Unglück Genua-Brücke eingestürzt: Viele Tote

Genua / Bettina Gabbe 14.08.2018
In Genua ist eine 40 Meter hohe Autobahnbrücke eingestürzt, es gab zahlreiche Todesopfer. Die Strecke ist eine der Hauptrouten für Urlauber.

„Oh Gott, oh Gott“, schreien Augenzeugen, als Autos und Brückenteile in das 40 Meter tiefer gelegene Tal stürzen. Mitten in der Haupturlaubszeit fällt in Genua eine Autobahnbrücke in sich zusammen. Während eines starken Regengusses gibt die Morandi-Brücke auf der Autobahn A 10, der berühmten Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“, am späten Vormittag plötzlich nach.

Unglücksursache noch unbekannt

Mindestens dreißig Wagen und mehrere Laster stürzen auf einem 200 Meter langen Abschnitt über einem Industriegebiet 40 Meter in die Tiefe, Fahrzeuge werden unter tonnenschweren Trümmern begraben. Auch Bewohner von Häusern unter der Brücke werden getötet oder erleiden Quetschungen an Kopf und Wirbelsäule und Knochenbrüche.

Wie viele Tote das Unglück fordert, steht noch lange nicht fest. Am Dienstag werden 35 geborgen, darunter ein kleines Mädchen. Auch die Unglücksursache ist nicht bekannt. Augenzeugen berichten, vor dem Einsturz sei ein Blitz in einen Brückenpfeiler eingeschlagen.

Pfeiler zerfallen wie Staub

„Ich habe Menschen barfuß und voller Angst auf mich zu rennen sehen, als ich aus dem Tunnel fuhr“, berichtet Alberto Lercari, ein Fahrer des städtischen Busunternehmens, der unmittelbar nach dem Einsturz kurz vor der Unglücksstelle noch rechtzeitig bremsen kann.

Davide Ricci fährt mit seinem Auto auf der Straße am unter der  Autobahn verlaufenden Polcevera-Bach, als ein Teil der einen Kilometer langen Brücke aus den 60er Jahren in sich zusammenfällt. „Es war, als hätte der Blitz eingeschlagen.“ Erst sei der Pfeiler wie zu Staub zerfallen. „Dann kam der ganze Rest runter.“

Viele Urlauber unterwegs

 Neben den Schwerverletzten versorgen die Helfer auch traumatisierte Augenzeugen: Eltern und Kleinkinder mussten zusehen, wie andere Familien in den Tod gerissen werden. Am Tag vor Ferragosto, dem wichtigsten italienischen Sommerfeiertag, sind auf der ohnehin stark befahrenen Autobahn zwischen Genua und Nizza besonders viele Urlauber unterwegs.

Spürhunde suchen in den Betontrümmern nach Überlebenden. „Das ist die Hölle!“ rufen Einsatzkräfte. Sie bergen Tote  und Verletzte aus zertrümmerten Wagen, mindestens elf Menschen können gerettet werden.

Während Transportminister Danilo Toninelli sich bestürzt äußert, dankt Innenminister Matteo Salvini den hunderten Hilfskräften. Wegen der Schwere des Vorfalls sind umgehend der für starke Erdbeben vorgesehene Katastrophenfall ausgerufen, Einsatzkräfte aus benachbarten Regionen einberufen und Krankenhäuser nicht nur in Ligurien, sondern auch in Piemont und in der Lombardei in Alarmbereitschaft versetzt worden.

Einsturz während Bauarbeiten

 „Es gab keine Hinweise, dass die Brücke gefährlich war“, sagt der Chef der Autobahngesellschaft, Giovanni Castellucci. Die Brücke ist 1967 eingeweiht worden, musste in den ersten Jahren wiederholt ausgebessert werden, die Stahlseile wurden in den 80er und 90er Jahren ersetzt. Bauingenieure der Universität Genua haben bereits vor Jahren darauf hingewiesen, dass die Instandsetzung der Brücke bald teurer werde als ein Abriss und Neubau.

Die Brücke ist eingestürzt, als Arbeiten an einem Pfeiler durchgeführt wurden, auf der Brücke stand ein Baukran. Die Arbeiten seien ständig wegen der Statik kontrolliert worden, teilt die Autobahngesellschaft mit.

Weil die Autobahn direkt durch die dicht besiedelte Stadt zwischen Meer und steilen Bergen führt, wird die Fahrt von Frankreich nach Genua für Reisende zu einem spektakulären Ergebnis aus Tunnel und Brücken, die sich an einer Stelle gar in einer Schleife in die Höhe winden. Autobahnbauer stellt die enge Stadt dagegen vor Herausforderungen.

Das könnte dich auch interessieren:

Nur 12 Prozent der deutschen Brücken mängelfrei

Den Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) zufolge gibt es in Deutschland fast 40 000 Brücken an Bundesfernstraßen – das heißt Autobahnbrücken und Brücken an Bundesstraßen mit Ortsdurchfahrten.

Nach Angaben der BAST ist der Zustand der Brückenflächen bei über 12 Prozent „sehr gut“ oder „gut“, bei etwa 75 Prozent „befriedigend“ oder „ausreichend“. Bei fast 11 Prozent ist der Zustand „nicht ausreichend“, bei knapp 2 Prozent gar „ungenügend“.

Die Zustandsnoten reichen von 1 bis 4. Sie bilden die Grundlage für die Erhaltungsplanung. Eine Note von 3,0 - 3,4 („nicht ausreichend“) bedeute aber nicht zwangsläufig eine Nutzungseinschränkung, sie sei vielmehr ein Indikator dafür, dass in näherer Zukunft eine Instandsetzungsmaßnahme zu planen sei.

Ein „ungenügender“ Zustand (3,5 - 4,0), dazu zählt etwa die Rheinbrücke in Leverkusen (3,9), weist auf eine beeinträchtigte oder nicht mehr gegebene Stand- oder Verkehrssicherheit hin. Es kann sich aber auch  bloß  um Schäden an Stäben des Geländers handeln.

Wenn bei der Prüfung eine Sicherheitsbeeinträchtigung festgestellt wird, werden laut BAST sofort Maßnahmen zum Erhalt der Sicherheit getroffen. Hauptgrund für Schäden sind das oft hohe Alter der Brücken und der zunehmende Schwerverkehr. dpa/eb

Ponte Morandi ist schon 50 Jahre alt

Der Polcevera-Viadukt wird auch Ponte Morandi genannt. Er ist eine vierspurige Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua, die etwa 583 000 Einwohner hat. Die Brücke ist Teil der Autobahn 10 entlang der Riviera. Das 1967 eingeweihte Bauwerk aus Spannbeton führt über das Polcevera-Tal und überquert den gleichnamigen Fluss, Bahnanlagen sowie Wohn- und Gewerbegebiete.

Die vom italienischen Ingenieur Riccardo Morandi (1902–1989) entworfene elegante Schrägseilbrücke gilt als ein Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Der etwa 1100 Meter lange Viadukt wird von 90 Meter hohen Pylonen – drei davon mit Schrägseilen – gestützt. dpa

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel