Stuttgart / Magdi Aboul-Kheir  Uhr
Elton John verabschiedet sich in der ausverkauften Schleyerhalle von 10.000 Fans: Eine Reise durch sein Leben und seine Lieder.

I hope you don‘t mind
I hope you don‘t mind

that I put down in words

how wonderful life is

while you‘re in the world

Elton John, „Your Song“

 

Willkommen“, sagt Elton John. „Dieser Abend wird unsere letzte Show in Stuttgart sein, für immer. Lasst uns so viel Spaß haben, wie es nur geht!“

Wehmut und Freude: Der 72-­Jährige gibt am Samstagabend in der ausverkauften Schleyerhalle den 10.000 Fans rasch die Richtung vor. Was soll man da nur sagen und vor allem singen? Natürlich, „I Guess That‘s Why They Call It The Blues“.

Es ist wie seit Jahrzehnten: rotblondes Zweithaar und Pausbäckchen, Funkelbrille und Ohrklunker, Rüschenhemd, Glitzerfrack und Silberschuhe. Und es ist doch nicht wie immer. Denn selbst auf der Bühne steht „Goodbye“.

Elton John sagt „Goodbye“

„Goodbye Yellow Brick Road“ heißt die Tour, so wie seine erfolgreichste Platte, das famose Doppelalbum von 1973. Die gelb gepflasterte Straße sind Dorothy und ihre Freunde im „zauberhaften Land“ bis nach Oz gelaufen, und Elton John sieht das Ende seines Weges nahen.

Er hat die Zeichen der Zeit erkannt. 2017 war er in Chile fast an einer bakteriellen Infektion gestorben. Seit vergangenen September ist er daher auf Abschiedstour. Aber wie alles bei Elton John ist die gigantisch: Drei Jahre lang wird sie dauern, 300 Konzerte auf der ganzen Welt wird er geben.

Der Engländer ist einer von denen, die jeden Abend auf der Bühne beweisen, dass sie nichts mehr beweisen müssen. Groß, größer, Elton John: Er hat 350 Millionen Platten verkauft, wurde mit 416 Platin- und 148 Goldenen Schallplatten ausgezeichnet. Er wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, hat fünf Grammys, einen Oscar, einen Golden Globe und einen Tony gewonnen.

Pünktlich um 19 Uhr fängt er an, denn nach dem Konzert fliegt er noch im Privatjet heim zu Mann David und den Söhnen Zachary Jackson Levon und Elijah Joseph Daniel. Früher hat er es wild getrieben, gesoffen, Drogen genommen. Bis zu seinem Entzug sei er selbstsüchtig gewesen, erzählt er, seit 1990 ist clean und hat erkannt, was wirklich wichtig ist: „Respekt, Mitgefühl, Liebe“. Mit seiner Aids-Stiftung hat er hunderte Millionen Dollar gesammelt. Und er ist Familienmensch geworden.

Elton John stolziert schon lange nicht mehr auf Stelzen-Stiefeln herum und macht auf den Tasten keinen Handstand mehr. Er sitzt am schwarzen Flügel, singt, spielt, ab und zu watschelt er über die Bühne. Gut zwei dutzend Lieder hat er dabei. Geht mit dem „Border Song“ bis ins Jahr 1970 zurück, „kommt mir gar nicht so lange vor, aber ist vielleicht doch ein Weilchen her“. Die Botschaft ist eh zeitlos: „Let us live in peace.“ Wir brauchen auch keinen „fucking Brexit“, ruft er, umjubelt, „wir Europäer sollten uns nahe sein“.

Er geht gleich aufs Gas, „Bennie And The Jets“ legen los, der „Rocket Man“ hebt ab. Aber er spielt auch Longsongs wie „Indian Sunset“, mit denen ihm „liebsten Worten“ seines kongenialen Texters Bernie Taupin.

Er mixt Rock, Blues und Pop, Rock ’n’ Roll, die 70er, 80er  und 90er leben auf. Und da sind die Balladen, die so klingen, als ob es sie schon immer gegeben hat. Nun, für einen Teil des Publikums stimmt das ja auch. Erst „Sorry Seems To Be The Hardest World“, dann „Someone Saved My Life Tonight“, sein persönlichster Song. Und natürlich, allein am Klavier, „Candle In The Wind“, zu wunderschönen Bildern Marilyn Monroes. Überhaupt ist die visuelle Begleitung famos durchkomponiert, der ganze Abend beglückend inszeniert.

Elton John bleibt sich treu – extravagant und exzessiv

Elton John wechselt Frack, Brille, Schuhe, nur die Haare nicht. Er macht Dampf und macht Tempo, spielt für die Galerie und spielt fürs Gemüt. Er wischt und derwischt über die Tasten, heizt den Fans mit Staccato-Attacken ein, lässt sie dann in perlenden Läufen baden.

Sein Spiel ist stupend, die Stimme superb und die Sechs-Mann-Band sagenhaft. Allen voran Perkussionist Ray Cooper und Schlagzeuger Nigel Olsson. Der gehört von Anfang an zu Johns Band, seit 1969: „Er hat die Reise mit mir begonnen, und er beendet sie mit mir.“

Was für eine Reise das war. „Don‘t Let The Sun Go Down On Me“, bittet er, und er weiß: „I‘m Still Standing“, dazu ziehen Bilder aus einem halben Jahrhundert Karriere vorbei, schrill, schräg, extravagant, exzessiv. Elton John mit irren Boots und Brillen, Elton John in Filmen und Videos, Elton John bei den Simpsons und bei den Muppets, mit dem König der Löwen und allen Stars der Welt.

Die Zahl seiner Hits lässt sich daran bemessen, was er an diesem Abend alles nicht spielt: von „Nikita“ bis „Can You Feel The Love Tonight“. Die Liebe spürt man ja trotzdem.

„Daniel“ schaut vorbei, „Sad Songs“ erklingen, „The Bitch Is Back“ wird zum Riesenspaß, „Crocodile Rock“ zur ausgelassenen Party. Mehr als passend an diesem Samstagabend in Stuttgart heißt es: „Saturday Night‘s Alright For Fighting“. Ein Applaus­orkan fegt durch die Halle.

„Gesegnet, dankbar, glücklich“, zeigt sich Elton John. „Ich werde euch unglaublich vermissen“, gibt er den Fans mit, „aber ich trage euch in mir in meinem Herzen und in meiner Seele.“ Als Zugabe bringt er, in pinker Baderobe, „Your Song“. Und alle sind dabei: „How wonderful life is, while you‘re in the world.“ Die Fans meinen ihn, er meint die Fans: „Es ist euer Lied“, sagt er. Klöße im Hals, feuchte Augen. Und schließlich, nach zweidreiviertel Stunden, ja, es muss sein, „Goodbye Yellow Brick Road“.

Dann entschwebt er, lächelnd, winkend, in einem Sternenhimmel. Goodbye Elton John.

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Sein Leben als Film

Kino „Rocket Man“ ist Elton Johns
Signature-Song aus den 70ern, „Rocket Man“ heißt auch der Film über ihn, der in Cannes Premiere feiern und Ende Mai in die Kinos kommen wird. Er erzählt die Geschichte, wie Reginald Kenneth Dwight zu Elton John wurde und durchstartete. Taron Eggerton („Kingsman“) spielt den Popstar. Regisseur Dexter Fletcher hat zuletzt an „Bohemian Rhapsody“ mitgearbeitet.