Justiz Grausige Details vor Gericht

Berlin / dpa 07.10.2017

Der Andrang im Landgericht Berlin Moabit ist groß, die Tat ungeheuerlich. Heimtückisch soll sich Joseph S. das Vertrauen des Rentners Heinz. N. erschlichen, ihm Silvester 2006 in den Kopf geschossen, die Leiche zerstückelt und eingefroren haben. Aus Habgier, heißt es in der Anklageschrift: Danach kassierte Joseph S. die monatliche Rente von 2000 Euro. Zehn Jahre lang.

„Das Opfer war leider ohne jegliche Angehörige, keiner hat ihn vermisst“, erklärt Staatsanwalt Reinhard Albers zum Prozessauftakt. Allerdings habe Joseph S. auch viel Aufwand betrieben, um der Außenwelt zu suggerieren, dass N. noch lebt. So habe er regelmäßig den Briefkasten des Toten gelehrt, die Wohnung gelüftet, Jalousien rauf- und runtergefahren. „Er installierte sogar eine Zeitschaltuhr an der Nachtischlampe“ berichtete Albers am Rande der Verhandlung.

Denn am ersten Tag kam der Staatsanwalt nicht einmal dazu, die Anklage zu verlesen. Das Verfahren wurde nach wenigen Minuten abgebrochen und um zehn Tage verschoben. Ein Schöffe hatte abgesagt.

Weiterer Fall vermutet

Der Fall ist einzigartig. Zumal noch eine weitere Seniorin vermisst wird. Irma K., aus dem selben Bezirk wie N., wurde seit 2000 nicht mehr gesehen. Auch ihre Rente sei seit Jahren aufs Konto des toten Heinz N. überwiesen worden. „Obwohl es keine Hinweise gibt, dass sich die beiden je über den Weg gelaufen sind“, so Albers. Die Ermittlungen laufen noch, sie seien aber nicht Teil des Prozesses.

Der Mord an Heinz N. wäre vielleicht nie entdeckt worden, hätte es nicht einen hartnäckigen Nachbarn gegeben, der mehrmals die Hausverwaltung und sogar die Polizei angesprochen habe. Als am 9. Januar endlich doch eine Polizei-Streife die Wohnung öffnet, macht sie den grausigen Fund in der Tiefkühltruhe.

Über die Kontoauszüge des Toten sehen die Ermittler, dass mit der EC-Karte regelmäßig die Rente abgehoben wurde. Videoaufnahmen aus der Bank führen auf die Spur des Angeklagten, der gleich um die Ecke wohnt und einen Trödelladen betreibt. Um den mutmaßlichen Mord zu verschleiern, schreibt er für den Toten auch Einkommensteuererklärungen, kommuniziert in dessen Namen mit der Hausverwaltung.

Zum Zeitpunkt seiner Festnahme hatte Joseph S. die Wohnung von Heinz N. sogar schon gekündigt. Ende Januar 2017 wäre dann Schluss gewesen. Möglicherweise wollte Joseph S. wegen des nervenden Nachbarn den Leichnam von Heinz N. verschwinden lassen. Und möglicherweise hätte er sich dann das nächste Opfer gesucht.