Unglück Genua: „Wir geben die Hoffnung nicht auf“

Genua / (mit dpa, afp) 16.08.2018

Wer hat Schuld am Einsturz der Autobahn-Brücke in Genua? Das ist die Frage, die die Italiener gestern vor allem beschäftigt hat, während vor Ort die Suche nach Opfern weitergeht und das Aufräumen begonnen hat. Regierende Politiker geben dem Autobahnbetreiber und der EU die Schuld. Die Regierung verhängte einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand über Genua und gab eine Soforthilfe von fünf Millionen Euro frei.

Der Grund für den Einsturz der Morandi-Brücke ist noch unbekannt; mit Baggern und Kränen räumen Baufirmen Trümmer weg, vor allem von den Bahngleisen. Anwohner, die aus ihren einsturzgefährdeten Häusern Gegenstände holten, wurden eilig zurückgerufen, weil einer der stehen gebliebenen Pylone der Brücke einzustürzen drohe.

42 Tote sind bis gestern geborgen worden. Mit Sicherheit sind noch Menschen unter den Trümmern. Vielleicht auch lebend. „Wir geben die Hoffnung nie auf, sonst könnten wir nicht helfen“, betont Lucia Mortara vom italienischen Katastrophenschutz.

Das Unglück hat eine Welle der Solidarität vor allem unter den Bürgern von Genua ausgelöst. An den Krankenhäusern bildeten sich Schlangen von Menschen, die Blut für Verletzte spendeten. Lokale Unternehmer stellten Sachspenden zur Verfügung.

Staatspräsident Sergio Mattarella sagte, keine zuständige Behörde werde sich ihrer Verantwortung entziehen können „Die Italiener haben ein Anrecht auf moderne und funktionierende Infrastrukturen, die unter Bedingungen der Sicherheit den Alltag begleiten.“ Der Vize-Regierungschef, Luigi Di Maio von der Partei der Fünf Sterne, drohte dem Autobahnbetreiber  „Autostrade per l’Italia“ mit einer Geldbuße von bis zu 150 Millionen Euro.

Innenminister Matteo Salvini (Lega) macht die Europäische Union für den Einsturz verantwortlich. Sie verhindere mit ihren Stabilitäts- und Schuldenregeln Investitionen.

Aus seinem Ministerium hieß es, die der Benetton-Familie gehörende „Autostrade per l’Italia“ verdiene viel Geld mit den hohen Mautgebühren. Sie zahle darauf mit Hilfe einer Gesellschaft in Luxemburg kaum Steuern.

Autobahnbrücken und Gleisanlagen sind in vielen Gegenden Italiens für ihren schlechten Zustand bekannt. Ein ebenfalls vom Architekten Riccardo Morandi errichtetes Autobahn-Viadukt in Kalabrien macht nun den dortigen Anwohnern Angst.

Das Misstrauen gegenüber dem Staat, dem viele Italiener nicht zutrauen, für verlässliche Infrastruktur zu sorgen, findet jetzt neue Nahrung. Dass die Verantwortlichen ermittelt und bestraft werden, bezweifeln vor Ort viele. In die Rufe nach hohen Strafen mischt sich wie nach den immer wiederkehrenden Erdbebenkatastrophen Resignation.

Vor neun Jahren war ein Abriss der Morandi-Brücke in einer Studie mit hohen Kosten und einer Dauer von bis zu einem Jahr veranschlagt worden. Denn gleich nach der Einweihung 1967 zeigte sich, dass die Konstruktion aus Stahl und Beton stark unter Witterungseinflüssen litt. Der Transportminister kündigte nun den endgültigen Abriss der Brücke an.

Glück im Unglück hat der frühere Fußballprofi-Torwart von Cagliari, Davide Capello (33), gehabt. Sein Auto stürzte in die Tiefe – und er überlebte ohne größere Schrammen. „Es war wie eine Szene aus einem Film“, sagte er. „Ich weiß nicht, warum mein Auto nicht zerquetscht wurde.“ Er sei nach der harten Landung ausgestiegen und zu den Rettungskräften gelaufen. Capello ist seit zwölf Jahren selbst Feuerwehrmann.

Ebensowenig fasst sein Glück der 37-jährige Fahrer des Lastwagens, der vor einer Abbruchkante auf der Brücke steht. Er sei, als ein Auto ihn überholte, langsam gefahren, „denn es war unmöglich bei diesem Regen zu bremsen, man sah nicht viel“. Dann sei das Auto vor ihm verschwunden. Er habe „instinktiv den Rückwärtsgang eingelegt“.

Brücken in Reiseländern - von „marode“ bis „sicher“

In Frankreich ist im Mai eine Autobahnbrücke nördlich von Paris gesperrt worden. Hunderte Brücken sind marode, zeigt eine Studie für das Verkehrsministerium. Für sie sind nur die rund 12 000 Brücken untersucht worden, für die der französische Staat verantwortlich ist. 18,5 Prozent des Verkehrs fahren aber über von privaten Firmen betriebene Autobahnen und Landstraßen.

In Spanien beklagt die Online-Zeitung „El Confidencial“, sie habe vom zuständigen Ministerium auf Anfrage nur gesagt bekommen, alle Strukturen seien in gutem Zustand. Mängel würden sogleich behoben. „El Confidencial“ bleibt skeptisch und schreibt von einem „gut gehüteten Geheimnis“ des Ministeriums.

In Griechenland gelten die Brücken einem Experten zufolge als sicher. Die 2500 Meter lange „Harilaos Trikoupis“-Hängebrücke „gilt als eine der sichersten Hängebrücken der Welt“, sagte Kostas Boras, ein Bauingenieur und früher Baukontrolleur. Die meisten größeren Brücken sind nicht älter als 15 bis 20 Jahre.

In Österreich werden die 5000 Brücken der Autobahnen und Schnellstraßen laut Betreibergesellschaft Asfinag überprüft. „Es gibt jeden Tag eine Sichtkontrolle“, sagte ein Sprecher. Alle zwei Jahre werde aufwendig durch interne Fachleute der Zustand erhoben.

Die Schweiz hat mit ihrer „Norm zur Erhaltung von Tragwerken“ 2014 weltweit Maßstäbe gesetzt, sagt der Brückenbauer Armand Fürst. „Wir haben das große Glück, dass wir Geld für den Unterhalt haben.“ dpa

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