Wien Eine Führung über den Wiener Zentralfriedhof

Weitläufiges Areal: Der Wiener Zentralfriedhof ist flächenmäßig einer der größten Europas.
Weitläufiges Areal: Der Wiener Zentralfriedhof ist flächenmäßig einer der größten Europas. © Foto: Fotolia
Wien / GUDRUN SOKOL 27.05.2016
Alle sind sie hier versammelt, die Creme de la Creme der österreichischen Komponisten - alle, bis auf Mozart. Doch der Wiener Zentralfriedhof bietet mehr als nur Prominenz. Er ist Umschlagplatz für unzählige Geschichten.

Hier liegen sie, die Größen Österreichs. Von Beethoven, Strauss und Schubert über Arnold Schönberg bis hin zu Falco und Udo Jürgens. Der Wiener Zentralfriedhof, eröffnet 1874, wirft ein Schlaglicht auf mehr als hundert Jahre Wiener Stadtgeschichte. Zugleich birgt er tausende Stadt-Geschichten. Hedwig Abraham kann sie erzählen. Die 50-Jährige ist Fremdenführerin, Friedhofsexpertin und Anekdotenkennerin.

Regelmäßig führt sie Besucher über das Gelände – gern auch vorbei an der Gruft der Familie Thonet. „Quasi der Vorläufer von Ikea“, sagt Abraham. Der deutsche Tischlermeister Michael Thonet (1796-1871), der 1842 nach Wien kam, ist Erfinder des Kaffeehausstuhls. Mehr als 40 Millionen Mal wurde sein „Stuhl Nr. 14“ verkauft – verschickt in kleinen Paketen, zusammensetzbar mit nur sieben Schrauben.

Einige Friedhofs-Ecken weiter zieht ein anderes Grab Blicke auf sich. „William Robert Jones wurde am 20.11.2002 in den USA hingerichtet“, lautet die Inschrift. Darüber eine Strichliste – 983 Einkerbungen, einen für jeden Hingerichteten seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA 1977 bis Dezember 2003. „Der Mann wurde wegen Mordes verurteilt“, erzählt Abraham. „Bis zum Schluss hat er seine Unschuld beteuert. Für ihn stand fest: Ich will nicht in dem Land begraben werden, in dem man mich ermordet hat.“ Seine Frau, eine Österreicherin, ließ ihn daraufhin in Wien bestatten. „Dabei war sie eigentlich Salzburgerin“, plaudert Abraham. „Aber man sagt, dass der örtliche Pfarrer ihn auf seinem Friedhof nicht wollte.“

In Wien geht man mit dem Tod eh gelassen um. Nicht umsonst sang der österreichische Komponist Georg Kreisler 1969: „Der Tod, das muss ein Wiener sein.“ Allein das Finanzielle muss stimmen. „700 Euro Grabmiete für zehn Jahre, je nach Lage auch mehr, plus 1000 Euro Lebend-Zuschlag für Reservierungen“, sagt Abraham. Ansonsten gibt es nur wenige Vorgaben auf dem rund 2,5 Quadratkilometer großen Friedhof, der zu den größten Europas zählt. Ausnahme: die Grabsteinhöhe.

Rund 100 Kilometer betonierte Straße und ein Wegenetz von insgesamt 450 Kilometern verbinden die 330 000 Grabstätten. Es verkehren Busse, den enormen Entfernungen geschuldet. Besuchern ist die Zufahrt mit dem Pkw gestattet. Auch Fahrradfahren ist erlaubt. „Nur Einradfahren und Skaten, das geht nicht“, sagt Abraham. Und seit 1975 ist auch Jagen auf dem parkähnlichen Gelände verboten.

Insgesamt zehn Totengräber verrichten ihr Werk auf dem Zentralfriedhof; 80 Prozent der Gräber werden noch immer per Hand ausgehoben. „Das ist Knochenarbeit“, sagt Abraham. „Aber viele Wege sind so schmal; mit Maschinen hätte man da keine Chance.“ Ebenfalls gut ausgelastet sind die Friedhofsgärtner. Sie sind zuständig für die rund 1000 Ehrengräber, bei denen die Stadt Wien für Grabmiete und -pflege aufkommt.

Die Idee der „Ehrengräber“ geht auf die Gründungszeit des Friedhof zurück. Die prominenten Toten sollten die Attraktivität des am Stadtrand gelegenen Friedhofs steigern, auf dem anfangs niemand beerdigt werden mochte. Der Plan ging auf; der Friedhof wurde zur beliebten letzten Ruhestätte. Und nicht nur die Toten, auch die Lebenden fühlen sich angezogen von den Grabstätten der Prominenz. Derzeit besonders gefragt: das Grab von Udo Jürgens, ein weiß verhüllter Flügel, die Asche des Sängers in der Mitte eingelassen. „Er wollte auf keinen Fall unter die Erde“, weiß Abraham.

Für die Führerin ist der Friedhof mehr als nur Totenstätte. „Er ist ja nicht tot. Hier ist so viel Leben“, sagt sie. Gärtner, Totengräber, Besucher – für Abraham sind sie sprudelnde Quelle immer neuer Geschichten: das Grab der Erfinderin der ersten Einbauküche, das der ersten Weltreisenden Österreichs; die Gruft mit 99 Urnenplätzen, die ein Japaner reserviert hat für Beethoven-Fans, die ihre letzte Ruhe in der Nähe des großen Komponisten finden wollen.

„Oder die Roma-Gräber. Da veranstalten die Angehörigen an den Wochenenden richtige Familientreffen, besuchen ihre Toten, essen gemeinsam“, sagt sie und blickt auf die Uhr. Sie ist spät dran, verabredet zum Mittagessen mit Willi, dem pensionierten Friedhofsgärtner, der auf dem Friedhofgelände wohnt. Es gibt Spaghetti – und mit etwas Glück eine neue Anekdote.

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