Ein schwerbewaffneter Täter hat versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Die jüdische Gemeinde entging an ihrem höchsten Feiertag Jom Kippur nur knapp einer Katastrophe. Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wollte nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Mittwochmittag die Synagoge mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. Bei dem Angriff legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Danach soll der 27-jährige Deutsche vor der Synagoge und in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen.

Wie das Universitätsklinikum der Stadt mitteilte, wurden die beiden Verletzten mit Schussverletzungen in die Klinik eingelieferten Opfer am Mittwochnachmittag operiert. Ob Lebensgefahr bestand, stand zunächst nicht fest.

Banner bei einer Solidaritätskundgebung anlässlich des Attentats in Halle (Saale) an der Neuen Synagoge Berlin.
© Foto: Christoph Soeder/dpa

Synagoge in Halle war voll besetzt

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtete sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge, in der zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagte Privorozki der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. „Aber unsere Türen haben gehalten.“ Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende.

Gefährdungslage am Mittwochabend aufgehoben

Nach den tödlichen Schüssen in Halle hatte die Polizei ihre Warnung vor einer akuten Gefährdungslage für die Bevölkerung am Mittwochabend aufgehoben. “Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben“, twitterte die Polizei.

Die Beamten fahndeten mit Hochdruck nach den Tätern, man sei mit starken Kräften im Stadtgebiet von Halle unterwegs, hieß es. Auch das Sondereinsatzkommando (SEK) wurde angefordert. Die „Bild“ meldete, dass es sich um zwei Täter in schwarzer Tarnkleidung gehandelt habe, die Lang- und Kurzwaffen und möglicherweise Schutzwesten besessen hätten. Auch von einer Handgranate war die Rede, die auf den Jüdischen Friedhof geworfen worden sei. Die Stadt Halle sprach am Mittwoch von einer „Amoklage“.

Polizei in Halle meldet Festnahme einer Person

Gegen 13.45 Uhr meldete die Polizei dann per Twitter, dass eine Person festgenommen worden sei. Eine weitere sei möglicherweise auf der Flucht. Die Bevölkerung solle wachsam bleiben. Der Bahnhof von Halle wurde nach Angaben der Deutschen Bahn wegen einer „polizeilichen Ermittlung“ gesperrt.

Angriff am jüdischen Feiertag Jom Kippur

Der Angriff erfolgte am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, der auch Versöhnungstag oder Versöhnungsfest genannt wird. Er beginnt am Dienstag und endet am Mittwoch. Der Feiertag gilt als besonders sensibel. So hatte zum Beispiel die Polizei in Berlin zu Jom Kippur ihre Präsenz im Umfeld jüdischer Einrichtungen in der Hauptstadt verstärkt.

Ulm

Die Tat erinnert an den Anschlag eines Rechtsextremisten auf Muslime in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem Mitte März mehr als 50 Menschen getötet worden waren. Wie dieser Täter soll auch der Schütze von Halle eine Kamera auf dem Helm getragen haben. In den sozialen Netzwerken soll er ein Bekennervideo hochgeladen haben.

Schüsse auch in Landsberg bei Halle

In Halle an der Saale wurden zwei Menschen durch Schüsse getötet. Polizisten fahndeten in der Stadt nach den Tätern.
© Foto: dpa

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zu dem Ortsteil Wiedersdorf war abgesperrt. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht.

Schutzmaßnahmen für Synagogen auch in Ulm

Nach den tödlichen Schüssen in Halle hat das baden-württembergische Innenministerium reagiert. „Wir haben bis auf weiteres die Schutzmaßnahmen bei allen jüdischen Einrichtungen hochgefahren“, sagte ein Sprecher in Stuttgart. Außerdem seien Landeskriminalamt und Ministerium in engem Kontakt mit den Behörden in dem ostdeutschen Bundesland.

Auch die Polizei in Ulm hat die jüdischen Einrichtungen der Stadt im Blick, hieß es auf Anfrage. Vor der Synagoge stand ein Streifenwagen der Polizei.

Mittlerweile hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernommen. Hintergrund ist, dass es ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat gibt, wie eine Sprecherin in Karlsruhe bestätigte. Dafür sprächen die gesamten Umstände der Tat.

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