Ulm Bundeswehr-General: Ein Mann für den Ernstfall

Ulm / Willi Böhmer 14.01.2018
Fast 45 Jahre diente Richard Roßmanith der Bundeswehr, zuletzt als Drei-Sterne-General. Jetzt geht er in den Ruhestand. Ein Rückblick.

Richard Roßmanith steht im Burggraben der Wilhelmsburgkaserne in Ulm und trinkt einen Becher Glühwein. Um ihn herum stehen in kleinen Gruppen Soldaten, mit denen er seit fünf Jahren eng zusammenarbeitet. Er unterhält sich, erzählt eine kleine Geschichte, geht weiter. Es ist die Jahresabschlussfeier des in Ulm stationierten Bundeswehrkommandos. Und es ist ein vorgezogener Abschied für den Drei-Sterne-General, der vor fast 45  Jahren in die Bundeswehr eintrat.

Das Soldatenleben hat Kraft gekostet. Der 62-Jährige freut sich auf die Zeit danach. Trotzdem: Müsste er sich heute für einen Beruf entscheiden, würde er erneut Soldat werden, sagt Roßmanith.

1973, als er sich freiwillig zur Bundeswehr meldete, war er ein Exot. Es war die Zeit, in der ganze Schulklassen den Wehrdienst verweigerten. Nicht Roßmanith: Er meldete sich schon vor der Musterung  freiwillig. Dabei gibt es weder in seiner Familie noch in der seiner Großeltern einen Berufssoldaten. Richard Roßmanith war sportlich, und er wollte studieren – warum nicht bei der Bundeswehr? Dass er bis zum Generalleutnant aufsteigen würde, dem zweithöchsten Dienstgrad in der Bundeswehr, hätte er sich damals nicht träumen lassen.

Das Wort Verlässlichkeit taucht immer wieder auf, wenn der General von soldatischen Tugenden spricht. Und Verantwortungsbewusstsein. Hierarchie müsse sein, einer müsse das Sagen haben, auch in einer Parlamentsarmee wie der Bundeswehr, die den Begriff  vom „Staatsbürger in Uniform“ erfunden hat, sagt der General. Wie sollten sie sonst kritische Situationen, etwa bei Auslandseinsätzen, bestehen? Wie während des Afghanistaneinsatzes im April 2011, als das ISAF-Hauptquartier in Kabul angegriffen wurde: „Ich telefonierte gerade mit einem Admiral im Verteidigungsministerium, als es rummste. Mir war sofort klar, dass da eine Bombe hochgegangen ist. Wir setzten den Helm auf, zogen die Schutzweste an und gingen in Deckung.  Die Sicherungsleute mussten raus ins Feuergefecht.“ Keine Zeit für Diskussionen, für solche Situationen wurden sie ausgebildet, sagt Roßmanith. Auch in Friedenszeiten geht es in der Kaserne zackig zu. Als der Befehlshaber den Europasaal betritt, spritzen alle Soldaten von ihren Sitzen hoch, legen ihre Hand zum militärischen Gruß an den Mützenrand. Später, nach dem offiziellen Teil,  unterhalten sich alle locker, quer durch die Dienstgrade, so wie es auch in einer Firma in der Wirtschaft geschehen würde.

„Früher war das so: Ich entscheide und frage keinen anderen“, sagt der Generalleutnant. „Heute holt man Stellungnahmen von anderen ein, leistet selbst nur einen Beitrag. Es ist ein ständiges Ringen zwischen zu viel und zu wenig Beteiligung.“ Kooperativer Führungsstil hat längst auch in der Armee Einzug gehalten. „Das ist positiv“, sagt Roßmanith, aber auch anstrengender und langwieriger. „Heute sind wir eben viel netzorientierter.“ Dieses Miteinander ist in einer hochspezialisierten Truppe, in der jeder auch auf die Kenntnisse des Nebenmanns angewiesen ist, viel  ausgeprägter als in reinen Kampfeinheiten.

Das wird auch deutlich, als der General in seinem Dienstzimmer den Stabshauptmann S. zum Entlassungsgespräch empfängt. Mehr als 32 Jahre war S. bei der Bundeswehr, davon 22 Jahre für die IT-Sicherheit zuständig, einer Schlüsseltechnologie in Zeiten von Hackerangriffen und Cyber War. S. sitzt locker auf der Couch, der General bestellt Kaffee für beide, sie diskutieren über die Sicherheit von Führungs- und Informationssystemen. So sei das immer, sagt Hagen Messer, Oberstleutnant und Pressesprecher des Befehlshabers: Jeder Soldat, der ins knapp 900 Köpfe zählende Kommando kommt oder weiterzieht, erhält einen Gesprächstermin beim Chef. Mancher junge Leutnant tut sich gar nicht so leicht, wenn er plötzlich dem hohen Generalleutnant gegenüber sitzt.

Reisen gehört zum Leben eines Generals. Truppenbesuch in Somalia, Besprechung im Verteidigungsministerium in Berlin, Generalsrunden hier und dort. Man kennt sich und informiert sich. Soeben kommt Roßmanith von einer zweitägigen Konferenz der Streitkräftebasis aus Erfurt zurück.

Dazu kommen die Auslandseinsätze, Bosnien im Jahre 1997 war sein erster. „So ein Einsatz ist nicht nur die Abwesenheit von zuhause. Die ersten Nächte lagerten wir in einem zerschossenen Gebäude, der Fensteröffnungen nur provisorisch mit Plastikplanen abgedichtet worden waren.“ Eine gewöhnungsbedürftige Situation. Eine Übung ist eine Sache, ein Einsatz verläuft oft ganz anders, unberechenbar. Das wiederum, sagt Roßmanith, mache seinen Beruf so reizvoll: Es gebe ständig neue Herausforderungen. Zum Glück, fügt er hinzu, brauche er wenig Schlaf. Sechs Stunden müssen in der Regel reichen.

Manchmal war die Pflicht auch eine schwere Bürde. Etwa, als seine jüngere Tochter Johanna sich auf die Kommunion freute und unbedingt wollte, dass der Papa dabei ist. Der gehörte aber zum Vorkommando für den Einsatz in Bosnien und musste eine Woche vor dem Termin für mehrere Monate nach Rajlovac. Das Herz blutete ihm, die Tochter war stocksauer, aber es kam für ihn nicht infrage, um eine Zurückstellung zu bitten. Vorbild sein, auch wenn es schmerzt – so hat Roßmanith seinen Beruf gelebt.

Ob er bei seinen Einsätzen nie Angst hatte? Der General würde dieses Wort nicht in den Mund nehmen. Aber die enorme Anspannung, den Adrenalinausstoß, räumt er ein. Die Sorge, dass alle Soldaten heil von einem Einsatz zurückkehren. Im Kosovo beispielsweise, wo die Spannung zwischen den Bevölkerungsgruppen enorm war. Die deutschen Soldaten waren permanent auf Streife, um Übergriffe zu verhindern. „Manchmal kamen Serben zurück, um zu sehen, ob ihre Häuser noch stehen und ob sie wieder einziehen können. Viele Häuser waren vermint. Auf der anderen Seite standen Kosovo-Albaner. Es flogen Steine. Wir waren dazwischen.“

Es ist Roßmanith in seiner Laufbahn erspart geblieben, selbst auf Menschen schießen zu müssen. Aber zweimal war er nahe dran. In Bosnien hatte er die Hand bereits an der Pistole. Er war allein mit seinem Fahrer unterwegs, als sie plötzlich von einer feindseligen Männerschar umringt wurden. Wären sie attackiert worden, hätte er geschossen, sagt Roßmanith. Dass Waffengewalt Teil des militärischen Systems ist, sei ihm immer bewusst gewesen, sagt Roßmanith. Und dass er Soldaten bei Einsätzen der Todesgefahr aussetzen musste. „Wenn man einen militärischen Operationsplan ausarbeitet, kann das zur Folge haben, dass hunderte Soldaten getötet werden. Da kann man sich nicht fragen, was davon auf das eigene Konto geht. Aber es beschäftigt einen.“

Im Kosovo trug Roßmanith als Brigadekommandeur die Verantwortung für 1500 Bundeswehrsoldaten und insgesamt für 9000 Mann einer internationalen Truppe. Er habe Glück gehabt, sagt Roßmanith. Er geht davon aus, dass er nicht an Einsätzen beteiligt war, die völkerrechtlich oder strafrechtlich schwierig waren. „Ich träume auch nicht davon und schlafe meist nicht schlecht.“

Es gibt auch in der Bundeswehr Ereignisse, die ihn betroffen machen, sagt der Generalleutnant. Die sexuellen Übergriffe in der Kaserne in Pfullendorf gehören dazu. Oder der Fall des Oberleutnants Franco A., der sich parallel zu seiner Tätigkeit in der Truppe als falscher syrischer Flüchtling registrieren ließ und Terroranschläge vorbereitet haben soll, um Flüchtlinge zu diskreditieren. Ermittler gehen heute davon aus, dass Franco A. dem rechtsextremen politischen Lager zuzurechnen ist. „Das geht alles gar nicht“, sagt Roßmanith.

Den Vorwürfen, dass es in der Bundeswehr rechte Zirkel gibt, ist die politische und militärische Führung nachgegangen.  Dass in Medien von „Säuberungen“ und „Durchsuchungen“ die Rede war, als sie sich in den Kasernen nach Wehrmachtshuldigungen umsahen, das war nach Roßmaniths Ansicht zu viel. Er halte nichts von Schwarz-Weiß-Malerei, sagt er. „Der Ruf nach einfachen Lösungen ist verständlich, aber wird der Sache nicht gerecht.“ Deshalb, und weil er das betroffene Grummeln in der Truppe vernahm, widersprach er sogar seiner obersten Dienstherrin, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die verallgemeinernd von Führungsproblemen in der Bundeswehr gesprochen hatte. Das schlug hohe Wellen. „Aber Kritik heißt für mich nicht Unbotmäßigkeit. Das gehört meiner Meinung nach zum Staatsbürger in Uniform.“

Am 1. Februar zieht Richard Roßmanith diese Uniform aus. „Ich habe dann keine Verantwortung mehr. Die lässt einen im Alltag doch nicht los. Mir kommen schon mal nachts Dinge in den Kopf, die mich beschäftigen. Manchmal fällt mir eine Lösung ein, und ich stehe auf und notiere sie, damit sie nicht am nächsten Morgen verschwunden ist.“ Er wird nach Lemgo zurückkehren, wo seine Familie sich nach acht Umzügen niedergelassen hat. Er selbst brachte es auf knapp zwei Dutzend  Ortswechsel.

Roßmanith kann sich nun darum kümmern, sein Golf-Handicap zu verbessern. Und er will wieder Klavier spielen. Nur eines wird er nicht tun: Lobbyist der Rüstungsindustrie werden. Entsprechende Angebote habe es gegeben, aber davon halte er nichts, sagt er entschieden.  Stattdessen wird er als Mentor arbeiten, etwa an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

Lebenslauf

1955:  Richard Roßmanith wird am 16. März in Monheim (Landkreis Donauwörth) geboren.

Juli 1973:  Eintritt in die Bundeswehr. Beginn der Offiziersausbildung, Studium der Elektrotechnik an der Universität der Bundeswehr in München.

1985: Teilnahme an einem Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

1987: Berufung zum Dezernenten für militärpolitische Fragen beim Deutschen Vertreter im Militärausschuss der Nato in Brüssel.

1990: Chef des Stabes der 4. Motorisierten Schützendivision der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR, Umzug nach Erfurt. Aufgabe: Integration der NVA-Soldaten in die Bundeswehr.

1991: Wechsel ins Nato-Hauptquartier in Karup (Dänemark).

1997: Stabsoffizier des deutschen Einsatzkontingentes der Nato-Schutztruppe SFOR in Rajlovac (Bosnien-Herzegowina). Aufgabe: Nach dem Bosnienkrieg sollen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verhindert werden.

2003: Kommandeur der multinationalen Brigade Süd-West und des deutschen Kontingents der Kosovo-Truppe in Prizren.

2006: Wechsel ins militärische Nato­Hauptquartier Shape in Mons (Belgien).

September 2010 bis Januar 2012: Einsatz als stellvertretender Chef des Stabes im ISAF-Hauptquartier in Kabul.

seit 2013: Befehlshaber des in Ulm stationierten „Multinationales Kommando Operative Führung“. Aufgabe: Auslandseinsätze der Bundeswehr führen.

1. Februar 2018: Ruhestand.

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