Ein Händchen für Kinder

Der Gambier Abdou Ndure hilft in der Sigmaringer Fidelisschule bei der Essensausgabe und erklärt den Kindern den Umgang mit Besteck.
Der Gambier Abdou Ndure hilft in der Sigmaringer Fidelisschule bei der Essensausgabe und erklärt den Kindern den Umgang mit Besteck. © Foto: Bildquelle
Lisa Maria Sporrer 25.02.2017

Bei Kindern ist Abdou Ndure mehr als geduldet. Jeden Morgen stürmen die Kinder der Fidelisschule auf den jungen Mann zu, wollen mit ihm reden, spielen und rufen im Gang der Sonderpädagogischen Bildungseinrichtung in Sigmaringen ganz aufgeregt „Abdou kommt.“ Aus dem Kreis der ehrenamtlichen Betreuer des Geflüchteten kam im letzten Jahr eine Anfrage an die Schule: „Die Betreuer hatten bemerkt, dass er ein Händchen für Kinder hat; dass seine sozialen Kompetenzen sehr ausgeprägt sind“, sagt Alexandra Keinath, Konrektorin und zuständig für die jungen Menschen, die an der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Rund sechs FSJler sind jedes Jahr an der Schule im Einsatz, der 22-jährige Gambier aber ist der erste mit Fluchthintergrund.

Weil seine Deutschkenntnisse noch verbesserungswürdig sind, hospitierte er nicht nur einen Tag an der Schule, sondern eine Woche. Da wurde den Verantwortlichen schnell klar, dass er sich gut machen würde, sagt Keinath. In den Eingangsklassen mit rund sechs Schülern sitzt Abdou neben den Kindern, spricht ihnen freundlich zu, teilt mittags in den Klassenräumen das Essen aus und erklärt dabei den Umgang mit Besteck. Hauptsächlich aber ist er zuständig für einen autistischen Jungen, der sich nur schwer artikulieren kann. Er spielt mit ihm in der Pause, hilft ihm beim Anziehen von Jacke und Schuhen und versucht, auch den Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, die von allen Seiten auf dem Pausenhof seine Gesellschaft einfordern. „Abdou macht das fantastisch“, sagt die Schulleiterin Monika Tilch-Fuchs. „Er ist nicht überbehütend und zeigt trotzdem eine wahnsinnige Präsenz. Das ist nicht selbstverständlich.“ Auch die Tatsache, dass mit dem jungen Gambier mal ein männlicher FSJler von morgens bis zum Schulschluss am Nachmittag da sei, spreche die Kinder ungemein an.

Ein neues Sonderprogramm des Sozialministeriums ermöglicht es jungen Flüchtlingen seit Dezember 2015, ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. Die Maßnahme ist Teil der Bemühungen der Regierung, Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive bei der Integration in die Gesellschaft zu unterstützen. „Uns stehen rund 60 Stellen zur Verfügung“, berichtet Diana Pakatchi von den Freiwilligendiensten der Diözese Rottenburg-Stuttgart. „Momentan sind 35 Plätze belegt, sowohl von Geflüchteten, als auch von Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren“, sagt Pakatchi. 15 davon nehmen an dem Programm „perspectiVe“ teil, und einer von ihnen ist Abdou Ndure. Ob er eine Bleibeperspektive hat, weiß er nicht. Offiziell ist er momentan politisch geduldet. Das reicht Flüchtlingen rechtlich als Voraussetzung für ein FSJ, sofern sie sich bereits seit einem Jahr in Deutschland aufhalten.

Abdou, der sich jeden Morgen um sechs Uhr aus seiner Flüchtlingsunterkunft aufmacht, um bei der Busbegleitung der Schüler morgens zu helfen, kam vor gut einem Jahr über das Mittelmeer nach Deutschland. „Es war ein kleines Boot, zehn Leute passten rein“, sagt er, und: „sehr gefährlich.“ Er kam in Italien an, schlug sich nach Karlsruhe durch, und kam über Heidelberg nach Sigmaringen. Dort lebt er nun in einem Zweibettzimmer mit kleinem Fernseher. Aber er sei auch vor seiner Arbeit in der Schule kaum in der Unterkunft gewesen, meint er. Er besuchte Sprachkurse, fuhr zum Fußballtraining.

Die Schulleiterin Monika Tilch-Fuchs sagt über ihn: „Er kann die Kinder toll motivieren, jeder mag ihn.“ Dazu sei er sehr gewissenhaft, mache viel über das geforderte Maß hinaus. „Und dabei ist ein FSJ nicht zum Geldverdienen da“, sagt sie. FSJler bekommen ein so genanntes Taschengeld. 320 Euro plus 40 Euro Spesen. „Insgesamt bekommt Abdou monatlich etwa 20 Euro mehr, als er ohne Arbeit als Sozialleistung bekäme“, meint Keinath.

Dieses Engagement wollen die Beteiligten an der Schule belohnen: Sie haben ihm eine Praktikumsstelle besorgt in einem Altenheim. Dort ist er nun in den Faschingsferien. Vielleicht bestehe dann nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr die Möglichkeit, bei der Akademie für Gesundheit und Soziales eine Ausbildung zum „Alltagsbetreuer“ zu machen, hofft Tilch-Fuchs. „Mit den Bildungswochen und der Vernetzung unter den FSJlern, mit Beratung und Hilfestellungen versuchen wir die jungen Menschen bei ihrem Dienst für die Gemeinschaft zu unterstützen“, sagt Pakatchi. Eine Perspektive, die auch dem jungen Mann gefällt: „Ich habe bei uns in Gambia schon meine Großmutter gepflegt. Ich konnte ohne Worte ihre Bedürfnisse verstehen.“

Sonderprogramm

Für das Sonderprogramm „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“ hat die Bundesregierung insgesamt 10 000 zusätzliche BFD-Stellen für den Bereich Flüchtlinge bereitgestellt. Darin integriert ist das Sonderprogramm „FSJ-Integration“, das 300 000 Euro über die bereits bestehende FSJ-Förderung hinaus umfasst. Das Geld fließt in die pädagogische Begleitung der Flüchtlinge während des FSJ sowie in Deutschstunden. lms

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