Gießen / Martin Hofmann  Uhr
Fast unbemerkt verschwindet das Nagetier aus den Wäldern und Gärten. Forscher suchen jetzt nach Ursachen für sein drohendes Aussterben.

Gartenschläfer? „Menschen, die wegen häuslicher Sommerhitze im Freien übernachten“, lautet eine Antwort. „Nie gehört“, bekennen selbst Biologen eine Wissenslücke. Dabei zählt der kleine Verwandte des Siebenschläfers und größere Bruder der Haselmaus zu den „Verantwortungsarten“  in Deutschland. Verschwindet er aus unseren Wäldern und Gärten, gilt sein Aussterben als besiegelt.

Gartenschläfer: Zahl der Tiere hat sich halbiert

Noch leben die kleinen Nagetiere in verschiedenen Regionen. Allerdings hat sich ihre Zahl in 30 Jahren halbiert. In Finnland und Litauen ist er bereits ausgestorben. Ob es ihn in Tschechien noch gibt, ist unklar. Selbst in den Nationalparks Sächsische Schweiz und Bayerischer Wald hat ihn schon lange niemand mehr entdeckt. „Das Tempo und die räumliche Dimension seiner Bestandsrückgänge ist beispiellos in der Tierwelt in Deutschland“, betont der Biologe Johannes Lang von der Universität Gießen.

Dabei stellt das 12 bis 17 Zentimeter lange Tierchen aus der Familie der Bilche keine Ansprüche an seine Lebensräume. Die Schlafmaus mit den langen Ohren, der auffällig schwarzen Fellzeichnung am Kopf, die an eine Zorro-Maske erinnert,  und dem fast buschigen zehn Zentimeter langen Schwanz lebt in den Hochlagen der Mittelgebirge, im Schwarzwald wie im Tiefland – gern an Hängen mit Weinbergen und Obstwiesen. Heimisch ist sie auch in Hausgärten, ob am Rand von Wohnsiedlungen oder in Innenstädten.

Gartenschläfer: So lebt das Nagetier

Der Gartenschläfer ernährt sich vornehmlich von Insekten, Spinnen, Würmern und Schnecken sowie Früchten. Die stöbert er ausschließlich nachts auf. „Tagsüber bleibt er in seiner kugelförmigen Höhle“, sagt Johannes Lang. Die legt er meist in Bäumen, Felsspalten, leeren Nistkästen, Büschen, seltener auf Dachböden in Hütten oder Häusern an. Bemerkbar macht er sich zur Paarungszeit. Da werben Männchen lautstark um eine Partnerin. Das Winterhalbjahr verschläft er. Mitunter dringt er in Häuser ein. „Da hilft nur, das Tier über den nächsten Fluss zu tragen. Sonst kehrt es zurück“, erklärt der Biologe.

Warum Gartenschläfer selbst von Experten fast unbemerkt ums Überleben kämpfen, ist ein Rätsel. Es gibt einen Hinweis, sonst Spekulationen. Deshalb ermitteln sie in alle Richtungen. Mit der Aktion „Spurensuche Gartenschläfer“ wollen sie zusammen mit Helfern des Bund für Umwelt- und Naturschutz zunächst erkunden, wie viele Tiere noch existieren. Johannes Lang: „In Wiesbaden und Mainz sind die Bilche noch zahlreich. Im sächsischen Nationalpark datiert die letzte Sichtung aus dem Jahr 2006.“

Gartenschläfer: Wieso verschwindet die Art?

 Im zweiten Schritt wollen die Biologen klären, was das Verschwinden verursacht. Dass Lebensräume verloren gehen, scheint eher unwahrscheinlich zu sein. Die Tiere sind sehr anpassungsfähig. Deshalb prüfen die Forscher, wann Gartenschläfer wach werden. Warme Februartage locken sie aus dem Bau. In kalten Mainächten verzichten sie hingegen auf Nachtausgang. Spielt dies eine Rolle? Erforscht wird, ob und wann sie wie viel Nachwuchs bekommen.

Auch auf mögliche Krankheitserreger oder Umweltbelastungen werden sie untersucht.  Einige Tiere erhalten Minisender, um ihr Verhalten zu verstehen. Ungewöhnlich ist, dass die Anzahl der Chromosomenpaare variiert. „Das könnte für die Art ein Vor- oder Nachteil sein, erklärt Johannes Lang. „Wir wissen es nicht.“

Der einzige Ursachen-Hinweis geht auf eine Untersuchung der Schlafmäuse in Hessen zurück. Der Zoologe Hanns Feustel vom hessischen Landesmuseum in Darmstadt schloss bereits 1984 nicht aus, dass mit dem Schwund der Insekten durch Spritzmittel dem Gartenschläfer die Nahrung ausgeht. „Er war seiner Zeit weit voraus. Auch dieser Spur werden wir nachgehen“, betont Biologe Lang. Er fügt hinzu: „Zurzeit ist viel die Rede von einer Million Arten, die bis zur Jahrhundertmitte auf dem Planeten aussterben könnten. Da denkt man zuerst an Tropenwälder oder afrikanische Savannen. Mit dem Gartenschläfer wird das Artensterben konkret. Es betrifft unsere Gärten und Wälder.“

Das Schutzprojekt

Die Spurensuche Gartenschläfer hat im April begonnen. Das Bundesumweltministerium fördert die Aktion mit 3,5 Millionen Euro. Ziel: Die Schlafmaus in großen Teilen seines Verbreitungsgebiets zu erhalten. Neben der Uni Gießen sind der BUND und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung beteiligt.

Hinweise auf Tiere können ihre Nester oder Haare in Nistkästen sein. Zur Suche gibt es Spurtunnel, wo sie Fußabdrücke hinterlassen. Im Bild: typische Fressfährte in einem Apfel.