Tourismus Eisschlecken in Venedig verboten

Das Publikum soll ruhig sein, der Gondoliere darf Lieder schmettern ­– im Alltag ist es in Venedig genau andersherum, als die neue Polizeiverordnung es vorsieht.
Das Publikum soll ruhig sein, der Gondoliere darf Lieder schmettern ­– im Alltag ist es in Venedig genau andersherum, als die neue Polizeiverordnung es vorsieht. © Foto: © Bumble Dee/Shutterstock.com
Venedig / Bettina Gabbe 19.07.2018
Viele Metropolen leiden unter dem Urlauberansturm. Venedig greift jetzt durch. Eisschlecken an Kanal wird verboten.

Der stetig wachsende Massenansturm von Touristen ist für Venedig Fluch und Segen zugleich. Um  dem Schmutz und den Störungen der öffentlichen Ordnung zu begegnen, plant die Stadtverwaltung nun drakonische Strafen für die, die ihr Eis etwa im Sitzen auf malerischen kleinen Brücken am Kanal schlecken.

Geldstrafen und Platzverweise

Die 84 Paragraphen umfassende neue Polizeiverordnung dient nach dem Willen der Stadtverwaltung dem „Schutz des Anstands in Wohngegenden“ in Venedig und der Nachbarstadt Mestre. Nicht nur bis zu 300 Euro Geldstrafe, sondern – nach dem Vorbild von Strafen für Hooligans – auch Platzverweise sollen Touristen drohen, die ihre Füße bei der glühenden Sommerhitze in einem der vielen Kanäle kühlen. Unter die neue Polizeiverordnung fällt auch das Urinieren an öffentlichen Orten, das manche Gassen in Venedig im Sommer in übel riechende Aborte verwandelt.

Auch der Konsum von Getränken in den Gassen außerhalb der Tisch-Bereiche vor Bars und Restaurants nach 19 Uhr wird verboten. Der Verzehr von Pizza und anderer nicht venezianischer Speisen auf der Straße hat sich nicht zuletzt durch die Vermehrung der Lizenzen für Take-Away-Ange­bote verbreitet.

Auch Lautsprecher verboten

Die oppositionelle Fünf-Sterne-Partei im Stadtrat fürchtet, dass ganz Italien über die neuen Strafen lacht, während bisherige Verbote wie das Ausstellen von Speisekarten außerhalb von Lokalen nicht geahndet werden. In Venedig beliebte und wegen ihrer alkoholisierten Lautstärke ohnehin verbotene nächtliche Umzüge betrunkener Teilnehmer von Polterabenden treiben ebenfalls nach wie vor ihr Unwesen.

Nun sollen auch Lautsprecher auf Booten und Fähren verboten werden. Die Gondel-Fahrer dürfen ihre Gäste hingegen weiterhin mit dem Schmettern neapolitanischer Volkslieder unterhalten. Die Verordnung verberge mit ihren „Sicherheitsmaßnahmen, die sich nicht einmal gewisse Diktaturen hätten träumen lassen“, die Unfähigkeit der Stadtverwaltung, die Touristenströme zu lenken, schimpft Davide Scano von der Fünf-Sterne-Bewegung.

Wenn die Mehrheit im Stadtrat den Verboten zustimmt, droht nach Auffassung der Opposition auch Bürgermeister Luigi Brugnaro ein Platzverweis. Denn die Strafe gelte auch für die, die den Zugang zu öffentlichen Orten behindern. Genau dazu dienen die bereits aufgestellten Drehkreuze zur Regulierung des Menschenstroms an besonders von Überfüllung betroffenen Plätzen.

Kritik gegen neue „Rambo-Regeln“

Venedigs namhaftester Politiker, der Parlamentarier Felice Casson, bezeichnet die neue Verordnung als „Rambo-Regeln“, die Venedigs Probleme nicht lösen. „Man bestraft das Kind, das die Füße ins Wasser hält, aber der Tourismus-Notstand bleibt davon unberührt.“ Zu allem Überfluss übernimmt der Regel-Text auch Verbote ausgestorbener Berufsgruppen wie Schuhputzer und Scherenschleifer.

Das Verbot, sich auf Parkbänke zu legen, soll sich eigentlich nicht gegen Touristen, sondern gegen Bettler und Drogendealer richten. Venedig droht nun jedoch das Image eines Museums, das das Geld von so vielen Touristen wie möglich einnehmen, die damit einhergehenden Menschenströme aber verbannen möchte. Das Leben in einer Stadt, in der immer weniger Venezianer wohnen, während immer mehr Apartments nur noch von Urlaubern genutzt werden, wird schwieriger.

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Millionen Menschen jährlich besuchen Schätzungen zufolge Venedig, das den Beinamen La Serenissima („Die Durchlauchtigste“) trägt. Das historische Zentrum liegt auf einigen größeren Inseln in der Lagune. Ende 2016 hatte die Stadt knapp 262 000 Einwohner. Aber in der Altstadt – für viele das eigentliche Venedig – sind es nur noch knapp 59 000. eb

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