Genial schrill

THOMAS SPANHEL 09.07.2016

Schlabberlook oder schrille Punk-Klamotten: Der amerikanische Modemacher Todd Oldham hat sich zwischen 1989 und 99 von den unterschiedlichsten Einflüssen inspirieren lassen. Viele davon verarbeitete er in seinen berühmt gewordenen Mode-Kollektionen in genialer Form. Er kreierte dabei einen ganz eigenen, von vielen als typisch amerikanisch bezeichneten Stil. Starmodels wie Cindy Crawford, Kate Moss oder Naomi Campbell präsentierten die Kleider – Höhepunkte der New Yorker Fashion Week. In der Ausstellung „All of Everything“ gibt es nun die markantesten von Oldhams inspirierenden Designs noch bis zum 11. September zu sehen. Das renommierte Museum der „Rhode Island School of Design“ (RISD) zeigt mehr als 65 zentrale Werke des heute 54-jährigen Modemachers.

Wie an den bunt blühenden Blumen eines sommerlichen Gartens flaniert der Besucher vorbei an den Ensembles in Rot, Grün, Blau, Orange, Gold oder Schwarz. Die vielfältigen Farben und Stoffe, Schnitte und Motive in den Modellen der Ausstellung zeigen, wie Oldham mit seinen Entwürfen gekonnt  unterschiedliche Anregungen aufnimmt, mit den Motiven spielt und sie  kunstvoll neu arrangiert.

Das in einen Rock eingearbeitete Motiv der Mona Lisa wird umrahmt von goldenem Stoff und ergänzt mit einer edlen, ganz leichten goldenen Bluse: „Diese schlechte Version des Bildes von Leonardo da Vinci machte mich lachen“, kommentiert Oldham selbstironisch bei einem öffentlichen Gespräch zum Start der von ihm selbst konzipierten Ausstellung.

Neben Mona Lisa steht eine Jacke-Rock-Kombination, die von dem französischen Rokoko-Maler Fragonard genauso wie von billigen afrikanischen Kunstpaneelen inspiriert ist. Indische Stickerinnen arbeiteten in die Jacke afrikanische Glasperlen ebenso ein wie Kork, Holz oder goldbeschichtete Objekte. Auf dem Rock werden die Gemälde Fragonards verändert sichtbar. „Das ist trotzdem noch sehr kunstvoll, und ich liebe es, wie seltsam die raue Arbeit und die merkwürdigen Pailletten mit den klassischen Motiven aussehen“, kommentiert Oldham.

Bei der Produktion seiner exklusiven Kleiderstücke saß er oft selbst an der Nähmaschine – mit einem unglaublichen Geschick, wie Bekannte erzählen. Später, als der junge Designer Erfolg hatte, blieb das Geschäft eine Angelegenheit seiner texanischen Familie, in der sich jeder auf den anderen verlassen konnte: Die Großmutter war für die Qualitätskontrolle zuständig, der Bruder für Buttons, die Eltern für die finanzielle Seite. Begeistert spricht Oldham aber auch von den „genialen“ Textilarbeitern in Indien, die vor den Modeschauen oft bis tief in die Nacht nötige Veränderungen vornahmen – manchmal mehr als „100 Mal“: „Sie haben sich total damit identifiziert, ein Kunstprodukt herzustellen.“

Wie aufwändig so eine Arbeit war, zeigt sich beispielsweise an dem so genannten „Lochrosen-Ensemble“: Die Wollhose ist handbestickt mit 200 Jahre alten, Hunderten von blumenförmig angeordneten Lochrosen-Kristallen und Goldkörner-Ketten in der Form von Weizen-Ornamentik. Die Hose wurde nur ganz selten produziert, weil die Bestandteile so schwer zu bekommen waren. „Das ist natürlich nichts, was jeder, mich eingeschlossen, so im Geschäft kaufen würde“, sagt Oldham. Für solche Einzelanfertigungen zahlten die Kunden schon mal weit über 10 000 Dollar.

Oldham hat seine Arbeit als Modeschöpfer geliebt. 1999 war er trotzdem der Auffassung, dass er damit durch sei. Er stieg aus. Der riesige Aufwand in so vielen Ländern mit den so schnell veraltenden Mode-Kollektionen erschien dem politischen Aktivisten, der sich unter anderem für den Amazonas-Regenwald engagiert, irgendwie „ungesund“. Erfolgreich kreativ ist der 54-Jährige immer noch, arbeitet gerne mit anderen Kunst-Besessenen zusammen – wenn er Bücher schreibt oder im Fernsehen, an der Uni und in Filmen anderen die Freude am Schneidern zu vermitteln versucht.