Ein Mann für             den Ernstfall

swp 13.01.2018

»» um Übergriffe zu verhindern. „Manchmal kamen Serben zurück, um zu sehen, ob ihre Häuser noch stehen und ob sie wieder einziehen können. Viele Häuser waren vermint. Auf der anderen Seite standen Kosovo-Albaner. Es flogen Steine. Wir waren dazwischen.“

Es ist Roßmanith in seiner Laufbahn erspart geblieben, selbst auf Menschen schießen zu müssen. Aber zweimal war er nahe dran. In Bosnien hatte er die Hand bereits an der Pistole. Er war allein mit seinem Fahrer unterwegs, als sie plötzlich von einer feindseligen Männerschar umringt wurden. Wären sie attackiert worden, hätte er geschossen, sagt Roßmanith. Dass Waffengewalt Teil des militärischen Systems ist, sei ihm immer bewusst gewesen, sagt Roßmanith. Und dass er Soldaten bei Einsätzen der Todesgefahr aussetzen musste. „Wenn man einen militärischen Operationsplan ausarbeitet, kann das zur Folge haben, dass hunderte Soldaten getötet werden. Da kann man sich nicht fragen, was davon auf das eigene Konto geht. Aber es beschäftigt einen.“

Im Kosovo trug Roßmanith als Brigadekommandeur die Verantwortung für 1500 Bundeswehrsoldaten und insgesamt für 9000 Mann einer internationalen Truppe. Er habe Glück gehabt, sagt Roßmanith. Er geht davon aus, dass er nicht an Einsätzen beteiligt war, die völkerrechtlich oder strafrechtlich schwierig waren. „Ich träume auch nicht davon und schlafe meist nicht schlecht.“

Es gibt auch in der Bundeswehr Ereignisse, die ihn betroffen machen, sagt der Generalleutnant. Die sexuellen Übergriffe in der Kaserne in Pfullendorf gehören dazu. Oder der Fall des Oberleutnants Franco A., der sich parallel zu seiner Tätigkeit in der Truppe als falscher syrischer Flüchtling registrieren ließ und Terroranschläge vorbereitet haben soll, um Flüchtlinge zu diskreditieren. Ermittler gehen heute davon aus, dass Franco A. dem rechtsextremen politischen Lager zuzurechnen ist. „Das geht alles gar nicht“, sagt Roßmanith.

Den Vorwürfen, dass es in der Bundeswehr rechte Zirkel gibt, ist die politische und militärische Führung nachgegangen.  Dass in Medien von „Säuberungen“ und „Durchsuchungen“ die Rede war, als sie sich in den Kasernen nach Wehrmachtshuldigungen umsahen, das war nach Roßmaniths Ansicht zu viel. Er halte nichts von Schwarz-Weiß-Malerei, sagt er. „Der Ruf nach einfachen Lösungen ist verständlich, aber wird der Sache nicht gerecht.“ Deshalb, und weil er das betroffene Grummeln in der Truppe vernahm, widersprach er sogar seiner obersten Dienstherrin, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die verallgemeinernd von Führungsproblemen in der Bundeswehr gesprochen hatte. Das schlug hohe Wellen. „Aber Kritik heißt für mich nicht Unbotmäßigkeit. Das gehört meiner Meinung nach zum Staatsbürger in Uniform.“

Am 1. Februar zieht Richard Roßmanith diese Uniform aus. „Ich habe dann keine Verantwortung mehr. Die lässt einen im Alltag doch nicht los. Mir kommen schon mal nachts Dinge in den Kopf, die mich beschäftigen. Manchmal fällt mir eine Lösung ein, und ich stehe auf und notiere sie, damit sie nicht am nächsten Morgen verschwunden ist.“ Er wird nach Lemgo zurückkehren, wo seine Familie sich nach acht Umzügen niedergelassen hat. Er selbst brachte es auf knapp zwei Dutzend  Ortswechsel.

Roßmanith kann sich nun darum kümmern, sein Golf-Handicap zu verbessern. Und er will wieder Klavier spielen. Nur eines wird er nicht tun: Lobbyist der Rüstungsindustrie werden. Entsprechende Angebote habe es gegeben, aber davon halte er nichts, sagt er entschieden.  Stattdessen wird er als Mentor arbeiten, etwa an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

Lebenslauf

1955:  Richard Roßmanith wird am 16. März in Monheim (Landkreis Donauwörth) geboren.

Juli 1973:  Eintritt in die Bundeswehr. Beginn der Offiziersausbildung, Studium der Elektrotechnik an der Universität der Bundeswehr in München.

1985: Teilnahme an einem Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

1987: Berufung zum Dezernenten für militärpolitische Fragen beim Deutschen Vertreter im Militärausschuss der Nato in Brüssel.

1990: Chef des Stabes der 4. Motorisierten Schützendivision der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR, Umzug nach Erfurt. Aufgabe: Integration der NVA-Soldaten in die Bundeswehr.

1991: Wechsel ins Nato-Hauptquartier in Karup (Dänemark).

1997: Stabsoffizier des deutschen Einsatzkontingentes der Nato-Schutztruppe SFOR in Rajlovac (Bosnien-Herzegowina). Aufgabe: Nach dem Bosnienkrieg sollen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verhindert werden.

2003: Kommandeur der multinationalen Brigade Süd-West und des deutschen Kontingentes der Kosovo-Truppe KFOR in Prizren.

2006: Wechsel ins militärische Nato-Hauptquartier Shape in Mons (Belgien).

September 2010 bis Januar 2012: Einsatz in Afghanistan als stellvertretender Chef des Stabes im ISAF-Hauptquartier in Kabul.

seit 2013: Befehlshaber des in Ulm stationierten Bundeswehrkommandos „Multinationales Kommando Operative Führung“. Aufgabe: Auslandseinsätze der Bundeswehr führen.

31. Januar 2018: voraussichtlich Ruhestand.