in der vergangenen Woche gekommen sind, ist ihnen aufgefallen. „Die kennen das hier noch nicht“, sagt Edgar Kromer, der Sheriff.

Viel Zeit wird investiert

Es wird spät, die Sonne wirft nur noch einen schwachen Schein auf die vielen Holzhütten in der Anlage. Das entfernte Rauschen des Josefsbachs ist zu hören – und eine Melodie: Aus einer Parzelle im Hopfenweg dringt leise Volksmusik. Ein Mann in beiger Cargohose und nacktem Oberkörper erscheint am Gartentor. Waldemar Bruolel ist nicht hier, um sich auszuruhen. Der 47-Jährige investiert nach Feierabend viel Zeit in seinen Garten. „Das ist nicht wie Urlaub hier, sondern viel Arbeit“, sagt er bestimmt. Er habe alles im Garten selbst gemacht. Auch das aufwändig geschweißte Tor mit Bogen, an dem Weinreben ranken. An das „Gesetz“, wie er es nennt, halte er sich streng, so Waldemar Bruolel. „Mindestens 30 Prozent der Anbaufläche in einer Parzelle müsse mit Obst und Gemüse bepflanzt werden“, zitiert der Industriemechaniker daraus. Die Gartenlaube darf außerdem maximal 24 Quadratmeter groß sein, so steht es im Bundeskleingartengesetz. Die übrige Fläche soll mit Blumen oder Gras bepflanzt werden. Bäume dürfen höchstens vier Meter hoch sein, Hecken nicht höher als 1,25 Meter werden. Freie Entfaltung und wildes Gärtnern? Nicht in der Kleingartenanlage.

 „Viele junge Leute haben die Option des Kleingärtnerns nicht auf dem Schirm“, sagt Monika Albrecht. „Die denken, das ist was für alte Herren und Damen“, ergänzt ihr Partner. Das altbackene Image der Kleingartenanlage stört die beiden nicht. Immer mehr andere junge Leute empfinden ähnlich: Die Parzelle im hinteren Teil der Anlage hat ein Discjockey, Mitte 20,  gepachtet. In einer weiteren Anlage weiter nördlich in Schwäbisch Gmünd haben sich Studenten der Hochschule für Gestaltung einen Garten gemietet. Für Grillpartys, aber auch zum Anbau von Gemüse.

Monika Albrecht schreibt auch auf ihrem Blog über das Gärtnern: www.dilavskitchen.de .